Rebhuhn-Rettung: Wie der Vogel des Jahres Aufwind bekommt

Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma Sina Schuldt/dpa
Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma Sina Schuldt/dpa

Brockum (dpa) –

Hier ist besetzt! Das macht der Hahn mit seinem Krächzen Konkurrenten deutlich. Der Ton kommt allerdings aus einem Lautsprecher, den Marcel Holy in den Abendhimmel hält. Es handelt sich um eine akustische Provokation. Der Leiter der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer gaukelt Rebhühnern vor, dass da ein anderer Hahn in der Dunkelheit steht. 

Wenn aus den Feldern ebenfalls der Revierruf «kirräck» erklingt, kann er ein Kreuz auf seiner Landkarte machen: Auf diese Weise werden die männlichen Rebhühner gezählt. Hier in Brockum nordöstlich von Osnabrück in Niedersachsen und im angrenzenden Nordrhein-Westfalen sowie in den anderen Flächenländern. Allerdings ist in vielen Landstrichen Deutschlands keine Antwort eines Hahns zu erwarten. 

Wie stark ist der Bestand gesunken?

Die Initiative «Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!» geht davon aus, dass noch etwa 35.000 bis 61.000 Brutpaare in Deutschland leben. Das bedeute einen Rückgang zwischen 1980 und 2025 um mehr als 80 Prozent. Einer Erhebung des Deutschen Jagdverbandes zufolge ist der Bestand zuletzt leicht gestiegen: Im Vergleich zum Tiefstand 2019 wurden demnach 2023 ein Drittel mehr Paare gemeldet. 

Warum gibt es deutlich weniger Rebhühner?

Die Umweltorganisation Nabu sieht unter anderem den Rückgang von Insekten als Faktor für das Schrumpfen des Bestands. In den ersten Lebenswochen seien junge Rebhühner auf Insekten und Spinnen als Nahrung angewiesen. Zudem seien viele Brachen und krautreiche Feldraine in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen, die zum Nisten und Brüten benötigt werden.

Wie kann das Rebhuhn gerettet werden? 

Um das Rebhuhn zu retten, setzt die Initiative in einer Reihe von Projektgebieten in acht Bundesländern Schutzmaßnahmen um. Dazu gehören mehrjährige Blühflächen und Brachen, Getreidefelder mit doppeltem Reihenabstand und niedrig wachsender Untersaat, Feld- und Wegraine sowie Hecken. Auch das Bejagen von Fressfeinden der Rebhühner ist ein Thema. 

Wie ist die Resonanz bei Landwirten? 

Im Fokus steht die Landwirtschaft, Lebensraum für Rebhühner zu schaffen und zu verbessern. «Wir rennen da offene Türen ein. Die Bereitschaft ist absolut da», sagt Projektmanagerin Elisabeth Böhnlein vom Deutschen Verband für Landschaftspflege. Die Fördermöglichkeiten für die Landwirte seien allerdings bundesweit nicht gleich, sondern je nach Bundesland sehr unterschiedlich. 

Kommt das auch anderen Tierarten zugute?

Hunderte Landwirte in Deutschland beteiligten sich an den Schutzmaßnahmen, heißt es. Besonders wichtig sei die Beratung von Landwirten, welche Maßnahmen und Förderungen möglich seien. Für die Landwirte müsse das wirtschaftlich sein. «Die Maßnahmen helfen nicht nur dem Rebhuhn, sondern auch vielen anderen Arten», betont Böhnlein. Etwa Nachtfalter und andere Vögel profitierten davon.

Wie sieht das konkret aus?

Landwirt Christian Wiese lebt und arbeitet unweit von Brockum in Stemwede in Nordrhein-Westfalen. Die Landesgrenze zu Niedersachsen verläuft unsichtbar irgendwo zwischen den Windrädern hinter ihm. Bereits seit fünf Jahren ist er für das Rebhuhn dabei, schafft «Unterschlupf, Nahrung, Sicherheit». Direkt neben Blühpflanzen stehen weitere Pflanzen und Getreide, die nicht geerntet wurden. 

In der Nähe gibt es weitere Blühflächen, die Insekten anziehen, Bäume und einen Teich und damit eine Kombination, eine Vernetzung, wie Wiese betont. Bei der Anfahrt flüchtet gerade ein Fasan über das Feld. Um das Raubwild zu reduzieren, nutzt Wiese eine Betonrohrfalle. Zum Raubwild gehören in dieser Gegend neben Fuchs, Marder und Dachs auch Waschbären und Marderhund. 

Wie erfolgreich ist das Projekt?

Die Dümmerregion um Brockum und Stemwede in Niedersachsen und NRW ist eines von vielen Projektgebiete zur Rettung des Rebhuhns. An 94 Routen wurden dort 2025 laut Monitoring 121 Hähne nachgewiesen. Aber an fast jeder zweiten Route wurde kein Hahn festgestellt. «An manchen Strecken gab es mehr Nachweise als in den Vorjahren», sagt Holy zur laufenden Zählung 2026.

Ein genereller Aufwärtstrend sei aber nicht zu sehen. «Wir konzentrieren den Einsatz der Fördermittel in Schwerpunktbereichen.» Mit neuen Blühstreifen gebe es Erfolge. Auf der Route in Brockum zählten Holy und seine sechs freiwilligen Helfer von 18.40 bis 19.10 Uhr fünf Hähne anhand der Revierrufe. Und einen Hahn, der mit seiner Henne kurz nach Beginn der Zähltour aus dem Feld davonflog. 

Warum wird im Halbdunkel gezählt?

Die Zählaktionen finden in der Balzzeit rund um Sonnenuntergang statt. In der Dämmerung fühlen sich die Hähne einigermaßen sicher, um «Alarm zu machen». Ist es zu hell, droht Gefahr durch Habicht und Mäusebussard. Ist es dunkel, können Fuchs und Marder leichte Beute machen.

 

Laut Monitoring 2025 wurden vergleichsweise hohe Rebhuhn-Dichten erneut in Hessen im Projektgebiet Gießener Land und Wetterau festgestellt. Eine besonders positive Entwicklung wurde im Hessischen Ried und im Gäuboden (Landkreis Straubing-Bogen) beobachtet. In vielen Regionen wie Oberfranken, Göttingen und nördliches Eichsfeld blieb der Rebhuhnbestand stabil. 

Die sechs Helfer bei der Zähltour in Brockum nehmen an diesem Abend ein besonderes Natur- und auch Klangerlebnis mit. Für manche sind es erste Erfahrungen mit dem Revierruf des Hahns, der jetzt sicher zugeordnet werden kann.

© dpa-infocom, dpa:260309-930-788787/1

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