Hamburg (dpa/lno) –
Mitten im Rotlichtviertel in St. Pauli – zwischen Sexshops, Clubs und Bars – liegt sein täglicher Arbeitsplatz: Seit einem Jahr ist Kay Strasberg Leiter der Davidwache an der Reeperbahn, dem wohl bekanntesten Polizeikommissariat Deutschlands. «Ich fühle mich nach einem Jahr hier an der Davidwache absolut angekommen», sagt er.
Der Ankommensprozess gehe aber natürlich noch weiter, gerade im Stadtteil. Mit vielen Menschen, Anwohnern, Besuchern oder Vereinen seien er und seine Mitarbeiter bereits im Austausch. «Ich will die Vernetzung der Polizei mit anderen Partnern im Stadtteil aufrechterhalten und sie weiter intensivieren», betont Strasberg.
Der Kiez: «Ein Schmelztiegel verschiedener Milieus»
Der Hamburger Kiez sei ein Schmelztiegel verschiedener Milieus, von denen einige von der Gesellschaft eher den Randgruppen zugeordnet würden, erzählt er. «Wir haben hier keine sogenannten Schönen und Reichen, die hier im Kiez wohnen, wenige vielleicht.»
Zu einer dieser Randgruppen gehören auch Obdach- und Wohnungslose im Viertel. Zu Beginn seiner Amtszeit sei Strasberg mit den vier Stadtteilpolizisten der Davidwache auf Streife gegangen, ihre Arbeit habe ihn besonders beeindruckt, sagt er. «Da habe ich erlebt, wie sie die Wohnungslosen mit Namen ansprechen, ihre Geschichte kennen, zum Teil ihre Krankheitsbilder, und sich ganz respektvoll und auf Augenhöhe unterhalten. Da bekomme ich immer noch Gänsehaut.»
Es sei nicht das Ziel und auch nicht die Aufgabe der Polizei, Wohnungslose von der Straße wegzubekommen, erklärt Strasberg. «Für uns ist wichtig, mit einem respektvollen Umgang für die Menschen da zu sein und immer wieder auf Hilfsangebote hinzuweisen.»
Viele Menschen auf engem Raum
Bereits mit 19 begann Strasbergs Karriere bei der Polizei. Bevor der gebürtige Brandenburger sein Amt als Leiter der Davidwache antrat, war er bereits Einsatzgruppenführer bei den Spezialeinsatzkräften (SEK), Hundertschaftsführer bei der Bereitschaftspolizei und leitete die Wachen in Wandsbek und Bahrenfeld. In letzterer war der leidenschaftliche Liverpool-Fan mitverantwortlich für das Volksparkstadion und den HSV.
Mit der Davidwache übernahm Strasberg keine Wache wie jede andere. Wie die Polizeiliche Kriminalstatistik zeige, werden auf St. Pauli die zweitmeisten Straftaten aller Stadtteile im Bezirk Mitte registriert, sagt Strasberg. Das habe auch damit zu tun, dass auf einem relativ engen Raum viele Menschen zusammenkommen, die diesen Ort für ihr Veranstaltungs-Erlebnis wahrnehmen, und eine hohe Polizeidichte – insbesondere an Wochenenden – auch zu mehr Anzeigen führe.
Strasberg: wollen Reeperbahn nicht zu «Polizeigebiet» machen
«Wir sind an Recht und Gesetz gebunden und drücken bei Straftaten kein Auge zu», betont Strasberg. Dazu machten seine Kolleginnen und Kollegen ihre Maßnahmen stets transparent und geben Besucherinnen und Besuchern Tipps, um möglichem Ärger aus dem Weg zu gehen. Dazu gehöre zum Beispiel auch der freundliche Hinweis auf das bestehende Waffenverbot und das Verbot zum Mitführen von Glasflaschen. Letztere würden wiederkehrend als Tatwaffe eingesetzt.
«Das ist ein ganz wichtiger Punkt: In den regelmäßigen Austausch zu gehen, sodass man Vertrauen aufbaut und Menschen das Gefühl haben, zur Polizei kann ich jederzeit kommen, sie ist ein verlässlicher Ansprechpartner», erläutert Strasberg. Aus seiner Diensterfahrung wisse er aber auch, dass nicht jeder die Polizei möge und man es nicht schaffe, mit jedem so ins Gespräch zu kommen, wie man sich das manchmal vorstelle.
«Was wir nicht wollen, ist die Reeperbahn zu einem „Polizeigebiet“ zu machen. Wir haben einen erhöhten Standard an polizeilicher Präsenz und sind vor Ort sicht- und ansprechbar.» Und man wolle nicht die Reeperbahn vorn und hinten dichtmachen und als Polizei Eingangskontrollen durchführen. «Das ist rechtlich nicht möglich und es hätte auch kaum jemand Verständnis dafür», erklärt Strasberg.
Abstrakte Gefährdungslagen bei Großveranstaltungen
Seit Amtsantritt an der Davidwache hat Strasberg unter anderem Großveranstaltungen wie den Schlagermove mit 400.000 Schlagerfans oder den CSD polizeilich begleitet.
«Wenn man in diesen Zeiten lebt und sich zwar weiterhin einer abstrakten, aber dennoch erhöhten Gefährdungslage gegenübersieht, wie sie in der Vergangenheit zumindest gefühlt so nicht bestand, dann ist das zu einem eine interessante Herausforderung, aber zum anderen auch eine Menge Verantwortung, die man trägt», erzählt Strasberg.
Das mache auch etwas mit ihm, sagt er. «Ich gehe zwar trotzdem positiv in den Einsatz, aber denke noch mal eine Sekunde mehr darüber nach: Habe ich jetzt an alles gedacht? Werde ich dem polizeilich gerecht und kann ich für ein sicheres Veranstaltungs-Erlebnis sorgen?»
Früher war Strasberg selbst auf der Reeperbahn feiern
«Ich trage für meine Mitarbeitenden eine Verantwortung und bin nicht frei davon, manchmal Sachen von der Arbeit mitzunehmen. Das eine oder andere beschäftigt mich abends manchmal oder auch mal über mehrere Tage oder Wochen», erzählt Strasberg. Ruhe finde er Zuhause – beim Kochen oder bei Zeit mit der Familie.
Früher habe er selbst ab und zu auf dem Kiez gefeiert. «In den 90er Jahren war der Kiez nach meinem Eindruck aber noch sehr anders.» Damals habe es außerhalb der Gastronomie nur einen Ort gegeben, an dem man Alkohol kaufen konnte. Heutzutage sei das Angebot mit den vielen Kiosken auf der ganzen Meile viel größer und Alkohol damit noch leichter verfügbar, erzählt Strasberg.
Heute gehe er privat nicht mehr auf die Reeperbahn, die dieses Jahr ihr 400-jähriges Jubiläum feiert. «Ich weiß natürlich, dass ich meine Verantwortung habe und auch Vorbild für meine Kolleginnen und Kollegen bin, aber es gibt kein generelles Kiezverbot oder Ähnliches für Polizistinnen und Polizisten – auch nicht für die Mitarbeitenden der Davidwache.» Eine Sensibilisierung dahingehend finde aber schon statt.
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