Hamburg/Dubai (dpa) –
Seit Wochen ist die Straße von Hormus weitgehend unpassierbar für Schiffe, die Verwerfungen für die Weltwirtschaft sind allgegenwärtig, spürbar vor allem an der heimischen Tankstelle. Das Schicksal Hunderter Seeleute gerät da leicht aus dem Blick. Sie harren seit Wochen im Persischen Golf auf Schiffen aus, ohne klare Perspektive, wie es für sie weitergeht. Denn nach mehr als zwei Monaten Krieg der USA und Israels mit dem Iran sieht es nicht danach auf, dass der Konflikt um die Meerenge bald gelöst ist – trotz Waffenruhe.
Warum sitzen die Seeleute fest?
«Die Besonderheit des Persischen Golf ist es, dass es eine Sackgasse ist», sagt Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR). Um in den Golf von Oman und darüber auf die Weltmeere zu gelangen, muss man die Meerenge zwischen dem Iran im Norden und dem Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Süden passieren. An ihrer engsten Stelle ist sie nur rund 33 Kilometer breit, die eigentlichen Schifffahrtsrouten umfassen lediglich wenige Kilometer pro Richtung. Schon begrenzte militärische Aktionen oder Drohungen können den Schiffsverkehr lahmlegen.
Die Revolutionsgarden, Irans mächtige Elitestreitmacht, haben die Kontrolle über die Meerenge an sich gezogen. Trotz Waffenruhe in dem Konflikt ist die sichere Passage der Meerenge nicht gewährleistet. Weil auch eine Einfahrt in den Persischen Golf nicht möglich ist, liegen einige Schiffe auf Liegeplätzen vor der Straße von Hormus.
Wie viele Seeleute und Schiffe sind in der Region betroffen?
Nach Angaben der International Maritime Organisation (IMO) sind es rund 20.000 Seeleute, Hafenarbeiter und Offshore-Besatzungen. Darunter sind dem VDR zufolge 47 Schiffe mit einem deutschen Bezug. «Insgesamt sind zehn deutsche Reedereien betroffen», sagt VDR-Präsidentin Gaby Bornheim. Rund 1.000 Seeleute sollen sich auf diesen Schiffen, etwa Containerschiffen, befinden.
Zwei deutsche Kreuzfahrtschiffe, die «Mein Schiff 4» und die «Mein Schiff 5» von TUI Cruises, hatten Mitte April die Straße von Hormus durchqueren können. «Das war aber nur ein sehr kurzes Zeitfenster», sagt Bornheim. Nämlich kurz nachdem der Iran die Öffnung der Meerenge verkündet hatte. Weil die USA aber an der Blockade iranischer Häfen festhielten, ging der Iran wieder auf Konfrontationskurs und nahm die Ankündigung zurück.
Wie geht es den Besatzungen auf den blockierten Schiffen?
«Die Situation ist schon noch sehr angespannt für die Crews und die Besatzungen an Bord, weil sie quasi gefangen sind an Bord und überhaupt keine Zukunftsperspektive haben, wann sich die Lage mal entspannt», sagt Kröger.
Was die Versorgung betrifft, sagt VDR-Präsidentin Bornheim mit Blick auf die Seeleute auf den Schiffen mit deutschem Bezug: «Sie sind, soweit wir das sagen können, gut versorgt.» Viele Schiffe lägen in der Nähe von Häfen, sodass es Möglichkeiten gebe, Proviant und Frischwasser aufzunehmen.
Viele Reedereien stehen laut Reeder-Verband mehrmals täglich mit ihren Kapitänen und Crews in Kontakt, etwa um Lageeinschätzungen auszutauschen. Die Sicherheit der Crews stehe jederzeit an erster Stelle, heißt es. Kontakt zu ihren Familien können die Seeleute über Satelliten-Internetverbindungen halten.
Zeitgleich müssen sich die Besatzungen an Bord weiter um den Schiffsbetrieb kümmern. Handelsschiffe können nicht einfach wie ein Auto «abgestellt» werden, sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Kröger. Auch wenn ein Schiff auf Reede liege, müssten die Maschinen betrieben werden.
Wie lang können Crews und Schiffe in der Lage ausharren?
Theoretisch sei es möglich, Besatzungen durchzutauschen, etwa über Häfen im Oman. Das sei allerdings aufwendig, sagt VDR-Präsidentin Bornheim. So etwas geschehe auch bereits, etwa wenn es um Notfälle an Bord gehe. Grundsätzlich lägen die Bordzeiten der Seeleute bei drei bis maximal sechs Monaten. Diese Fristen rückten nun näher.
Wie gefährlich wäre es, die Meerenge einfach zu durchfahren?
Ohne Koordination mit Teheran riskieren Schiffe bei der Durchfahrt Angriffe. In dem Krieg, der Ende Februar begann, wurden nach Daten der IMO von Ende April 29 Angriffe auf Handelsschiffe registriert. Zehn Seeleute kamen dabei ums Leben. Auch ein Containerschiff der größten deutschen Reederei Hapag-Lloyd wurde vor einigen Wochen westlich der Straße von Hormus von einem Granatsplitter getroffen, wie die Reederei mitteilte. Vor allem zu Beginn gab es Angriffe auf Öltanker und Frachtschiffe, mit Kamikazedrohnen, Marschflugkörpern und Sprengbooten.
Inzwischen gibt es kaum Meldungen über Beschuss von Schiffen. Entwarnung gebe es damit aber nicht, heißt es von den Reedern. VDR-Präsidentin Bornheim verweist auf die Seeminen. Es reiche die Androhung, dass diese Minen in der Meerenge lägen. Kein Reeder riskiere Leib und Leben der Besatzung für so eine Durchfahrt, solang es keine Sicherheitsgarantien gebe.
Wie beurteilt die Bundesregierung die Lage?
Die Situation im Persischen Golf sei nach wie vor schwierig, sagte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) am Donnerstag bei der Nationalen Maritimen Konferenz im ostfriesischen Emden. Bei dem Spitzentreffen der maritimen Branche mit rund 800 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und Behörden waren die Folgen des Iran-Krieges eines der bestimmenden Themen.
Seeleute leisteten ohnehin unter oft schwierigen Bedingungen unverzichtbare Arbeit, sagte der Minister. «Wir müssen alles dafür tun, sie zu schützen und sicher aus der Region zu bringen. Ich hoffe sehr, dass die Bemühungen der Bundesregierung und der Europäischen Kommission bald erfolgreich sind, dass die festgesetzten Schiffe ihre Fahrt fortsetzen können.» Die IMO erarbeite gerade einen Evakuierungsplan, der die Ausfahrt der mehr als 2.000 Schiffe strukturieren solle, sobald eine sichere und freie Passage möglich sei.
Welche Signale gibt es für eine Öffnung?
Schon mehrfach schien sich in dem Konflikt der USA und Israels mit dem Iran eine Öffnung des wichtigen Seewegs anzudeuten. Dafür wäre aber eine zumindest teilweise Einigung in den Verhandlungen nötig. Der Iran hat gerade einen neuen Vorschlag an die Vermittler in Pakistan übergeben, und US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, den Plan prüfen zu wollen. Zuletzt hatte es aber keine Hinweise auf eine Annäherung gegeben.
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