Hannover (dpa/lni) –
Es ist ein Dauer-Streitthema: Wie umgehen mit Handys an den Schulen? Niedersachsens Landtag hat sich dazu jetzt im Kultusausschuss die Positionen von Schulleitungen, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern angehört. Denn während die Landesregierung mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) auf freiwillige Empfehlungen an die Schulen setzt, will die CDU ein flächendeckendes Handyverbot per Gesetz vorschreiben.
Ein Überblick über den Stand der Debatte.
Worüber sich alle einig sind
Ob Regierung oder Opposition, Schülerinnen und Schüler, Schulleiter oder Lehrkräfte – eines machten im Ausschuss alle deutlich: Angesichts von Gefahren wie Cybermobbing und Co. gibt es Regelungsbedarf im Umgang mit Handys an den Schulen. Strittig ist aber, ob die Handynutzung deswegen bis auf gezielte Ausnahmen per Gesetz verboten werden soll, wie es die CDU beantragt hat, oder ob die Handlungsempfehlungen der Landesregierung zielführender sind. Diese sehen vor, dass jede Schule die Regeln für die Handynutzung mit Lehrkräften, Eltern und Schülerschaft aushandeln soll.
Was für ein gesetzliches Handyverbot spricht
Vor allem der Schulleitungsverband (SLVN) zeichnete ein drastisches Bild der Folgen, die die Handynutzung derzeit habe: Es gebe Fälle von schwerer Körperverletzung und Sexualdelikten, die einzig begangen wurden, um Videos davon zu machen und die Opfer zu demütigen, berichtete SLVN-Chef Matthias Aschern. Die Messenger und Social-Media-Plattformen, über die diese Inhalte verbreitet werden, seien dabei ein «Paralleluniversum», das sich dem Wissen und der Kontrolle der Schulen und Lehrkräfte, aber auch der Eltern entziehe.
Zugleich gehe die Aufmerksamkeitsspanne der Schülerinnen und Schüler dramatisch zurück, schon ein drei Minuten langes Video sei manchen zu viel. Das habe verheerende Auswirkungen auf die Leistungen.
Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL), bekräftigte diese Schilderungen: In Klassenchats machten sich massiver Gruppendruck, Ausgrenzung, eine sexualisierte Sprache und Bloßstellungen breit, warnte er. Durch eine ständige Ablenkung durch das Handy sinke zudem die Ausdauer bei komplexen Lernaufgaben.
Er kenne keine Schulen ohne eine Handyregelung – oft seien diese aber schlicht nicht wirksam, sagte Neumann: «Wir müssen uns immer rechtfertigen.» Eine einheitliche gesetzliche Regelung könne die Schulen daher schützen. Für die Schulen sei es leichter, von einem Verbot gegebenenfalls abzuweichen, als ein eigenes Verbot durchsetzen zu müssen, ergänzte VNL-Vize Matthias Fricke.
Oppositionsführer Sebastian Lechner begründete die Haltung seiner CDU für ein Handyverbot auf Anfrage damit, dass handyfreie Schulen für mehr Konzentration, Schutz und einen störungsfreien Schulalltag sorgten: «Risiken wie Cybermobbing, Cybergrooming oder digitale Konflikte dürfen wir nicht weiter einfach hinnehmen. Wir wollen Kinder schützen, eine gesunde Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig ihre Medienkompetenz stärken.»
Der CDU-Gesetzentwurf sieht vor, dass die Schulen bis zum Ende der Sekundarstufe I, also bis zur zehnten Klasse, grundsätzlich handyfrei sein sollen. Eine pädagogisch sinnvolle Nutzung digitaler Geräte im Unterricht soll aber möglich bleiben.
Warum die Landesregierung dagegen ist
Die Befürworter individueller Handy-Regeln pro Schule führen dagegen an, dass ein von oben auferlegtes Verbot weniger Akzeptanz finden könnte als ein gemeinsam entwickelter Verhaltenskodex. «Da wird es massiven Widerstand von Schülerinnen und Schülern geben», sagte Otto Ellerbrock, stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrats, im Ausschuss.
Der Prozess, die Regeln zwischen Schule, Eltern und Kindern auszuhandeln, könne stattdessen dazu anregen, die eigene Handynutzung zu überdenken, ergänzte Marie Sievers, ebenfalls vom Schülerrat.
Dass am Ende eines solchen Prozesses ein Verbot stehen könnte, sehen auch die Schüler so. Nur würden die Probleme, die es etwa mit Social Media gibt, nicht durch ein Handyverbot an der Schule gelöst, da diese Netzwerke auch außerhalb der Schulzeiten genutzt werden. Zugleich würden die Handys etwa für den Stundenplan, die Kommunikation oder die Busfahrkarte gebraucht.
Damit unterstützt der Schülerrat die Linie von Kultusministerin Hamburg. Die Grünen-Politikerin sagt: «Ich bin fest davon überzeugt, dass nur im Miteinander und im gemeinsamen Ausloten Regeln entstehen können, die verstanden, akzeptiert und von allen gelebt werden.»
Gleichzeitig rate das Land für den Grundschulbereich ausdrücklich von Handys und Smartwatches ab, das gleiche quasi einem faktischen Verbot. «Kein Kind braucht in der Grundschule ein Handy – aber jedes Kind braucht Orientierung und Unterstützung im Umgang mit digitalen Medien», sagte Hamburg.
Weiterführenden Schulen empfehle das Land hingegen differenzierte Modelle, die sich am Alter der Kinder und Jugendlichen orientierten. So könne die Handynutzung zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Zonen zunehmen, je älter die Schülerinnen und Schüler sind. «Schulen müssen Orte sein, an denen junge Menschen lernen, mit digitalen Medien reflektiert und sicher umzugehen – nicht Orte, die den Zugang pauschal verwehren», sagte die Ministerin.
Auch die Bildungsgewerkschaft GEW ist überzeugt, dass die Handy-Regeln nur dann akzeptiert werden, wenn man die Beteiligten mitnimmt.
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