Die Rolle der Finanzbehörden beim NS-Raubzug gegen Juden

Am Finanzamt in Schleswig hängt auch heute noch ein Reichsadler, nur das Hakenkreuz wurde entfernt. Frank Molter/dpa
Am Finanzamt in Schleswig hängt auch heute noch ein Reichsadler, nur das Hakenkreuz wurde entfernt. Frank Molter/dpa

Kiel (dpa/lno) –

Finanzbehörden haben auch in Schleswig-Holstein im NS-System (1933-1945) Juden, Sinti und Roma systematisch beraubt. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Aufarbeitung. «Die Ergebnisse dieser Studie zeigen deutlich, wie auch die Finanzverwaltung am Ende als ein wesentlicher Akteur im Gesamtrahmen des Holocaust angesehen werden muss», sagte der verantwortliche Historiker Hanno Balz von der Universität Amsterdam. 

«Sie alle waren maßgeblich beteiligt am Prozess der sukzessiven Verdrängung und schließlich Ausplünderung, vor allem von Jüdinnen und Juden, aber auch in einem sehr viel geringeren Maße von Roma, Romnja, Sintize und Sinti», sagte Balz bei der Vorstellung der Ergebnisse. «Denn hier war vor allem die Kriminalpolizei verantwortlich für die Verdrängung und Ausplünderung.»

2023 hatte der Landtag einstimmig eine Aufarbeitung der Rolle der Finanzbehörden beschlossen. Das Finanzministerium stellte 80.000 Euro bereit und beauftragte die Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg.

«Die Studie macht unmissverständlich klar, dass damalige Beamte der Finanzverwaltung von Beginn an aktiv und unstrittig an der Verfolgung und finanziellen Ausbeutung von Jüdinnen und Juden, von Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma in Schleswig-Holstein mitschuldig gemacht haben», sagte Finanzministerin Silke Schneider (Grüne). Selbst nach Ende des NS-Regimes habe sich das Unrecht in der wenig zufriedenstellenden Wiedergutmachungspolitik fortgesetzt.

Ergebnisse

Ein Problem der Forscher: Die Nazis vernichteten kurz vor Kriegsende viele Akten. Dennoch wurden die Wissenschaftler fündig. Sie stützten sich auf erhaltene Personalakten sowie Akten des Ministeriums und einzelner Finanzämter. 

«Nach der Auswertung von mehreren hundert Akten konnte so zum ersten Mal ein Gesamtbild der finanziellen Ausbeutung von Jüdinnen und Juden, von Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma in Schleswig-Holstein gezeichnet werden», sagte Marc Buggeln, Direktor der Forschungsstelle.

Laut Finanzministerium umfasste der Bezirk des Landesfinanzamtes Nordmark rund 2,3 Millionen Menschen. Es gab 32 Finanzämter und 7 Hauptzollämter. Von der NS-Vergangenheit des Finanzamtes in Schleswig zeugt noch heute ein Reichsadler über dem Eingang – lediglich das Hakenkreuz wurde entfernt.

Mehr als 2.400 Betroffene

Laut Studie lebten 1.940 Jüdinnen und Juden, 491 Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma vor der Machtübernahme im Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein. Zunächst habe es eine steuerliche Diskriminierung, hohe Sonderabgaben wie die Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25 Prozent des Vermögens gegeben, sagte Balz. «Wenn es im Behördenjargon heißt Verwertung jüdischen Vermögens, dann geht es natürlich letztendlich um Raub.»

Ab 1936 hätten Sicherungsanordnungen den freien Zugriff auf Vermögenswerte untersagt, wie Balz berichtete. «Es wird regelrecht gebettelt, dass man doch seinem Kind zum Geburtstag zehn Reichsmark überweisen möchte.» Das letzte Kapitel der Ausbeutung waren die Deportationen.

Das Team um Balz kommt zu dem Schluss, dass Beamte in der NS-Zeit auch in moralischer Hinsicht Verantwortung trugen. «In den behördlichen Schriftwechseln und Aktennotizen wird immer wieder auf erschreckende Weise deutlich, dass den um ihren Besitz gebrachten Jüdinnen und Juden mit keinerlei Empathie begegnet wurde», sagte der Historiker. «Und mehr noch: An dem zurückgelassenen Besitz der in den Tod Deportierten bereicherten sich einzelne Finanz- und Zollbeamte auch privat.» Er sprach von Opportunisten, die durch mehr Steueraufkommen ihre Karriere befördern wollten.

Der Präsident des Landesfinanzamts, Theodor Hillmer (1933-1936), und dessen Nachfolger Richard Giese, Oberfinanzpräsident Nordmark (1936-1943), hätten die Beamten immer wieder angetrieben, sagte Balz. 

Die handelnden Beamten führten nach Deportationen penibel Buch, wie im Dokumente zeigen. Beamte erfassten nicht nur Sparguthaben, Wertpapiere und Grundbesitz, sondern auch Möbel und Kleidung. Eingezogenes Mobiliar und andere Bürogegenstände landete demnach auch in Amtsstuben, zudem sind Fälle von Korruption überliefert.

«Wir haben eine ganze Reihe von Versteigerungen, vor allem in Lübeck und da können wir davon ausgehen, dass sich auch die ganz normalen Lübeckerinnen und Lübecker an diesem Leid der Menschen bereichert haben», sagte Balz. Vielen Fragen seien nicht beantwortet, der Verbleib von vielen Sachen unklar. Balz warf die Frage auf: «Woher stammt eigentlich dieser Schrank, den wir zu Hause haben?»

Folgen

Aus untersuchten Akten geht hervor, dass Juden nach Kriegsende 421 Anträge stellten, Sinti und Roma 68. Aber: Anträge waren erst ab einer Wertgrenze von 1.000 Reichsmark möglich. Wer nicht über nennenswerten Besitz verfügt hatte, fand keine Berücksichtigung.

Vor Schleswig-Holstein haben andere Bundesländer das Thema erforschen lassen. In Hamburg beleuchtet beispielsweise eine Wanderausstellung der Stiftung Hamburger Gedenkstätten die aktive Rolle der Hamburger Finanzverwaltung bei der systematischen Entrechtung und Ausplünderung während der NS-Zeit. Schleswig-Holstein plant eine öffentliche Veranstaltung in Kooperation mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung, Christian Meyer-Heidemann.

© dpa-infocom, dpa:260303-930-762585/1

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