Deine Freunde und Dikka: Kindermusik, die Erwachsene feiern

Die Hamburger Band Deine Freunde, das sind Lukas Nimscheck, Markus Pauli und Florian Sump. Michi Schunck/dpa
Die Hamburger Band Deine Freunde, das sind Lukas Nimscheck, Markus Pauli und Florian Sump. Michi Schunck/dpa

Hamburg/Berlin (dpa) –

Musik für kleine Kinder, die Eltern mega finden? Kindermusik, deren Melodie nicht schon nach der dritten Wiederholung auf die Nerven geht? Kindermusik, die nicht Enten und Einhörner verherrlicht – ja, die gibt es. Etwa von Dikka, Dizzy Disco, Die Gäng, Sukini und Deine Freunde. 

Die Hamburger Band Deine Freunde mit Rapper Flo, DJ Pauli und Sänger Lukas bringt am 8. Mai ihr neues Album «Die Kinder spielen verrückt» heraus – mit Musik, die Kinder im Kita- und Grundschulalter bis hin zur Pubertät auf Augenhöhe begegnet und dazu ihre Eltern anspricht. So mancher der Songs ist sogar ein Tipp für die Playlisten von Erwachsenen ohne Kinder. 

Fragt man die Drei, wie sie diesen Spagat zwischen Jung und Alt, zwischen Spielenden und oft mal Alltagsfrustrierten hinbekommen, klingt das erstaunlich leicht: «Wir machen zuallererst Musik, die wir selber hören wollen – also die uns als Erwachsene gut gefällt. Und dann schauen wir, welche Erinnerungen haben wir aus der kindlichen Sicht daran», erklärt Sänger Lukas Nimscheck. 

Wer bestimmt hier eigentlich?

Wie die Freunde-Songs zeigen, liegen viele Themen von Groß und Klein durchaus nahe beisammen, ist einmal die «Aramsamsam»-, also Kleinkindphase überwunden. Wem schweifen nicht mal die Gedanken ab auf dem Nachhauseweg, ob mit Schulranzen auf dem Rücken trödelnd oder erschöpft nach Feierabend («Irgendwo auf dem Heimweg»). Oder wer sollte sich nicht etwas freier von all den Erwartungen an einen machen (Song «Du musst nicht»).

In der Single «Bestimmer» geht es eigentlich um Kinder, die beim Spielen immer entscheiden wollen, wie alles abzulaufen hat. Aber wer weiß, wie viele Eltern dazu auf der Freunde-Tour ab Mai selbstironisch ihren vergeblichen Kontrollversuch über die Kleinen feiern dürften. Oder mal den Chef nachäffen. 

Überhaupt, die Erziehenden: Die dürfen sich bei vielen Songs der Band zwar den Spiegel vorhalten lassen, sich aber dabei nicht kritisiert fühlen müssen («Zieh dich bitte warm an» oder der Bandklassiker «Mein lieber Freund, ich zähl bis drei!!!» von 2022).

Was willst du werden? Glücklich. 

Ein anderer Künstler, der auf diese Weise die Generationen zu verbinden weiß, heißt Simon Müller-Lerch, auch bekannt als Sera Finale. Oder in der Eltern-Kinder-Welt: Er ist Dikka, das rappende Nashorn aus Berlin, das ab Juli wieder auf Tour geht. Sein Song «Glücklich» (mit Luna) greift ein Thema auf, das viele in der Kindheit und auch noch als Erwachsener fordert und überfordert: Was willst du werden? 

«An alle, die das jetzt lesen und sich daran erinnern, wie soll man denn von einem Kind erwarten, dass jemand so in die Glaskugel schauen kann, um zu erahnen, was es für Möglichkeiten geistig und physisch in 20 Jahren gibt? Das hat in meinen Augen noch nie hingehauen», erläutert Dikka. Sein Vorschlag: «Die Kinder können einfach antworten: Glücklich. Mic Drop.» 

Müller-Lerch war schon vor seinem Projekt Dikka eine feste, wenn auch vielen nicht bekannte Größe in der Musikwelt: Er hat eigenen Angaben zufolge mehr als 800 Songs geschrieben, darunter Hits für Culcha Candela, Sido, CRO, Mark Forster, Helene Fischer und Udo Lindenberg. 

Sonnige Hymne an ein strahlendes Lächeln

Ihm tat sich eine Lücke auf, als er für seine Tochter Songs suchte. Vieles davon «hat in meinen Augen die Kinder gar nicht ernst genommen, die Musik war einfach so ein bisschen dahingepfeffert», erzählt Dikka im Interview. Er wollte nicht meckern, sondern es anders machen. «Also irgendwie werden Kinder ja immer unterschätzt in unserer Gesellschaft. Die peilen ja viel mehr, die schneiden ja viel mehr mit, als erwachsene Menschen denken.»

Wichtig war und ist ihm dabei, Lösungsvorschläge zu geben, statt Probleme zu thematisieren. So ist etwa eines seiner bekanntesten Lieder «Boom Schakkalakka» (mit Wincent Weiss) kein erhobener musikalischer Zeigefinger für mehr Zahnhygiene, es ist eine sonnige Hymne an ein strahlendes Lächeln. 

Aus einer vorangegangenen Albumproduktion mit Sido gab es noch ungenutzte Melodien und es entstanden erste Kids-Hits: «Super Papa» und «Kaka». «Im Nachhinein betrachtet war das ein sehr, sehr glücklicher Umstand», erzählt Dikka. «Wenn wir uns von vornherein überlegt hätten, lass uns doch mal jetzt Kindermusik machen, wären wir von der Instrumentalisierung und von der Produktion auf jeden Fall komplett woanders gelandet als das, was es jetzt ist.» 

Erwachsene Beats und Melodien – fürs innere Kind

Was Deine Freunde und Dikka vereint: Ihre Beats sind für die Großen da. «Also wir nehmen die Musik sehr ernst. Das sind nicht einfach drei Akkorde und dann läuft der Laden», berichtet Dikka über seine Arbeit an seinen Songs mit DJ Löwe a.k.a Paul NZA. «Sondern wir haben versucht, auch die Erwachsenen anzusprechen gleich von vornherein und vor allen Dingen deren inneres Kind.» 

Er berichtet, dass bei Konzerten die Erwachsenen «teilweise noch mehr abgehen als die Kinder». «Die freuen sich eben extrem, dass sie ihren Kindern die Musik zeigen können, mit der sie selber sozialisiert wurden.»

Auch Deine Freunde schreiben ihre Songs selbst, als Produzent fungiert hauptsächlich Bandmitglied Markus Pauli, der als DJ Exel.Pauly für Fettes Brot die Bühnen bespielte. Das Ergebnis sind Hip-Hop- und Dance-Beats, aber auch mal ein Schlager. Ihr besonderer Kniff für die Erwachsenen: Sie zitieren schon mal bekannte Songs oder nutzen an diese erinnernde Tonfolgen. 

In «Bestimmer» der Freunde glaubt man etwa, Falcos «Rock me Amadeus» herauszuhören. Bei Dikka wird aus dem gleichlautenden Hit von Vanilla Ice ein Sommersong namens «Eis, Eis, Baby», das Remake von «Live Is Life» von Opus feiert mit Reggae-Beats ein selbstbewusstes «Nein heißt Nein».

«Wir sehen uns auch als Teil der Popkultur – und für uns besteht Popkultur auch daraus, Sachen, die es gibt, zu remixen, zu erneuern und neu als Puzzle zusammenzusetzen», erläutert Freunde-Sänger Nimscheck. «Weil wir wollen natürlich die Eltern abholen in ihren Erinnerungen, die auch teilweise unsere Erinnerungen sind, und den Kindern neuen Zugang geben.» 

Zumal ein Teil der Zielgruppe nach mehr als 15 Jahren Bandtätigkeit nun in die Erwachsenen-Gruppe gerutscht ist: So haben Anfang 20-jährige Fans der Freunde zurückgemeldet, sie würden «jetzt teilweise ganz andere Sachen in unserer Musik entdecken als damals», berichtet Freunde-Rapper Florian Sump. «Und das ist irgendwie schön.»

© dpa-infocom, dpa:260508-930-50648/1

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