Olympia in NRW: Was dafür spricht und was dagegen

In 17 Städten in NRW können Bürgerinnen und Bürger über eine Olympia-Bewerbung abstimmen. (Archivbild) Rolf Vennenbernd/dpa
In 17 Städten in NRW können Bürgerinnen und Bürger über eine Olympia-Bewerbung abstimmen. (Archivbild) Rolf Vennenbernd/dpa

Köln (dpa) –

Mehr als vier Millionen Menschen in 17 Städten in Nordrhein-Westfalen stimmen noch bis Sonntag darüber ab, ob sich ihre Kommune an der Bewerbung «KölnRheinRuhr» für die Olympischen und Paralympischen Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 beteiligen soll. Viele Politikerinnen und Politiker, Sportlerinnen und Sportler sowie Verbände werben seit Wochen für ein Ja. Aber es gibt auch entschiedene Gegner. Was spricht für und was gegen eine NRW-Bewerbung? Und was hat das mit Kiel zu tun?

PRO

Rekordkulisse: NRW will den Athletinnen und Athleten eine möglichst große Bühne bieten und plant, rund 14 Millionen Tickets zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Vorgesehen sind etwa 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauer beim Schwimmen auf Schalke, 50.000 beim Handball, Basketball und Volleyball in der Düsseldorfer Arena oder 70.000 beim Fußball im Stadion in Dortmund.

Nachhaltigkeit: NRW setzt bei seiner Bewerbung vollständig auf bestehende oder temporäre Sportstätten in der Region Rhein-Ruhr. Das in Köln geplante temporäre Leichtathletik-Stadion sowie das Dorf für die Athletinnen und Athleten sollen nach den Spielen in ein Stadtquartier überführt werden und Lebensraum für rund 10.000 Menschen schaffen. 

Kompakte Lage: Die Olympia-Planer werben damit, dass 95 Prozent aller Sportler ihre Wettkampfstätten in unter einer Stunde erreichen können und verweisen zudem auf die gute Infrastruktur in NRW. Mit vier internationalen Flughäfen, dem weltweit größten Binnenhafen sowie dichtem Straßen- und Schienennetz sei Rhein-Ruhr hervorragend angebunden, heißt es. 

Erfahrung: Befürworter der Olympia-Bewerbung verweisen darauf, dass NRW über umfangreiche Erfahrung mit der Ausrichtung internationaler Großevents im Sport verfügt. Beispiele dafür sind etwa die World University Games 2025 sowie zahlreiche Europa- und Weltmeisterschaften in den vergangenen zehn Jahren im bevölkerungsreichsten Bundesland. 

Mehrwert: Die Spiele sollen Investitionen in ÖPNV, Sportstätten, Digitalisierung und Barrierefreiheit anstoßen und so die Lebensqualität in der Region langfristig verbessern. Zugleich soll das Großevent internationale Aufmerksamkeit schaffen, den Tourismus und die Wirtschaft stärken und Inklusion sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. 

Sportliche Impulse: Olympische und Paralympische Spiele im eigenen Land sichern Startplätze, öffnen Fördermittel, verbessern Trainingsbedingungen und richten den Fokus stärker auf die Sportlerinnen und Sportler – das zeigten zuletzt mehrere Olympia-Gastgeber. Dadurch wird nicht nur der Breiten- und Spitzensport gestärkt. Heimspiele inspirieren zudem den Nachwuchs und schaffen neue Idole, die den Sport langfristig beleben, argumentieren viele Befürworter auch aus der Athletengemeinde.

KONTRA

Kosten: Die Durchführungskosten werden auf rund 4,8 Milliarden Euro geschätzt, denen Einnahmen von etwa 5,2 Milliarden Euro gegenüberstehen sollen – etwa durch Werbung, Tickets und TV-Rechte. Öffentliche Gelder sind nur für Sicherheit und medizinische Versorgung vorgesehen. Für Paris 2024 wurde mit 2,4 Milliarden geplant, gekostet hat es am Ende 6,6 Milliarden Euro. 

Wirtschaftliche Risiken: Kritiker warnen, der wirtschaftliche Effekt sei nur kurzfristig und lasse nach den Spielen nach. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bemängelt zudem, dass unklar sei, wie die ohnehin angespannten Haushalte der Kommunen die Kosten tragen sollen. Es drohten Kürzungen bei Klima- und Naturschutz, Kultur und Sozialem. 

Starke Konkurrenz: Außer NRW bewerben sich auch München, Hamburg und Berlin als deutsche Ausrichter der Spiele. Allen voran die bayerische Landeshauptstadt hat mit 66,4 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung bereits einen deutlichen Pluspunkt gesammelt. Außerdem gibt es internationale Konkurrenz, mit Blick auf Europa womöglich aus Budapest, Istanbul und Madrid.

Verkehrsprobleme: NRW gilt als das staureichste Bundesland, und auch auf der Schiene kommt es häufig zu Verzögerungen. Kritiker bezweifeln daher, dass die Sportler ihre Wettkampfstätten in rund einer Stunde vom olympischen Dorf erreichen könnten. Zudem liegen viele Sportstätten abseits großer Städte, zum Beispiel in Aachen, Gelsenkirchen oder Mönchengladbach.

Standortimage: Bereits früh gab es Bedenken, dass Rhein-Ruhr als Standort international nicht ausreichend bekannt sei. Die Landesregierung reagierte darauf und schärfte das Konzept im Dezember nach, indem sie die Stadt Köln ins Zentrum der Bewerbung rückte. Gegner werteten dies als Verzweiflungstat, um eine schwache Bewerbung zu retten.

Umwelt- und Sozialverträglichkeit: Kritiker bemängeln auch bei Nutzung bestehender und temporärer Sportstätten erhebliche Umweltbelastungen durch Energieverbrauch und internationale An- und Abreisen. Zudem sind mögliche soziale Folgen für vulnerable Bevölkerungsgruppen ungeklärt, etwa steigende Mieten oder Verdrängungseffekte.

Was hat das mit Kiel zu tun?

Kiel liegt zwar einige hundert Kilometer von der Rhein-Ruhr-Region entfernt, verfolgt die Abstimmung aber dennoch mit großem Interesse. Die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein ist ein Kandidat für die Segelwettbewerbe.

Kiel ist bei der nationalen Olympia-Ausscheidung gleich mehrfach im Rennen. Hamburg hat sich bereits für Kiel als Segelstandort entschieden. Neben «KölnRheinRuhr» hat auch München Interesse an Kiel als Partner geäußert, auch wenn eine definitive Entscheidung noch aussteht. Bis zum 4. Juni müssen die Bewerber dem Deutschen Olympischen Sportbund mitteilen, auf welchen Segelstandort sie setzen.

Schon 1972 wurde in Kiel gesegelt, während der Rest von Olympia in München stattfand. Die Bewerbung Berlins hat sich dagegen für den Segelstandort Rostock-Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern ausgesprochen.

Die Bürgerinnen und Bürger in Kiel stimmen am Sonntag ebenfalls über eine Bewerbung ab. Eine Zustimmung gilt als wahrscheinlich. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sieht in der erhofften Austragung der Wettkämpfe einen «riesigen Gewinn» für das Land Schleswig-Holstein.

© dpa-infocom, dpa:260414-930-942414/2

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