Mehr Tiefgang, mehr Risiko: Sollen Flüsse vertieft werden?

Umweltschützer warnen vor katastrophalen Folgen von Flussvertiefungen. Sina Schuldt/dpa
Umweltschützer warnen vor katastrophalen Folgen von Flussvertiefungen. Sina Schuldt/dpa

Bremerhaven/Brake/Emden (dpa/lni) –

Seit Jahren wird über die Vertiefung von Weser und Ems gestritten, nun hat auch der Kanzler klar Position ergriffen: «Die beiden Vertiefungen müssen kommen, sie sollten schnell kommen, und wir sollten zeigen, dass Bund, Länder und Gemeinden hier im Einklang sind», sagte Friedrich Merz (CDU) kürzlich bei einem Besuch in Emden.

Schon lange ist geplant, die Fahrrinnen der Außenweser und der Unterweser Nord um bis zu einen Meter auszubauen. Die Außenweser verläuft von der Nordsee bis Bremerhaven, die Unterweser Nord von Bremerhaven bis Brake. Auch die Fahrrinne der Außenems, der trichterförmigen Flussmündung zur Nordsee, soll bis Emden um bis zu einen Meter vertieft werden. 

Doch warum ist das so umstritten? Was für eine Vertiefung der Flüsse spricht – und was dagegen:

Häfen und Politik: Vertiefung ist unumgänglich

Zu den Befürwortern zählen die Landesregierungen von Niedersachsen und Bremen, Vertreter der betroffenen Häfen sowie Wirtschaftsverbände. Sie sind überzeugt, dass die Vertiefung der Fahrrinnen für die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen in der Region dringend nötig sei und Arbeitsplätze sichere. 

Nur so könnten größere Schiffe mit mehr Ladung als bislang die Häfen in Bremerhaven, Emden und Brake anlaufen. «Die Schiffsgrößen haben sich gewandelt und sie werden es weiter tun», teilte ein Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums mit. «Die Außenems sowie Außenweser und die Unterweser bis Brake müssen an die Erfordernisse des Schiffsverkehrs angepasst werden.» 

Nach Angaben des Bremer Hafenressorts hat sich die Zahl der Schiffe mit einem Tiefgang von mehr als 13,5 Meter in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Solch große Schiffe könnten Bremerhaven nicht anlaufen, der Hafen habe deshalb schon Marktanteile an die Konkurrenz in Rotterdam und Antwerpen verloren. «Es wurden zwischenzeitlich bereits Dienste verlagert – vor allem sogenannte Transshipment-Verkehre», teilte ein Sprecher des Hafenressorts mit. Dabei werden Güter von großen Schiffen auf kleinere Schiffe umgeladen.

Von der geplanten Vertiefung hängen große Investitionen ab. APM Terminals und Eurogate wollen einen Milliardenbeitrag in den Bremerhavener Hafen stecken, um das Containerterminal zu dekarbonisieren, also den Ausstoß von CO2 so weit wie möglich zu reduzieren – vorausgesetzt, die Fahrrinne wird entsprechend ausgebaut. «Eine möglichst restriktionsfreie Zufahrt für die Schifffahrt ist dabei zwangsweise vonnöten und unabdingbar», heißt es dazu aus dem Hafenressort.

Auch die Zukunft der Häfen in Brake und Emden hängt laut dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium von der Vertiefung der beiden Flüsse ab. «Speziell für den Seehafen Brake mit den Schwerpunkten Agrar, Forstprodukte sowie Eisen und Stahl geht es darum, das die verkehrenden Schiffstypen den Hafenstandort voll beladen anlaufen können.» Nach Angaben des Wirtschaftsverbands Weser kam der Getreideexport dort schon vor einigen Jahren zum Erliegen, weil der Tiefgang nicht ausreicht. 

Für den Seehafen Emden geht es vor allem um übergroße Güter wie Stahlprodukte, Windkraftanlagen und E-Mobilität. «E-Fahrzeuge sind in der Regel schwerer als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und die Schiffe benötigen mehr Tiefgang, wenn sie entsprechend ausgelastet fahren sollen», heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. 

Umweltverbände und Anwohner: Vertiefung ist gefährlich

Ganz anders sehen das Umweltverbände wie BUND und WWF. Sie kamen in zwei Studien dem Ergebnis, dass die meisten Schiffe die Tiefgänge der Weser-Fahrrinnen bisher nicht ausnutzen. Vor dem Hintergrund seien solche weitreichenden Eingriffe in die Natur nicht zu rechtfertigen. «Eine erneute Flussvertiefung wäre mit weiteren massiven ökologischen Folgeschäden verbunden, wie sie an Weser, Elbe und Ems bereits in gravierender Weise festzustellen sind», betonen die Verbände.

Eine abermalige Vertiefung bringt demnach mehr Schlick und Brackwasser in Weser und Wesermarsch. Brackwasser ist ein Gemisch aus Salzwasser und Süßwasser. Auch die Ems leidet seit Jahrzehnten unter einer starken Verschlickung und einem Sauerstoffmangel – und der ökologische Zustand werde sich im Falle einer Vertiefung weiter verschlechtern.

Leidtragende seien Tiere und Pflanzen, aber auch Landwirte, Fischer, Touristen sowie Anwohnerinnen und Anwohner. Landwirtschaftliche Flächen drohten zu versalzen, Flussfischerei werde sich nicht mehr lohnen und der Tidenhub – also der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser – steige weiter an. 

Das Aktionsbündnis gegen die Weservertiefung sorgt sich zudem um den Hochwasserschutz. «Sturmfluten dringen schneller ins Landesinnere und laufen höher auf», warnte das Bündnis in einem offenen Brief. Das betreffe auch die Nebenflüsse. «Über die Hunte ist die Stadt Oldenburg gefährdet, über Lesum, Hamme und Wümme der Kreis Osterholz-Scharmbeck, über die Ochtum die Orte westlich Bremens.»

Verstärkte Strömung, Erosion, Überflutungsgefahren, Verschlickung und Versalzung – die Schäden wären enorm, betonte das Bündnis. Es gebe bisher kein überzeugendes Konzept oder eine Kostenkalkulation, wie die Probleme bewältigt werden sollen. «Bund und Länder sind verantwortlich für Wasserstraßen, Brücken, Küstenschutz und Wasserqualität und sollten Folgekosten vermeiden.» 

Wie es nun weitergeht

Die Länder betonen, dass sie zu einer Lösung kommen wollen, die Mensch und Natur nicht gefährdet. «Die Sorgen werden sehr ernst genommen», sagte der Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums.

Für die weitere Planung und Genehmigung ist die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) zuständig. Für die Weservertiefung möchte die Behörde gegen Ende des Jahres einen sogenannten Antrag auf Planfeststellung einreichen. «Im Anschluss daran werden die Unterlagen öffentlich ausgelegt», teilte das Amt mit. Wie lange das Verfahren dauern wird, hänge dann maßgeblich von den Stellungnahmen ab. 

Für die Vertiefung der Außenems gebe es noch keinen Zeitplan, teilte die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt mit. Momentan prüfe die Behörde «Optionen für eine angepasste oder perspektivisch neue Planung der Außenems».

© dpa-infocom, dpa:260515-930-81991/1

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