Kiel (dpa/lno) –
In der Auseinandersetzung mit Judenhass ist nach Ansicht der Landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus in Schleswig-Holstein mehr Verbindlichkeit notwendig. «Um einen nachhaltigen Kampf gegen Antisemitismus zu stärken, braucht es berechenbare und langfristige Förderungen; für jüdische Community-Organisationen, aber auch für zivilgesellschaftliche Projekte, die diesen Kampf mit ihrer Arbeit tagtäglich unterstützen», sagte Projektleiter Joshua Vogel der Deutschen Presse-Agentur. «Wer im Kampf gegen Antisemitismus zum Beispiel auf Begegnung und Dialog setzt, muss diese Strategie auch mit den notwendigen finanziellen Mitteln hinterlegen.»
Am Vormittag berät der Landtag über den 2023 auf den Weg gebrachten Zehn-Punkte-Plan für jüdisches Leben, der für eine Bildungsoffensive gegen Antisemitismus sorgen sollte. Schulen sollen Präventionskonzepte entwickeln und Schülerinnen und Schülern sensibilisieren, über diese Themen zu sprechen.
«Aus unserer Perspektive darf sich die Landespolitik nicht auf Plänen ausruhen, die 2023 verabschiedet worden sind, sondern muss weiterhin Probleme identifizieren und agil bearbeiten», sagte Vogel. Der Plan lege den Fokus stark auf Schulen sowie die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften. «Jüdische Studierende wissen aber auch an schleswig-holsteinischen Universitäten, um Antisemitismus als alltagsprägendes Phänomen zu berichten.»
Nicht nur Bekenntnisse
Für Verbesserungen in Institutionen brauche es die Bereitschaft zur Veränderung, sagte Vogel. «Ich glaube nicht, dass ein zivilgesellschaftliches Projekt wie unseres, eine bildungspolitische Organisation oder eine engagierte jüdische Gemeinde quasi von außen das notwendige wird tun können, um die erforderlichen Veränderungen in großen Institutionen wie Schule, dem organisierten Sport, Hochschulen oder Ermittlungsbehörden zu erreichen.» Dafür sei handfeste politische und finanzielle Rückendeckung nötig.
Nach wie vor wandten sich Lehrkräfte mit Unterstützungsbedarf in der Pädagogisierung von Antisemitismus im Kontext Schule an Projekte, sagte Vogel. «Die Bedarfe scheinen hier oftmals über unser Angebot, der Sensibilisierung, hinauszugehen.» Gleichzeitig würden Angebote in Zusammenarbeit mit Dritten nicht oder nur von einer kleinen Anzahl an Personen abgerufen.
Aus Gesprächen mit der jüdischen Gemeinde wisse er, dass diese «seit Jahren in allen Bereichen am Limit arbeitet», sagte Vogel. Sie scheine im Kontext von Prävention- und Begegnungsarbeit an ihre Leistungsgrenze zu stoßen. «Auch wenn Begegnung und Dialog nicht ohne Jüdinnen und Juden funktionieren kann, kann der Kampf gegen Antisemitismus und die Normalisierung jüdischen Lebens nicht einem allein ehrenamtlichen Engagement der jüdischen Communities überlassen werden.»
Weniger Vorfälle?
2024 hatte die Dokumentationsstelle 588 antisemitische Vorfälle im Norden erfasst. Allein in Kiel waren 702 antisemitische Aufkleber dokumentiert worden, zusammengefasst in 380 Fällen. Vorfälle aus 2025, die bis 2. Februar gemeldet werden, fließen noch in die aktuelle Auswertung ein. Sie soll voraussichtlich Ende Mai vorgestellt werden.
«Vieles deutet aber darauf hin, dass wir von einem leichten Rückgang der gemeldeten Vorfälle ausgehen dürfen», sagte Vogel. Vorfälle, die sich in antisemitischer Art und Weise am Staat Israel abarbeiteten, machten weiterhin einen Großteil der dokumentierten Vorfälle aus. «Es darf dabei nicht übergangen werden, dass auch diese Erscheinungsform des Antisemitismus massive negative Auswirkungen auf die jüdischen Communities in Schleswig-Holstein haben.»
In der Nacht zum Sonntag hatten unbekannte Täter laut Polizei in Kiel am Mahnmal der 1938 zerstörten Synagoge einen Davidstern, ein Bild und Kerzen über den Gehweg verstreut und teils zertreten. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Das Mahnmal selbst wurde nicht beschädigt.
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