Stade/Leipzig (dpa) –
Die geplante Küstenautobahn A20 von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen bleibt ein Streitobjekt: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt am Mittwoch (10.00 Uhr) die Klagen einer Fährbetreiberin und eines Landwirts gegen das zu bauende Autobahnkreuz Kehdingen im Landkreis Stade.
Warum ist das ein wichtiger Prozess für den A20-Weiterbau?
Das geplante Kreuz ist ein wichtiger Teil der geplanten Autobahn – nicht nur, weil es auf niedersächsischer Seite den geplanten neuen Elbtunnel zwischen Glückstadt und Drochtersen an die A26 anschließen soll. Sollte das Bundesverwaltungsgericht die Klagen gegen das Autobahnkreuz abweisen, wäre auch eine weitere Hürde für den Bau des A20-Elbtunnels genommen. Denn der darf letztendlich nur gebaut werden, wenn auch die beiden Autobahnabschnitte nördlich und südlich der Elbe – also das Kehdinger Kreuz – unanfechtbar genehmigt sind. Für den Tunnel selbst als westliche Umfahrung Hamburgs gibt es bereits seit drei Jahren Baurecht.
Wer klagt gegen das Autobahnkreuz?
Das Elbfährunternehmen FRS Glückstadt Wischhafen führt an, dass es sich bei einem weiteren Elbtunnel in seiner Existenz bedroht sehe. Ganzjährig pendeln die Fähren zwischen Schleswig-Holstein und Niedersachsen alle 30 Minuten, die Überfahrt dauert etwa 25 Minuten. Der Betreiber mit Sitz in Flensburg lehnt den Tunnel ab.
Geschäftsführer Tim Kunstmann erklärt, dass das Bundesverwaltungsgericht dem Fährbetrieb bereits Schadenersatz zugesprochen hat, sollte es zum Bau des A20-Elbtunnels kommen – gebaut werden darf der Tunnel aber erst, wenn auch über das angrenzende Autobahnkreuz entschieden ist. «Um diese Ansprüche aufrechtzuerhalten, müssen wir klagen», erklärt Kunstmann. Außerdem hindere das Bauvorhaben ihn daran, seine Flotte klimafreundlich umzustellen. «Wir würden gern in neue Fähren investieren, aber können das nicht.»
Der betroffene Landwirt sieht sich ebenfalls in seiner Existenz bedroht, allerdings weil Grundstücke von ihm in Anspruch genommen werden sollen. Dazu rügt er eine aus seiner Sicht rechtswidrige Anwendung naturschutzrechtlicher Vorschriften. Auch die Bildung der Autobahnabschnitte und die Variantenprüfung der A20 bemängelt er.
Gegen wen wird geklagt?
Gegen die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Sie sieht alle Belange ausreichend berücksichtigt, die von dem geplanten Vorhaben berührt sind, heißt es in einer Mitteilung der Behörde: «Ein Mangel in der Abwägung lässt sich von hier aus nicht erkennen».
Wo soll die A20 verlaufen und wo endet sie aktuell?
Seit Jahren endet die Küstenautobahn vom polnischen Stettin kommend östlich von Bad Segeberg in Schleswig-Holstein. Von den geplanten 112 Kilometern A20 auf schleswig-holsteinischem Boden sind erst 39 Kilometer gebaut.
Der Bund plant, die Autobahn bis nach Niedersachsen zu verlängern. So sollen die Nord- und Ostseeanrainerstaaten näher zusammenrücken und die Hinterlandanbindung der deutschen Seehäfen verbessert werden. Dafür ist neben dem neuen Elbtunnel auch ein neuer Wesertunnel geplant.
Warum kommen die Bauarbeiten in Schleswig-Holstein nicht voran?
2013 hatte das Bundesverwaltungsgericht den Weiterbau der Autobahn gestoppt. Die Richter sahen den Fledermausschutz als nicht ausreichend beachtet an. Als Folge des Urteils entschieden sich die Planer für Bau von Tunneln und Leitstrukturen wie Schutzwände, damit die Fledermäuse nicht mit Lastwagen kollidieren.
Im vergangenen November haben sich das Land Schleswig-Holstein und der Umweltverband BUND über mehr Fledermausschutz rund um die als größtes Fledermaus-Überwinterungsquartier Deutschlands geltenden Kalkberghöhlen in Bad Segeberg geeinigt. Geplant ist eine mit 14 Millionen Euro ausgestattete Fledermausstiftung. Ende Mai kann der Bau deshalb weitergehen mit der sogenannten Süd-Umfahrung von Bad Segeberg. Bislang rollt der Verkehr durch die Stadt der Karl-May-Spiele. «Der kommende Abschnitt ist 9,9 Kilometer lang», sagt Deges-Sprecher Ulf Evert.
Welche Autobahnabschnitte werden noch beklagt?
Insgesamt kommen die Planung im Norden weiterhin nur mühsam voran. Gegen den Planfeststellungsbeschluss für den Abschnitt 7 in Schleswig-Holstein zwischen der A23 und der Elbe im Kreis Steinburg will der BUND klagen. Im Falle der übrigen drei Bauabschnitte im nördlichsten Bundesland liegt noch kein Baurecht vor, gegen das geklagt werden kann.
In Niedersachsen hat der BUND kürzlich angekündigt, gegen den 6. Abschnitt der A20 zwischen Bremervörde und Elm (Landkreis Rotenburg) zu klagen. Auch da ist die Landesbehörde die beklagte Partei. Der Umweltschutzverband bemängelt unter anderem Fehler bei Artenschutzprüfungen für Fledermaus- und Vogelarten in dem Gebiet. Außerdem kritisiert der BUND, dass der Trassenbau massive Eingriffe in Moor- und Waldgebiete verursachen werde.
Kann die Autobahn sonst irgendwo weitergebaut werden?
Ja. Die Bauarbeiten für den ersten, 13 Kilometer langen Abschnitt in Niedersachsen zwischen Westerstede und Jaderberg nahe Oldenburg sollen in den nächsten Wochen beginnen. Die Autobahn GmbH rechnet mit einer Bauzeit von mindestens drei bis vier Jahren. Zunächst sollen einzelne Brücken- und Querungsbauwerke entstehen – 21 Stück insgesamt. Danach soll die Trasse der vierspurigen Autobahn gebaut werden. Für den ersten Abschnitt werden die Baukosten auf mindestens 300 Millionen Euro geschätzt.
Auch um diesen ersten Abschnitt haben Gegner und Befürworter jahrelang gerungen. Da der BUND zuletzt eine Klage gegen einen Änderungsbeschluss zurückgenommen hatte, gilt seit August 2025 ein Planfeststellungsbeschluss.
Was sagen Autobahn-Befürworter?
Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) steht hinter dem Projekt – er hält die A20 für zwingend notwendig für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Die Küstenautobahn sei nicht überall Gewinner-Thema, umso wichtiger sei es, dass man den Dialog suche. Das hätten die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr und anschließend die Autobahn GmbH bisher gut gemacht, sagte er zuletzt.
Der Verein Pro A20 führt zudem ein sicherheitspolitisches Argument für den Weiterbau an. «Für die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik sind auch leistungsstarke Autobahnen und gute Hinterlandanbindungen der Häfen zwingend erforderlich», heißt es auf der Website. Es gelte, den Realitäten ins Auge zu sehen, eine davon sei, dass die A20 ein Beitrag zu einem sicheren Deutschland wäre.
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