Kiel/Halstenbek/Sylt (dpa/lno) –
Das in einem Auto auf der A23 bei Halstenbek (Kreis Pinneberg) geborene Kind ist laut Hebammenverband Schleswig-Holstein kein Einzelfall. Die Zahl der Geburten in Autos oder Rettungswagen nimmt im nördlichsten Bundesland immer mehr zu, «weil die Wege immer weiter und die Krankenhäuser weniger werden», sagte Anke Bertram, Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Natürlich habe es schon immer Situationen gegeben, in denen Babys vor dem Krankenhaus im Auto geboren wurden – sie selbst habe unter anderem schon eine Geburt im Fahrstuhl erlebt, sagt die Hebamme. «Aber die Zwischenfälle, die aufgrund der Zentralisierung der Kliniken passieren, häufen sich und kommen nicht an die Öffentlichkeit», sagt sie. Seit mindestens 15 Jahren nimmt das ihren Angaben zufolge zu. «Es macht mich so wütend.»
Hinzu kommen die unfreiwillig widrigen Umstände: «Eine Geburt ist ein ganz intimes Geschehen. Da möchte man nicht, dass andere einem dabei in den Schritt gucken», sagt Bertram.
Autogeburten werden nicht erfasst
Statistisch erfasst und gemeldet werden diese Fälle allerdings nicht und eine Datenlage liegt dementsprechend nicht vor. Daher gebe es laut Hebammenverband aus politischer Sicht auch keinen Handlungsbedarf und Veränderungsbemühungen, um die Vorfälle einzudämmen.
«Einzelschicksale werden nicht angeguckt und nicht statistisch erfasst und evaluiert. Wir haben keine Meldestelle für diese Fälle», sagte Bertram. Das bestätigt auch die Polizei: Geburten im Auto oder Rettungswagen werden demnach nicht gesondert erfasst, sagte ein Sprecher der Polizei in Kiel der dpa.
Eltern nach Autogeburten voller Endorphine
Von den Autogeburten erfahre die Hebamme meist nur von Kolleginnen. Krankenhäuser geben demnach diesbezüglich keine Informationen bekannt. Geburten haben laut Hebammenverband eine Sonderstellung im Gesundheitssystem und diese werde nicht als solche anerkannt und mit anderen Fällen über einen Kamm geschert. «Wir müssen andere Strukturen schaffen», sagte sie. Menschen auf dem Weg zu einer Operation könne man stabilisieren – Frauen unter Wehen aber nicht.
Die Eltern sind laut Bertram nach solchen Geburten unterwegs häufig traumatisiert und reden nicht darüber. Es heiße nach den Vorfällen oft, dass es dem Kind und seinen Eltern gut gehe.«In dem Moment voller Endorphine ist das auch so, aber ich würde gern mal wissen, wie die das drei Monate betrachten – weil dann die rosarote Brille verschwunden ist und viele mit Abstand auf die Situation schauen», sagt die Expertin. Dann würde sich erst zeigen, wie Mutter und Kind mit der Geburt unter extremen Umständen umgehen.
Erst zu Beginn des Jahres hatte eine Frau aus Schleswig-Holstein ihre Tochter in Hamburg in einem Auto zur Welt gebracht. Mit Hilfe der Rettungsleitstelle, die während der Geburt telefonisch Anweisungen gab, wurde das Baby sicher geboren.
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