Hannover/Bramsche (dpa/lni) –
Mit den natürlichen Lebensräumen des Aals sieht es in Europa eher schlecht aus: Laut World Wildlife Fund (WWF) ist seit den 1970er Jahren die Anzahl junger, durchsichtiger Glasaale an den europäischen Küsten um 98 Prozent gesunken. Umweltgifte, Verbauung von Flüssen und Seen sowie Überfischung und Klimawandel setzen nach Einschätzung von Experten dem Aal zu. Damit es in Niedersachsens Flüssen dennoch Aale gibt, koordiniert der Anglerverband Niedersachsen seit vielen Jahren die Verteilung von Glasaalen aus Frankreich in heimischen Gewässern.
Der Verband kauft die jungen Aale über einen Fischhändler von zertifizierten Fischereibetrieben in der Region um Biarritz in Frankreich. In gut gekühlten Styroporkisten werden sie nach ihrem Fang innerhalb von 24 Stunden nach Bramsche (Landkreis Osnabrück) gebracht. Dort nehmen Angelvereine aus allen Regionen des Landes die Fische in Empfang, um sie Fließgewässern einzusetzen, teilte der Anglerverband mit.
Negativer Trend soll gestoppt werden
Aus Sicht des Verbandes ist der Aal-Import aus Frankreich eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes: So habe sich seit 2011 die Zahl der Aale in Niedersachsen von rund 200.000 auf derzeit 3,2 Millionen gesteigert. Die im Anglerverband Niedersachsen organisierten Vereine wenden dafür fast 190.000 Euro aus eigenen Mitteln auf. EU und Land schießen weitere 60 Prozent der Besatzkosten zu. Damit solle der Negativtrend bei der Bestandsentwicklung gestoppt werden, hieß es.
Handelt es sich also um ein erfolgreiches Artenschutzprojekt? Der Anglerverband sagt ja – aber es gibt auch Kritiker. Das großflächige Aussetzen von Wildfängen ist nach Ansicht des Naturschutzbundes (Nabu) Niedersachsen keine nachhaltige Lösung und könne zentrale Probleme sogar verschärfen, erklärte ein Sprecher.
Kritik: Ursachen werden nicht beseitigt
Der Besatz ändere nichts an den Ursachen des Bestandrückgangs, etwa dem schlechten Zustand vieler Fließgewässer, fehlende Durchgängigkeit durch Bauwerke wie Stauwehre oder Sieltore sowie Verschmutzung, Überdüngung oder dem Verlust von Lebensräumen. Ohne Veränderung bei diesen Faktoren haben aus Nabu-Sicht auch eingesetzte Tiere nur geringe Chancen auf Überleben und Fortpflanzung.
Auch sei die Wirksamkeit der Besatzmaßnahmen wissenschaftlich nicht belegt. Und es gebe das Risiko, das mit den eingesetzten Aalen etwa Krankheiten oder Parasiten eingeschleppt werden. Aus Sicht des Nabu Niedersachsen sollte der Schwerpunkt auf der Verbesserung der Gewässerqualität, der Wiederherstellung der Durchgängigkeit von Flüssen und auf der Verringerung von Schadstoffeinträgen und des Nutzungsdrucks der Gewässer liegen, erklärte Pressesprecher Lamin Neffati.
Nötig ist Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie
Allerdings liegen Angler und Naturschützer bei der Bewertung gar nicht so weit auseinander. Auch der Anglerverband fordere eine Verbesserung der ökologischen Durchlässigkeit der Fließgewässer, sagt Projektkoordinator Ralf Gerken. Dazu habe sich auch Deutschland verpflichtet, aber es sei seit dem Jahr 2000 so gut wie nichts passiert.
Nur drei Prozent der Fließgewässer in Niedersachsen sind laut Gerken in einem guten ökologischen Zustand. Notwendig sei daher die konsequente Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie.
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