477.000 Seemeilen – Chef-Stewart verlässt die «Gorch Fock»

Nach knapp 39 Jahren verlässt Chef-Stewart Burkhart Kempcke die «Gorch Fock». Markus Scholz/dpa
Nach knapp 39 Jahren verlässt Chef-Stewart Burkhart Kempcke die «Gorch Fock». Markus Scholz/dpa

Kiel (dpa) –

So viel Zeit wie wohl niemand sonst hat Burkhart Kempcke auf der «Gorch Fock» verbracht. Seit Mai 1987 hat der Chef-Stewart exakt 477.063,4 Seemeilen (883.521,4 Kilometer) mit dem deutschen Segelschulschiff zurückgelegt. Das entspricht rechnerisch etwa 22 Erdumrundungen. Ganze 4.920 Tage verbrachte der Norddeutsche auf See. «125 verschiedene Häfen: 3 mal New York, 3 mal Bermudas, 18 mal Lissabon», sagt der 63-Jährige. Am Donnerstag geht Kempcke endgültig von Bord.

«Er war die gute Seele für neun Kommandanten», sagt der aktuelle Kapitän des Dreimasters Elmar Bornkessel. «Es ist jetzt nicht so, dass er den ganzen Tag mir Wasser und Cola Zero bringt.» Kempcke sei immer verlässlich, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem auch leidensfähig. Auf seinem Schiff seien die Wege weit. Die Offiziersmesse, in der Kommandant und der Rest der Schiffsführung speisen, befinde sich Luftlinie etwa 40 Meter von der Kombüse entfernt.

«Bei Wind und Wetter geht der über Oberdeck und schleppt also quasi jedes einzelne Gericht, was hier verzehrt wird, hier rüber», sagt Bornkessel. Natürlich nicht auf Tellern angerichtet, sondern in Schüsseln. Das seien alleine 8 bis 15 Gänge bei Wind und Wetter für das Mittagessen. «Bei Wind und Wetter meint dann auch, dass beispielsweise Strecktaue an Oberdeck gespannt sind, also wo er dann, ich sag’ mal, den Limbo machen muss.» Schließlich müssten die Offiziere auch bei Sturm, wenn keiner mehr an Oberdeck sei, in der Messe essen.

Durch Zufall an Bord

Chef-Stewart Kempcke hat sein Handwerk im Kieler Yacht-Club gelernt. Zur Marine kam er durch Zufall. Ein Kollege in einem anderen Restaurant hatte sich als Stewart für das damalige Schulschiff «Deutschland» beworben. Kempcke richtete seine Bewerbung an die «Gorch Fock» und ging kurze Zeit später an Bord.

«Die erste Seefahrt, die war natürlich gewöhnungsbedürftig, weil auch ich musste erst mal mit dem Seegang kämpfen. Gespuckt habe ich aber nicht», sagt der Chef-Stewart. Er habe sich zusammengerissen und es sei dann besser geworden. «Danach hatte ich überhaupt keine Probleme mehr. Da konnte das schaukeln, wie es wollte.»

Sein Highlight der Zeit an Bord sei die Weltreise 1987/88 gewesen. «Die Weltreise ging insgesamt elf Monate», sagt er und zählt die Stationen auf als sei es gestern gewesen: Durch den Panamakanal, Acapulco und zwölf Tage auf Hawaii. «Dann über den Pazifik rüber wollten wir eigentlich nach Tonga den König besuchen. Das haben wir nicht ganz geschafft, weil wir da in einen Hurrikan-Ausläufer gekommen sind.» Dort habe es keinen richtigen Hafen gegeben, wegen der hohen Wellen sei das Liegen auf Reede keine Alternative gewesen.

Es folgten Stationen in Samoa, Neuseeland, Australien. «Dann wollten wir eigentlich nach Indien, haben das nicht ganz geschafft, sind in Sri Lanka gelandet, weil wir die ganze Zeit nur Gegenwind hatten und unter Maschine fahren mussten», sagt Kempcke. Auch Israel besuchte das Schiff damals.

Vorfreude auf die Rente

Seemännern sagt man ja nach, in jedem Hafen eine Braut zu haben. «Das dürfen sie aber meiner Frau nicht erzählen», sagt Kempcke. In seinen 39 Jahren an Bord lernte er alle Bundespräsidenten dieser Zeit, Sänger wie Heino oder den früheren Showmaster Joachim Fuchsberger und auch Könige kennen. In Stockholm bediente er etwa Schwedens Königin Silvia und deren Tochter Victoria.

«Das war schon ganz niedlich, weil man spricht ja eine Königin nicht einfach so an», erzählt der Chef-Stewart. «Ich wollte dann Teller einsetzen und sie hatte ihre Serviette da noch stehen und das sah die Tochter.» Die Prinzessin habe sich auf Deutsch an ihre Mutter gewandt: «Mutti, Mutti, du musst deine Serviette wegnehmen, der Ober möchte noch was einsetzen, den Teller einsetzen.»

Auch die meisten Verteidigungsminister seit 1987 lernte der Chef-Stewart kennen. «Bis auf einen fand ich eigentlich alle gut», sagt Kempcke. «Ich weiß auch nicht, was den geritten hat.» Zur Zeit des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (2009-2011, CSU) hatte das 89 Meter lange Schiff Negativschlagzeilen produziert. Es gab Klagen über angebliche Schikanen und unwürdige Rituale an Bord, Guttenberg schasste vorschnell den Kommandanten, der später wieder rehabilitiert wurde. Die Ausbildung auf der «Gorch Fock» wurde vorübergehend eingestellt, ihre Zukunft als Schulschiff infrage gestellt.

Wenn er an den Abschied am Donnerstag denke, habe er einen dicken Kloß im Magen, sagt Kempcke. «Es ist nicht mein Schiff, aber mit Wehmut gehe ich. Ich werde es auch vermissen.» Dennoch freue er sich auf die Zeit an Land bei seiner Familie mit den beiden Jungs.

Für Kempcke rückt Gary Seibert zum Chef-Stewart auf. Er ist dann vorerst der letzte Zivil-Beschäftigte an Bord. «Die andere Stelle wird jetzt wieder frei», sagt Kommandant Bornkessel. «Es muss aber schon jemand sein, der auch Lust auf Seefahrt hat und Seefahrt bedeutet natürlich immer Abwesenheit und auch Entbehrung.»

© dpa-infocom, dpa:260310-930-796377/1

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