Ahrenshoop (dpa) –
Im Nordosten läuft die Ernte von Schilf für die typischen Reetdächer des Nordens. Bei ihm habe die sogenannte Rohrmahd Anfang der Woche begonnen, sagte Dachdecker Arne Brandenburg der Deutschen Presse-Agentur. Im Ostseebad Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst bewirtschaftet er auf der Boddenseite nach eigener Aussage etwa 10 Hektar.
Dafür habe er sich im vergangenen Jahr eigens eine Erntemaschine zugelegt. Es handle sich um eine umgebaute Pistenraupe. «Mit einem holländischen Mähwerk drauf», wie er erklärte.
Die meisten für den Norden typischen Reetdächer bestehen aus ausländischem Rohr. «Das ist alles Importware», sagte Brandenburg. «5.000 Kilometer kommt hier auf Achse hergefahren, aus Kasachstan oder aus China, in Containern.» Dabei wachse der Rohstoff vor der eigenen Haustür.
Früher hätten Reetdächer als Dächer der armen Leute gegolten. Bauern hätten das Rohr selbst geerntet und teils auch selbst auf die Dächer gebracht. «Die hatten dann natürlich die Möglichkeit, das zu selektieren für sich selber. Und darum haben die Dächer früher auch länger gehalten.»
Brandenburg ernte selbst, weil ihm die Qualität im Handel nicht ausreiche. «Zehn bis zwölf Bund auf einem Quadratmeter braucht der Dachdecker letztendlich auf dem Dach», erklärte er. Da sein Betrieb nur ein Zweimannbetrieb sei, reichten ihm 15.000 bis 20.000 Bündel pro Jahr. «Da kommen wir fast ran», sagte er mit Blick auf die erwartete Ernte.
«Brauche jeden Zentimeter»
In Mecklenburg-Vorpommern ernten nur eine Handvoll Betriebe selbst. Dazu gehört auch die Rohrdachdeckerei von Ralf Betge. Er bewirtschaftet nach eigener Aussage etwa 60 Hektar auf Usedom. Ein niederländischer Kollege helfe ihm dabei und erhalte dafür einen Teil der Ernte. Allerdings könne es derzeit noch nicht losgehen bei ihm. Nach zeitweise hoch stehendem Wasser gebe es im Schilf Eis bis zu 20 Zentimeter über dem Boden. Diese 20 Zentimeter gingen ihm verloren. «Ich brauche jeden Zentimeter Länge.» Daher warte er, bis das Eis weg sei.
Aus Naturschutzgründen darf die Rohrmahd grundsätzlich nur von Anfang November bis Ende Februar stattfinden, mit Sondergenehmigung auch noch danach. Schilfrohr muss zudem Frost oder starkem Wind ausgesetzt sein, damit es seine Blätter verliert und den optimalen Reifegrad erreicht. Nach Aussage Brandenburgs darf man es auch nicht feucht ernten.
Das Eindecken von Dächern mit Reet ist eine der ältesten Techniken beim Hausbau. Bereits um 4000 v. Chr. gab es die ersten nachgewiesenen Rohrdächer. Das Reetdachdecker-Handwerk ist im deutschen Verzeichnis für das immaterielle Weltkulturerbe der Unesco.
Herausfordernde Bürokratie
Einem Papier vom Greifswald Moor Centrum zufolge wurde noch vor der Wiedervereinigung in Mecklenburg-Vorpommern wesentlich mehr Schilf geerntet. Die Rohrmahd gilt in MV als «eine wirtschaftliche Nutzungsform eines besonders geschützten Biotops» und muss demnach in jedem Einzelfall durch die zuständige Naturschutzbehörde geprüft werden.
Brandenburg hätte gern mehr Fläche, aber diese zu bekommen, sei nicht einfach. Die Bürokratie sei teils herausfordernd. «Vor allen Dingen für so einen einfachen Handwerker, der da wenig Lust hat, sich damit zu beschäftigen.» Sein Team habe sich da «durchgebissen». Auch an die Flächen zu kommen, die teils dem Bund gehören und teils in privatem Besitz sind, habe Überzeugungsarbeit gekostet. Brandenburg rechnet damit, dass seine Mahd noch etwa zwei Wochen dauert. «Ist immer wetterabhängig.»
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