Mit Sicherheit politisch – der größte Karnevalszug im Norden

US-Präsident Trump und europäische Länder bekommen in Braunschweig ihr Fett weg.  Julian Stratenschulte/dpa
US-Präsident Trump und europäische Länder bekommen in Braunschweig ihr Fett weg. Julian Stratenschulte/dpa

Braunschweig (dpa/lni) –

USA, Russland und China – Klimawandel, Atommüll und Künstliche Intelligenz: Die Liste drängender politischer Themen ließe sich in diesen Tagen fortführen. Der Karneval ist bekannt dafür, Probleme überspitzt aufzuzeigen und dabei auch mit Grenzen zu spielen. Wie politisch wird der größte Umzug Norddeutschlands in Braunschweig? Und was ist mit der Sicherheit? 

Warum Braunschweig als Karnevalshochburg? 

Die Tradition des Karnevals lässt sich nach Angaben der Stadt bis ins Jahr 1293 zurückverfolgen. Höhepunkt ist seit vielen Jahren der «Schoduvel», der mit etwa fünf Kilometern Länge als größter Karnevalsumzug Norddeutschlands gilt. Rund 130 Motivwagen und mehr als 5.000 Aktive verwandeln die Stadt am Sonntag ins närrische Zentrum des Nordens.

Je nach Wetterlage erwarten die Organisatoren zwischen 180.000 und 250.000 Besuchern an der Strecke. 2025 versammelten sich laut den Veranstaltern sogar bis zu 300.000 Menschen, um in Braunschweig Karneval zu feiern. «Wenn man bedenkt, dass die zweitgrößte Stadt des Landes zuletzt etwas mehr als 250.000 Einwohner zählte, weiß man, dass es voll werden könnte», sagt Zugmarschall Karsten Heidrich. 

Wie politisch wird der Umzug? 

«Voll im Arsch» heißt ein Wagen, an dem deutlich wird, dass die Aussagen teils drastisch sind. Zu sehen ist US-Präsident Donald Trump, der eine Pistole in der Hand hält. Das sei Ausdruck für die Revolverdiplomatie, mit der amerikanische Präsident agiere, erklärt Bildhauer Konrad Körner. 

Das noch größere Problem sind ihm zufolge aber die politischen Führungen aus Europa. Sie kriechen Trump bildlich in den Hintern, weil sie abhängig von den USA seien. Gezeigt werden in diesem Fall die Fahnen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 

Ein anderer Wagen trägt den Titel «China Rodeo». Zu sehen ist ein Chinese, der auf einem VW-Käfer reitet. Natürlich werde China damit kritisiert, sagt Wagenbauer Körner. Viel schlimmer sei aber die Passivität des Autobauers. VW lasse einfach vieles mit sich machen. 

Später hängt ein Eisbär am Galgen, weil er mit Blick auf den Klimawandel keine Chance Überlebenschance mehr hat. Ein Wagen zeigt die desaströse Lage im maroden Atommüller Asse und ein grüner Elefant symbolisiert die Wandlung der Gesellschaft zum Thema Aufrüstung. «Macht uns Rheinmetall kriegstüchtig?», wird gefragt. 

Gibt es denn überhaupt keine Grenzen? 

«Wir nutzen das närrische Rügerecht», sagt Zugmarschall Heidrich. Wenn die Künstler ihn nach Regeln fragen, antworte er, dass es keine gebe. «Eigentlich ist alles machbar», sagt Heidrich. Als Beispiel für Dinge, die nicht gehen, nennt er persönliche Beleidigungen. 

Er verzichte auch auf Schmähungen und Diskreditierung, sagt Bildhauer Körner. «Bei religiösen Geschichten gehe ich vorsichtiger vor, weil ich weiß, dass die Emotionen da blank liegen» ergänzt er. Auf anderen Wagen im Zug wird Religion aber durchaus zum Thema gemacht. 

Grenzen setzt dagegen die Polizei. Es sei einfach verboten, Attrappen – sogenannte Anscheinwaffen – zu tragen. Bei einer solchen Großveranstaltung sei der Sicherheitsaspekt sehr hoch und die Kollegen vor Ort achten darauf, sagt ein Braunschweiger Polizeisprecher dazu. Ein Verstoß sei mindestens eine Ordnungswidrigkeit. 

Darüber hinaus sei Pyrotechnik verboten und in bestimmten Bereichen gebe es ein Glasflaschenverbot. Die Polizei betont auch, dass echt wirkende Uniformen und verfassungsfeindliche Symbole verboten sind. 

Welche Rolle spielt das Thema Sicherheit? 

Die Sicherheit steht im Zentrum. «Der Schoduvel kommt mit voller Macht, die Sicherheit hält alles sacht» ist das offizielle Motto des Umzugs. Dies solle aber keine Angst machen, sondern Sicherheit auf eine schöne Weise aufgreifen, erläutert Zugmarschall Heidrich. Die verschiedenen Vorkehrungen sind auch Reaktionen auf traurige Ereignisse aus Vergangenheit. 

Vor allem seit der Absage im Jahr 2015 steht das Thema Sicherheit im Fokus der Behörden und der Veranstalter. Am 15. Februar 2015 war der Umzug wegen einer Warnung vor einem möglichen Anschlag mit islamistischem Hintergrund abgesagt worden. Die Ermittlungen dazu wurden später ohne Ergebnis eingestellt.

Nach dem Attentat auf einem Berliner Weihnachtsmarkt kamen zunächst Lkw-Sperren. Als Reaktion auf die Todesfahrt in Magdeburg gebe es jetzt auch Pkw-Sperren, zählt Zugmarschall Heidrich weiter auf. 

In diesem Jahr sind laut den Organisatoren mehr als 1.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, von denen bis zu 700 Polizeibeamte sind. Dazu kommen 200 Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen und etwa 200 Sanitäter und Feuerwehrleute. Letztere seien auch geschult, wenn es etwa zu sexuellen Belästigungen kommen sollte, sagt Heidrich. 

Und die Kosten? 

Die steigen seit Jahren vor allem wegen der Sicherheitsanforderung. Der Schoduvel-Sprecher Gerhard Baller betont regelmäßig, dass er in der Vorbereitung auf den Umzug immer ein ganzes Buch zum Sicherheitskonzept schreiben müsse. 

In den vergangenen Jahren haben sich die Kosten von etwa 170.000 Euro auf zuletzt rund 350.000 Euro mehr als verdoppelt, wie Zugmarschall Heidrich vorrechnet. Er gehe davon aus, dass der Zug in diesem Jahr noch einmal teurer werde. 

Die gute Laune wollen sich die Karnevalisten in Braunschweig aber nicht verderben lassen. Am Ende des Zuges fährt übrigens ein Wagen mit einer goldenen Ente und der Aufschrift: «Ente gut – alles gut!».

© dpa-infocom, dpa:260213-930-680719/1

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