Sylt/Büsum/Cuxhaven/Ahrenshoop (dpa/lno) –
Schnee bedeckt jetzt auf Sylt die Stelle am Strand, an der vor rund einem Jahr literweise Blut über den Sand floss, zentimeterdicke Knochen mit einer Kettensäge zerteilt und Gedärme zerfleddert wurden. Ein angetriebener und rund 14,3 Meter langer Pottwal war am 17. Februar 2025 vor Hörnum aus der Nordsee an Land gezogen und anschließend zerteilt worden.
Zwei Tage hatten Fachleute den toten Meeressäuger geborgen und zerlegt. Zahlreiche Schaulustige hatten trotz des erbärmlichen Gestanks die Aktion am Strand nahe des Hörnumer Hafens verfolgt.
Die zuvor mit einer Kettensäge zerteilten Stücke des 10 bis 15 Tonnen schweren Wal-Kadavers waren in speziellen Containern mit dem Autozug nach Jagel (Kreis Schleswig-Flensburg), südlich der dänischen Grenze, zur Tierkörperbeseitigung gebracht worden.
Zuvor hatten Wissenschaftler Proben genommen, die im rund 70 Kilometer von der Insel entfernte Büsum (Kreis Dithmarschen) sowie in Belgien an der Universität Lüttich analysiert wurden. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.
Sylt-Wal war stark verwest
«Aufgrund des bereits weit fortgeschrittenen Verwesungszustands sowie der Bergungs- und Zerlegearbeiten konnten viele innere Organe jedoch nicht mehr zuverlässig beurteilt werden», sagte Joseph Schnitzler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW), der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Dennoch lieferten die verbliebenen Proben wichtige Einblicke in den Gesundheitszustand und die Lebensweise des Tieres.
Das ITAW-Team wollte unter anderem die mögliche Todesursache sowie die Herkunft herausfinden. Daran beteiligen waren auch Experten der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
Vermutlich erstickte der geborgene Walbulle laut Schnitzler an seinem eigenen Gewicht. Tidengewässer seien Phänomene, die die gigantischen Tiere nicht kennen. Wenn ein Pottwal auf Grund liege, werde er von seinem eigenen Körpergewicht erdrückt. «Eine eindeutige Todesursache ließ sich aufgrund des stark fortgeschrittenen Verwesungszustands nicht mehr feststellen.»
Tintenfisch im Magen des Sylt-Wals
In einem der vier Mägen fanden die Tierärztinnen und Tierärzte demnach Reste seiner letzten Mahlzeiten – «darunter Fischbestandteile und mehrere Tintenfischschnäbel», teilte der Experte mit. Pottwale ernähren sich hauptsächlich von Tintenfischen, einschließlich großer Tiefseekalmare sowie von Fischen.
Im Unterhautfettgewebe wurde laut Schnitzler ein Parasitenbefall sowie ein leichter Befall des Darms festgestellt – «ein Befund, der bei wildlebenden Meeressäugern durchaus häufig ist und nicht zwingend eine Erkrankung bedeutet». Viren seien bei den Tests demnach nicht nachgewiesen worden.
Sylt-Wal hatte hohe Quecksilberwerte
«Bei den toxikologischen Analysen fiel jedoch auf, dass der Pottwal hohe Quecksilberwerte in seiner Leber aufwies», teilte der Wissenschaftler mit. Dass sich Schwermetalle im Gewebe anreichern, sei aber bei großen, langlebigen Meeressäugern nicht ungewöhnlich.
Die Analyse von Gewebeproben ermöglichte Rückschlüsse auf die Ernährung und den Lebensraum des Tieres. «Beim Sylt-Pottwal zeigten die Werte eine deutliche Anreicherung von Stickstoffisotopen – typisch für Räuber an der Spitze des marinen Nahrungsnetzes», teilte Schnitzler mit. Der Wal habe demnach hauptsächlich in tiefen, ozeanischen Gewässern gejagt – typisch für die Art, die für ihre tiefen Jagd-Tauchgänge bekannt ist.
Die Schadstoff-Analyse solle fortgesetzt werden, sagte Schnitzler der dpa. Geplant sei demnach eine größere Meta-Analyse mit Proben früherer Walfunde.
Unterkiefer mit künstlichen Zähnen auf Sylt
Der Unterkiefer des gigantischen Tieres war nach der Bergung mit Messern, Kettensäge und Baggerschaufel abgetrennt und anschließend präpariert worden. Seit Ende Januar ist der von Fleischresten gesäuberte Kiefer im Erlebniszentrum Naturgewalten in List ausgestellt.
Die wertvollen echten Zähne aus Elfenbein seien durch Zähne aus Kunststoff ersetzt worden, um Diebstahl vorzubeugen, teilte eine Naturgewalten-Sprecherin mit. Nach einem Umbau soll das Exponat 2028 in einer neuen Ausstellung zu sehen sein. Hinter Glas sollen dann auch die Originalzähne gezeigt werden.
Wal-Strandungen und Sichtungen in Nordsee und Ostsee
Fernab von ihren eigentlichen Lebensorten in tieferen Gewässern stranden und schwimmen immer wieder große Wale in Nord- und Ostsee. Im vergangenen Jahr wurden laut Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer mehrere ungewöhnliche Sichtungen und Strandungen gemeldet.
Allein 2025 wurden drei Großwal-Kadaver aus der Nordsee vor Sylt geborgen: Neben dem Pottwal im Februar waren es außerdem ein Schnabelwal im August und ein Zwergwal im Juni. Zusätzlich werden den Angaben zufolge jedes Jahr mehrere tote Schweinswale auf Sylt angespült. Aber auch Zwergwale stranden vor der größten deutschen Nordseeinsel.
Seit Wochen zieht ein Finnwal zwischen dem Flensburger Hafen und dem dänischen Kollund seine Kreise.
Totfunde in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern
Im Hafen von Cuxhaven war zuletzt im November der stark verweste Kadaver eines rund 700 Kilogramm schweren Zwergwals gefunden worden.
In der Ostsee sind der Deutschen Stiftung Meeresschutz zufolge häufig Buckelwale unterwegs. Wie im Sommer vor der Nordspitze Rügens und im Mai vor Ahrenshoop (Mecklenburg-Vorpommern), auch bei einer Sichtung am Ostermontag 2025 nahe Hiddensee vermuten die Fachleute, dass es ein junger Buckelwal war.
Aber auch Belugas, Narwale und Zwergwale waren demnach in den vergangenen Jahrzehnten schon in der Ostsee gesichtet worden. Nicht immer überlebten die Tiere den Abstecher in das Binnenmeer.
© dpa-infocom, dpa:260215-930-688761/1








