Rostock (dpa) –
Ein Schritt zur Seite, dann geht die offene Hand kraftvoll in die Höhe. Die Botschaft ist klar, sagt Kati Voss: «Dein Körper gehört dir und du kannst Grenzen setzen.» Voss hat in den vergangenen Wochen mehrere Tanztrainings in Rostock angeleitet. Denn: Am Samstag (14. Februar) versammeln sich bei der weltweiten Tanzdemo «One Billion Rising» («Eine Milliarde erhebt sich») auch in Norddeutschland vielerorts Menschen, um gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zu protestieren.
Tabuthema Gewalt
«Das macht was mit einem, wenn man da so kraftvoll und selbstbewusst steht», sagt Voss. Eigentlich ist sie Kinder- und Jugendberaterin in der Interventionsstelle Rostock des Hilfevereins «Stark machen». «Tanz ist ja nicht nur leicht, damit werden auch Geschichten erzählt», erklärt sie. Tanz sei körperlich und eigne sich daher besonders für dieses Thema. Denn häusliche und sexuelle Gewalt seien oft noch Tabuthemen. Das belege auch die neue Dunkelfeldstudie der Bundesregierung, nach der nur drei Prozent aller sexuellen Übergriffe an Frauen angezeigt werden.
Mit der Demo solle nicht nur Gewalt sichtbar werden, sagt Voss. Es gehe auch um eine bessere Prävention. «In Mecklenburg-Vorpommern gibt es fünf Interventionsstellen.» An diese könnten sich Betroffene wenden, um Hilfe zu bekommen. Aber: «Das Personal auch in der Kinder- und Jugendberatung reicht bei weitem nicht aus.»
Rund 30 Orte im Norden machen mit
Auch in Schwerin, Wismar, Neubrandenburg und Stralsund soll in Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen der Aktion getanzt werden. In Schleswig-Holstein sind Aktionen unter anderem in Lübeck und Bad Segeberg geplant, in Niedersachsen unter anderem in Hannover, Oldenburg und auf Langeoog. In Hamburg und Bremerhaven soll ebenfalls getanzt werden. Insgesamt sind nach Angaben der Veranstalter rund 30 Orte im Norden dabei, in ganz Deutschland mehr als 140 Orte.
Die globale Bewegung «One Billion Rising» geht nach Angaben der Veranstalter auf eine Initiative der US-amerikanischen Künstlerin und Feministin Eve Ensler zurück. Die Flashmobs finden seit 2012 jedes Jahr an Valentinstag statt. Der Name kommt demzufolge von einer Statistik der Vereinten Nationen, nach der jede dritte Frau (knapp eine Milliarde) im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Die Aktion ruft auch dazu auf, eigene Tanzvideos zum diesjährigen Kampagnen-Song «Women on fire» einzusenden. Daraus soll am Ende eine Video-Collage mit Tänzen aus aller Welt entstehen.
«Man ist nie nur auf der Straße»
Soziale Medien hätten mittlerweile eine große Bedeutung für Protestbewegungen, sagt die Medienwissenschaftlerin Astrid Deuber-Mankowsky von der Ruhr-Universität Bochum. «Die Online-Vernetzung hat natürlich ganz neue Möglichkeiten der Protestbewegungen hervorgebracht», erklärt sie. Sie ermögliche es, sich auf der ganzen Welt für ein gemeinsames politisches Anliegen starkzumachen und Protestbewegungen eine globale Perspektive zu geben. Gefährlich werde es, wenn gerade rechte Kräfte sich Internet-Memes oder mit Künstlicher Intelligenz erstellte Bilder zunutze machten, um zu mobilisieren.
Es gebe aber auch viele Chancen. Die «MeToo»-Bewegung, die sexuelle Gewalt anprangert, sei mit einem Hashtag in Form einer Internet-Kampagne gestartet. Und auch die jüngsten Videos von den Demonstrationen im Iran oder vom Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota machten die große Bedeutung des Internets klar. «Man ist nie nur auf der Straße», sagt die Professorin.
Dennoch sei die Erfahrung von Solidarität und körperlicher Präsenz sowie eine Eroberung von öffentlichen Räumen wichtig. Dadurch entstehe ein Gemeinschaftsgefühl. «Proteste können gar nicht nur online stattfinden», sagt Deuber-Mankowsky. Auch die Tanzdemo «One Billion Rising» sei darauf ausgelegt, über die sozialen Netzwerke geteilt zu werden. «Tanzen hat ja auch einen euphorisierenden Effekt. Das ist doch toll.»
Viereinhalb Minuten Choreo
Eine der Hauptmotivationen, um auf die Straße zu gehen, sei aber die soziale Identität, sagt Greta Groß vom Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Dabei sei die Frage: «Mit welcher Gruppe und mit welchen Themen identifiziere ich mich?» Auch Emotionen wie Frust oder Wut über die eigene Situation könnten dazu führen, etwas verändern zu wollen. «Immer dann, wenn es Themen gibt, wo eine Gesellschaft für sich eine rote Linie erkennt, über die sie nicht gehen möchte», sagt Groß. Damit hätten die Menschen die Möglichkeit, sich abseits von der Wahlurne politisch einzubringen.
Voss vom Verein «Stark machen» rechnet am Samstag in der Rostocker Fußgängerzone mit rund 50 Tänzerinnen und Tänzern. Die meisten seien erfahrungsgemäß Frauen, es kämen aber auch Männer. Getanzt wird zum Song «Break the chain» («Spreng die Ketten») von Tena Clark. In Rostock dauert die Choreo rund viereinhalb Minuten und besteht aus einer relativ einfachen Schrittfolge. Mitmachen könnten alle, ganz spontan, sagt Voss.
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