Umfrage: Mehrheit der Ärzte erlebt Machtmissbrauch

Die aktuellen Umfrageergebnisse unter Ärztinnen und Ärzten bezeichnete der Vorsitzende des Marburger Bundes Schleswig-Holstein Michael Wessendorf als «alarmierend». Felix Müschen/dpa
Die aktuellen Umfrageergebnisse unter Ärztinnen und Ärzten bezeichnete der Vorsitzende des Marburger Bundes Schleswig-Holstein Michael Wessendorf als «alarmierend». Felix Müschen/dpa

Kiel (dpa/lno) –

Mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte im nördlichsten Bundesland erlebt laut dem Marburger Bund Machtmissbrauch am Arbeitsplatz – der Ärzteverband fordert daher unabhängige Meldestellen. «Wir wissen, und wir wussten immer schon, dass es natürlich auch Machtmissbrauch gibt oder auch in Einzelfällen sexuelle Belästigung», sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft in Schleswig-Holstein, Michael Wessendorf, bei der Landespressekonferenz in Kiel. Die aktuellen Umfrageergebnisse bezeichnete er als «alarmierend». 

In Schleswig-Holstein hätten sich knapp 350 Ärztinnen und Ärzte an der Umfrage unter den Mitgliedern des Marburger Bundes beteiligt. Den Angaben zufolge fühlten sich 57 Prozent von ihnen in den vergangenen zwölf Monaten durch Machtmissbrauch bedrängt. Das beginne bei einem respektlosen Umgangston und beim Bloßstellen im Team. Im Zweifel ende es mit der Verweigerung einer Weiterbildung, erklärte Wessendorf. «Zu 86 Prozent gehen diese Missbrauchsvorwürfe von den Vorgesetzten aus.»

Großes Dunkelfeld bei sexueller Belästigung

Die Folgen von Machtmissbrauch wiegen schwer. Laut Wessendorf klagten 78 Prozent der Betroffenen über emotionale Erschöpfung und ständige Anspannung, 71 Prozent über sinkende Arbeitsmotivation. «Und was uns besonders alarmiert: 41 Prozent derjenigen, die geantwortet haben, sagen: Ich denke darüber nach, ob ich ganz grundsätzlich den Bereich der stationären Versorgung verlasse», betonte der Vorsitzende.

Zudem gaben 13 Prozent der Ärztinnen und Ärzte an, am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein – von anzüglichen Bemerkungen bis hin zu Geschlechterdiskriminierung. Doch nur ein Fünftel der Betroffenen meldete laut Wessendorf solche Vorfälle. «Und wie immer, wenn etwas nicht gemeldet wird, ist natürlich ein großes Dunkelfeld da.»

Kernproblem der Weiterbildung

Die Ergebnisse der Mitgliederbefragung in Schleswig-Holstein spiegeln den bundesweiten Trend wider. «Wir haben also nicht eine bunte Sammlung von Einzelfällen, sondern wir haben offensichtlich ein strukturelles Problem», sagte Wessendorf. Ein zentrales Problem, das der Marburger Bund dabei erkannt hat, liegt in der Hierarchie bei der Weiterbildung. 

So berichtete ein Arzt in Weiterbildung, die aktuelle Weiterbildungsordnung schaffe ein extremes Abhängigkeitsverhältnis zum Weiterbildungsermächtigten. Wer Missstände anprangere, riskiere eine verlängerte Weiterbildung oder den Entzug des Zeugnisses, erklärte der Landesvorsitzende. Häufig sei der Ermächtigte gleichzeitig auch Chefarzt und somit «Karriereentscheider». 

Führungskompetenz muss höheren Stellenwert bekommen

Aus Sicht des Marburger Bundes Schleswig-Holstein braucht es deshalb unabhängige und vertrauenswürdige Meldestellen. Nötig ist auch eine bessere Kontrolle der ärztlichen Weiterbildung durch die Ärztekammer. Das kann bis zu Konsequenzen wie dem Entzug der Weiterbildungsbefugnis oder einer Kündigung reichen.

Außerdem muss Führungskompetenz denselben Stellenwert bekommen wie fachliche Kompetenz. Wessendorf betonte: «Wer Menschen führt, muss dafür qualifiziert sein». Gute Medizin entstehe nicht nur durch medizinisches Wissen, sondern auch durch Respekt, Fairness und Wertschätzung.

© dpa-infocom, dpa:260611-930-206895/2

Copy LinkCopy Link
Zur Startseite