Bredstedt/Wyk auf Föhr (dpa/lno) –
Bald ist es wieder so weit und entlang der nordfriesischen Küste sowie auf den Inseln und Halligen werden vielerorts die traditionellen Biike-Feuer entfacht. Aber was hat es mit den riesigen Feuern auf sich, die traditionell am 21. Februar entzündet werden und nicht nur Einheimische, sondern auch zahlreiche Touristen anziehen? Ein paar Fakten, um am Feuer oder beim anschließenden Grünkohlessen, mitreden zu können.
Grünkohl?
Das Wintergemüse gehört zur Biike nicht einfach dazu, auch wenn viele das denken, wie der Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt, Christoph Schmidt, sagt. Das Nordfriisk Instituut ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung, Förderung und Pflege der nordfriesischen Sprache, Geschichte und Kultur. Biike mit Grünkohlessen zu verbinden sei eine Gewohnheit, die sich erst mit dem Tourismus etabliert habe. «Für so manche Einheimische ist die zwanglose Begegnung am Feuer nach wie vor das eigentliche, alles andere darf entfallen.»
Dennoch: Viele Restaurants in der Region bieten das deftige Gericht im Anschluss an das Feuer an. Reservierungen sind oft erforderlich und Plätze schnell vergeben. Wer keinen Tisch ergattert hat oder einfach lieber zu Hause oder in der Ferienwohnung Grünkohl essen möchte, kann das auch: Auf Föhr und Sylt etwa können küchenfertigte Biikeboxen mit Grünkohl und allem Drum und dran noch bis zum 16. Februar vorbestellt werden.
Zahlreiche Mythen und Legenden rund um die Biike
Um die Biike ranken sich zahlreiche Legenden, viele davon entstanden im 19. Jahrhundert. Sie gehen nach Angaben des Nordfriisk Instituut vor allem auf den bekannten Sylter Chronisten und Autor Christian Peter Hansen zurück, der bestehende Traditionen und Überlieferungen mit viel Phantasie ergänzt und zu einem neuen Ganzen verwoben hat.
Die Vorstellung, mit dem Feuer werde der Gott Wotan verehrt, gehört ebenso in das Reich der Mythen wie diejenige, dass mit den Feuern die auslaufenden Walfänger verabschiedet wurden, wie der Lokalhistoriker Albert Panten schon vor Jahrzehnten nachgewiesen hat.
Biike sind typisch nordfriesisch und finden Nachahmer
Die Biike gehört zu den Frühlingsfeuern und gilt als klassisches Winteraustreibungsfeuer beziehungsweise Fastnachtsfeuer. Der Termin war bis ins 19. Jahrhundert flexibel, immer wieder gab es jedoch Streit mit Geistlichen, wenn manches Feuer noch nach Beginn der Fastenzeit entzündet wurde. Im Dezember 2014 wurde das Biikebrennen in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Auch wenn es sich um einen speziell nordfriesischen Brauch handelt, brennen inzwischen auch einzelne Biiken an der Ostküste Schleswig-Holsteins, zum Beispiel bei Flensburg.
Biike als nordfriesisches Nationalfest
Das friesische Wort Biike bedeutet so viel wie Bake oder Feuerzeichen. Biikefeuer werden mittlerweile, angeregt durch C.P. Hansen, durchweg am 21. Februar entzündet, dem Vorabend des Petritages. Die Biike ist der einzige gesamtnordfriesische Brauch und gilt vielen Friesen als «Nationalfest».
Bis Anfang der 1970er Jahre waren die großen Biiken vor allem auf den Inseln verbreitet, auf dem Festland wurden der Brauch vor allem im privaten Kreis begangen. Danach fanden sie die großen, zentral organisierten Feuer durch ein wiedererwachendes nordfriesisches Bewusstsein auch auf dem Festland stärkere Verbreitung.
Dutzende Feuer entlang der Küsten – die meisten brennen auf Föhr
Mittlerweile lodern jedes Jahr rund 60 Feuer auf dem nordfriesischen Festlands sowie auf den Inseln und Halligen. Und die Tradition ist nicht nur bei Einheimischen, sondern auch immer mehr Gästen beliebt.
Auf Sylt werden zehn Biiken entzündet, auf Amrum eine in jedem der fünf Inseldörfer, auf Föhr sind es dieses Jahr zwölf.
Reden auf deutsch und friesisch
Vor dem Entzünden der Feuer werden vielerorts Reden auf deutsch und friesisch gehalten. Die Sylt Marketing GmbH rät, trotz des geselligen Charakters der Biike und auch man Friesisch vielleicht nicht versteht, «kurz auf Empfang schalten und beiden Ansprachen aufmerksam zuhören».
Die letzte Rede endet auf Sylt immer mit den Worten «Tjen di Biiki ön» («Entzündet die Biike»). Dann erst darf die Fackel in den Biikehaufen geworfen werden, teilt die Sylt Marketing mit. «Nun heißt es abwarten und warmen Punsch trinken, bis die oben auf dem Haufen thronende Tonne, das Fass oder die Strohpuppe, der Pidder, fällt.»
Diese Art zu feiern empfinden manche Einheimische jedoch als künstlich, sagt Schmidt. Offizielle Reden, Getränkestände oder auch nur, dass die Gemeindeverwaltung und Feuerwehren Biike organisieren, gehöre hier eigentlich nicht hin, sei hier und da zu hören. Das eigentliche Biiken sei ein möglichst informelles Fest mit Freunden und Nachbarn, nicht ein Event für Touristen oder eine Bühne für die Politik. Essen und vor allem Getränke würden mitgebracht und geteilt, aber nicht verkauft.
Früher Fest für und von Kindern und Jugendlichen
Früher war die Biike vor allem ein Fest der Jugend. Auch heute noch gibt es am Tag nach der Biike an einigen Orten wie auf Sylt, schulfrei. Auch auf Föhr war die Biike früher ein Fest für und von Kindern, wie die Volkskundlerin und Sprachwissenschaftlerin Antje Arfsten, die aus einem Dorf auf der Insel kommt, einmal erzählte. Mancherorts seien die Konfirmanden zuständig gewesen. Auf jeden Fall hätten die Erwachsenen sich im Hintergrund gehalten.
Mit Hilfe von Jugendlichen hätten die Jüngeren Brennmaterial eingesammelt und auch auf die aufgeschichteten Haufen aufgepasst – damit die Kinder aus den Nachbarorten die Biiken nicht vorzeitig entzündeten. An Biike hätten Kinder auch Sachen gedurft, die sonst nicht erlaubt waren. Für diesen einen Abend galt eine gewisse Narrenfreiheit. Biike war und ist, so Schmidt, für manche Nordfriesen wichtiger als Weihnachten.
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