Kiel (dpa/lno) –
Nach Recherchen des Vereins Zebra sind in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr 238 Menschen Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten geworden. Die Zahl registrierter Angriffe bewege sich mit 156 im Vergleich zu 2024 auf einem konstant Niveau, wie Berater Felix Fischer bei der Vorstellung des Monitorings des Vereins Zebra – Zentrum für Betroffene rechter Angriffe sagte. «Der Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist mit rund 20 Prozent weiterhin besorgniserregend hoch.» 2024 waren insgesamt 263 Menschen betroffen gewesen bei 164 Fällen.
Seit 2017 erfasst Zebra Angriffe in einem landesweiten Monitoring. Der Verein biete Betroffenen unter anderem psychosoziale Beratung, aber auch Informationen über rechtliche Möglichkeiten, Begleitung zu Polizei und Gerichten an, sagte Projektleiter Joshua Vogel. Die Zahlen stellten nur die Spitze des Eisbergs dar. «Immer wieder schrecken Betroffene davor zurück, Angriffe auch zur Anzeige zu bringen.»
Was wird erfasst?
Die Statistik erfasst Körperverletzungen, Tötungsdelikte, Brandstiftungen, massive sowie wiederholte Sachbeschädigungen, aber auch Bedrohungen, wenn sie den Straftatbestand erfüllen oder massive Folgen für die Betroffenen haben. Vorfälle registrierte der Verein 2025 in allen Regionen des Landes – es gab mindestens vier Fälle in jedem Kreis. Die meisten dokumentierten Angriffe waren 2025 erneut rassistisch motiviert. Das betraf mehr als zwei von drei Vorfällen. In 17 Prozent der erfassten Vorfälle ging es um Angriffe gegen politische Gegnerinnen und Gegner.
Der Verein stellte einen Anstieg von 23 auf 26 Taten gegen politische Verantwortungsträger fest und verwies auf einen körperlichen Angriff auf zwei Menschen im Bundestagswahlkampf an einem Infostand, wobei sich die Angreifer positiv über die AfD geäußert haben sollen. In mehreren Drohschreiben beispielsweise an Landespolitiker wurde das Logo der Partei verwendet.
Eine Serie von Sachbeschädigungen und versuchten Brandstiftungen an einem linken Laden und zahlreichen Parteibüros in Flensburg und Kiel am Osterwochenende 2026 zeigten, dass die 2025 festgestellte Gewalt gegen politische Verantwortungsträger kein einmaliges Phänomen war, sagte Berater Fischer.
Mehr Angriffe auf queere Menschen
«In der Regel haben Betroffene vor dem Angriff schon häufig Diskriminierungserfahrungen gemacht und können vor diesem Hintergrund in der Regel sehr gut bewerten, was Auslöser der Tat war», sagte Vogel. Einen weiteren Anstieg gab es auch bei den Angriffen auf queere Menschen (von acht auf zehn Fälle). Taten richteten sich auch an die Szene. «Ihnen wird signalisiert, dass es sie jederzeit treffen kann, und aus der Beratungspraxis wissen wir, diese Botschaften kommen bei den Betroffenen an.»
Mit Sorge betrachtet der Verein gesellschaftliche Veränderungen auch in Schleswig-Holstein. Vogel verwies exemplarisch auf einen Fund von Waffen und Chemikalien bei einem Jugendlichen auf Fehmarn im vergangenen Jahr. Dieser Fall ist allerdings nicht Teil der Statistik.
«Wir sehen hier aber eine Entwicklung von sich eben zunehmend radikalisierenden jungen Menschen, die in anderen Bundesländern bereits zu schweren Gewalttaten geschritten sind», sagte Vogel. Es gebe eine hohe Affinität junger Menschen, sich an Paraden zum Christopher Street Day abzuarbeiten. «Aus unserer Sicht ist das eines der vielen Warnsignale, das eben nicht ausschließlich mit einer Verstärkung von Polizeiarbeit beantwortet werden sollte.» Geboten seien Programme zur Deradikalisierung und Demokratieerziehung.
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