Berlin (dpa) –
Das Schicksal des Buckelwals, der tagelang auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand festgesessen und sich schließlich befreit hat, fasziniert und bewegt viele Menschen. Die Gründe dafür sind laut Uta Maria Jürgens, Psychologin mit Forschungsschwerpunkt auf Mensch-Wildtier-Beziehungen, vielfältig. Zum einen seien Wale eine «charismatische Spezies, die Aufmerksamkeit auf sich zieht». Dabei handele es sich um große, erkennbare Tiere, die für viele ein Symbol darstellten. «Bei Walen verdichten sich viele Bilder, Sehnsüchte und Sorgen, die wir haben.»
Ein Wal rufe intensive Gefühle hervor, deshalb sei auch Walbeobachtung so beliebt. «Treffen wir so ein Tier dann noch an einem Ort an, wo wir ihm sonst nicht oder selten begegnen, sind natürlich besonders viel Aufmerksamkeit und der Wunsch da, auf irgendeine Art dabei zu sein», erläutert die Expertin.
Ausgleich für Schuldempfinden
Zum anderen hätten Menschen das Empfinden, über eine persönliche Beziehung zu dem Tier eine Verbindung zur Natur aufzubauen. «Wir wissen, dem Lebensraum Meer geht es schlecht. Wir wissen auch, Meeressäugern geht es schlecht. Und jetzt haben wir den Eindruck, für so ein Wesen wirklich einen Unterschied machen zu können», erklärt Jürgens. Man gleiche damit ein gewisses Schuldempfinden aus, das man gegenüber der Natur und Lebensräumen wie etwa dem Meer habe. Zugleich bediene man eine Sehnsucht nach Kontakt und Nähe zur Natur.
Der Unterschied etwa zu leidenden Tieren in der Massentierhaltung oder in Tierheimen sei, dass viele bei dem Wal «persönlich andocken können». «Es gibt auch immer mal wieder Meldungen von einzelnen Tieren, die aus einem Tiertransport entkommen sind. Dann gibt es plötzlich Spendenaktionen, damit dieses eine Schwein oder Rind irgendwo untergebracht werden kann», berichtet die Forscherin.
Denn in solchen Fällen habe man ein persönliches Gegenüber, das Gefühle hervorrufe und den Wunsch auslöse, zu helfen. «Psychologisch sind wir für persönliche Begegnungen mit Menschen, aber eben auch mit Tieren gemacht.» Deshalb könne man mit dem Schicksal des einzelnen Wals mehr anfangen als oftmals mit grundlegenden Diskussionen über «den Wolf» oder andere Arten.
Das Gefühl, unmittelbar etwas für das Tier zu bewirken
Hinzu komme noch die Bedeutung des Meeres, für das der Buckelwal sinnbildlich stehe. «Für die meisten Menschen ist das ein Sehnsuchtsort, den sie gut mit Bedeutungen und Gefühlen aufladen können, ohne die raue Realität dieses Lebensraums mitzubekommen», sagt Jürgens. Denn die wenigsten seien Fischer oder führen zur See. Werde dem Wal geholfen, stelle sich für die Menschen das Empfinden ein: Man könne dem ganzen Lebensraum helfen. Deshalb würden aufwendige und teure Rettungsmaßnahmen von vielen befürwortet – obwohl unklar gewesen sei, ob der Wal es schaffe.
Im Vergleich zu großen Krisen auf der Welt stelle der Buckelwal eine «beherrschbare Aufgabe mit einem sehr engen Zeithorizont» dar. In wenigen Tagen wüssten wir, ob die Rettungsaktionen erfolgreich gewesen seien und der Wal überlebe. «Und jeder, der jetzt zum Strand gefahren ist, gespendet oder einfach die Daumen gedrückt hat, hat das Gefühl, unmittelbar etwas für das Tier zu bewirken», führt die Psychologin aus. Große Krisen seien ausufernd, sie überwältigten und überforderten Menschen – doch der Wal lade uns ein, zu sagen: «So können wir dem Guten in der Welt Vorschub leisten».
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