Braunschweig (dpa) –
Das ist kein museales «Routinegeschäft». Mit diesen Worten eröffnet Braunschweigs Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) eine besondere Ausstellung: Nach Angaben der Macher ist es die deutschlandweit einzige Ausstellung zum 75-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein «Kunststück», lobt dessen Präsident Josef Schuster, der selbst auch etwas Persönliches beigetragen hat.
Bei der feierlichen Eröffnung im Staatstheater betont Zentralratspräsident Schuster den hohen emotionalen und ideellen Wert der Ausstellung. Dieser hebe die Schau weit über ein bloßes, historisches Nacherzählen hinaus. Die Schau betont Schuster zufolge aber eine «schmerzliche Aktualität». Denn: «Seit dem 7. Oktober spüren wir einen explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus», sagt er und fordert entschlossenes Handeln dagegen.
Was ist Anlass für die Ausstellung?
Der Zentralrat der Juden in Deutschland wurde am 19. Juli 1950 – nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – in Frankfurt am Main gegründet. Er ist eine politische, gesellschaftliche und religiöse Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.
Schon im vergangenen Jahr wurde zu verschiedenen Jubiläums-Anlässen etwa von den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck und Christian Wulff das Wirken und die Bedeutung des Zentralrats für Deutschland gewürdigt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erinnerte bei einer Veranstaltung an den jüdischen Beitrag für die Gesellschaft und an die historische Verantwortung der Deutschen.
Vom 24. Februar bis 20. September wird nun im Städtischen Museum Braunschweig die nach Angaben der Organisatoren deutschlandweit einzige Ausstellung zum Jubiläum zu sehen sein.
Welches Ziel hat die Schau?
Das Projekt will die Verdienste des Zentralrats für die jüdische Gemeinschaft würdigen und seine Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft in der Bundesrepublik herausstellen. Für Zentralratspräsident Schuster reduziert die Ausstellung jüdisches Leben weder auf das Menschheitsverbrechen der Schoah und den heute leider erstarkenden Antisemitismus, noch stellt sie es als etwas Exotisches dar. «Sie beleuchtet jüdisches Leben in all seiner Vitalität und Vielfalt».
Die Schau soll das Wirken einzelner Präsidenten und Führungspersönlichkeiten des Zentralrats hervorheben. Schuster lobt, dass die Ausstellung in Braunschweig die Rolle des Zentralrats verstehe. Es erfülle ihn mit Stolz, dass der Rat als «ethisches Zentrum» der Bundesrepublik gesehen werde, als einen Wächter des Grundgesetzes und seiner Errungenschaften und als einen Vorkämpfer für die offene Gesellschaft.
Gibt es Highlights?
Viele Stücke sind verbunden mit persönlichen Erinnerungen. Josef Schuster hat eine Besamimbüchse in Form eines Fisches aus dem Besitz seines Vaters zur Verfügung gestellt. «Sie spielt eine Rolle beim Ausklang des wöchentlichen Schabbat, in ihr werden Gewürze aufbewahrt», erläutert Schuster dazu.
Es gibt die Reproduktion eines Stolpersteins für Philipp Auerbach, Auschwitz-Überlebender und ab 1950 Mitglied des provisorischen Direktoriums des Zentralrats. Er wurde in einem Prozess mit politischer Agenda wegen Unterschlagung, Bestechung, Meineid und unbefugtem Führen eines Doktortitels angeklagt.
Ein Richter mit voriger NS-Karriere verurteilte ihn zu zweieinhalb Jahren Haft, wie es im Katalog zur Ausstellung heißt. Auerbach nahm sich das Leben und wurde erst nach seinem Tod rehabilitiert, weil er zu Unrecht verurteilt worden war. «Er hatte Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebt, nicht jedoch die bayerische Nachkriegsjustiz», schreiben die Ausstellungsmacher.
Was sticht noch hervor?
Beim Rundgang fallen die Pappschilder mit großen bunten Buchstaben auf: «BRING THEM HOME NOW», ist darauf zu lesen und zeigt die Forderung, die israelischen Geiseln nach dem 7. Oktober 2023 aus dem Gaza-Streifen zurückzuholen.
Es sind Bilder von Mitgliedern der israelischen Olympia-Mannschaft zusehen, die 1972 in München Opfer von Terroristen wurden. Es wird an die antisemitischen Inhalte der documenta fifteen in Kassel erinnert.
Farbtupfer bringen ein Maskottchen und andere Utensilien von Makkabi Deutschland, dem Dachverband für jüdische Sportvereine. Gezeigt wird auch ein «Bambi»aus dem jüdischen Museum Berlin, mit dem Moderator Hans Rosenthal 1973 ausgezeichnet wurde.
Warum Braunschweig?
«Die Ausstellung könnte in ganz vielen Städten gezeigt werden, das Thema ist für viele Städte virulent», sagt Museumsdirektor Peter Joch. In Gesprächen sei aber eine Atmosphäre entstanden, mit der sich Zentralrat und das Museum dafür aussprachen, die Ausstellung in der niedersächsischen Stadt zu zeigen. «Wir sind sehr stolz, dass der Zentralrat uns vertraut», sagt Joch.
An verschiedenen Stellen wird der Bezug nach Braunschweig aber betont. Beispielsweise wenn über Bea Wyler berichtet wird. Die Schweizerin war die erste in Deutschland amtierende Rabbinerin. Sie war zwischen 1995 und 2004 Gemeinderabbinerin in Braunschweig, Oldenburg und Delmenhorst.
Gefördert wird die Ausstellung unter anderem von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz.
© dpa-infocom, dpa:260223-930-722439/1








