Aufregung um Wal – «Wir Poeler sind sprachlos»

Ein Buckelwal hat teils internationale Presse auf die Insel Poel gelockt. Jens Büttner/dpa
Ein Buckelwal hat teils internationale Presse auf die Insel Poel gelockt. Jens Büttner/dpa

Kirchdorf (dpa) –

Bei Mandy Hartung steht neuerdings ein Fernglas auf dem Tresen. «Wir gucken dann ja doch», sagt die Kellnerin im Restaurant Kröning’s Fischbaud in Kirchdorf auf Poel. «Wir konnten ihn ja immer sehen.» Gemeint ist der Buckelwal, der Ende März vor der Insel gestrandet ist und seitdem für einige Aufregung vor Ort sorgt.

Zahlreiche Kamerateams und Reporter auch aus dem Ausland belagern den kleinen Ort. Der Parkplatz am Hafen ist teilweise für die privat organisierte Rettungsinitiative für den Wal gesperrt. Zeitweise war auch die Zufahrt zum Hafen gesperrt.

Es gebe wesentlich weniger Umsatz, sagt Hartung. Sie schätze das Minus auf 50 bis 60 Prozent. Gäste sagten ihre Reservierungen ab. Sie hoffe auf Besserung, nachdem inzwischen die Sperrung der Zufahrt aufgehoben wurde. Auch die Demonstrationen auf der Insel wegen des Wals hätten Menschen abgeschreckt. «Ich glaube, so was gab’s hier noch nicht», sagt sie mit Blick auf den Trubel.

Presseleute wollen immer nur Kaffee

Von Umsatzeinbußen spricht auch ein Gastronom in einem Imbiss in Sichtweite des Hafens, der nicht namentlich genannt werden möchte. Urlauber blieben weg, weil sie keine Lust auf den Trubel hätten. Eine Mitarbeiterin des Imbisskutters, der mitten im Geschehen an der Kaikante liegt, sagt, die Presseleute kompensierten das Wegbleiben anderer Kunden nicht. Die Journalisten wollten immer nur Kaffee.

Helga Nausch besucht ab und zu Kröning’s Fischbaud und lässt sich auch aktuell nicht abschrecken. Sie bestellt sich auf der sonnigen Terrasse direkt an der Kaikante ein Alster. Auf Poel geboren und aufgewachsen ist Nausch nach eigener Aussage nach längerer Abwesenheit inzwischen wieder seit 30 Jahren auf der Insel.

Sie wünsche dem Wal das Allerbeste. «Aber was ist das Allerbeste?» Was aktuell laufe, sei ein Trauerspiel. Sie verweist auf die mehrfachen Strandungen des Tieres. Sie spricht auch davon, dass Menschen über frisch gesäte Äcker gefahren seien, um dem Tier näherzukommen. Im Gästebuch der Kirche unweit des Hafens hätten vermeintliche Wal-Freunde der Gemeinde gedroht. «Wir Poeler sind sprachlos», sagt die 75-Jährige, die Ohrstecker mit dem Umriss der Insel trägt. «Ich kenne keinen Poeler, der anderer Meinung ist als ich.» 

Unmut im Gästebuch der Kirche

Ähnlich äußert sich der Poeler Jürgen Westphal. Von «Theater» spricht der 82-Jährige. Auch er verweist auf die frisch gesäten Äcker und das Gästebuch in der Kirche. Man könne aber niemanden von der Insel verweisen und wolle das auch gar nicht. «Das werden wir auch überstehen», sagt er mit Blick auf den Rummel. Er wünsche auch dem Wal, dass er es überstehe. Das stehe aber in den Sternen.

Im Gästebuch der Kirche heißt es, man lasse den Wal leiden: «Was ist Poel nur für eine Gemeinde Pfui schämt euch!» Dass zunächst von aktiven Rettungsmaßnahmen für das Tier Abstand genommen worden war, hatte einige Gemüter erhitzt und sogar zu kleinen Demos geführt. Experten hatten dafür plädiert, dem geschwächten und kranken Tier möglichen Stress zu ersparen. Seit Mitte April versucht nun eine private Initiative, das Tier aus seiner Lage zu befreien, geduldet und kontrolliert vom Land.

Auf die Unterkünfte auf der Ostseeinsel habe der Wal-Trubel bisher keinen bedeutenden Einfluss gehabt, sagt Silvio Kremer, Büroleiter des Poeler Tourismusservice. Man erhoffe sich aber, dass durch den Wal der Bekanntheitsgrad der Insel steige und dies sich positiv auf den Tourismus vor Ort auswirken werde.

«Die Leute hier sind eigentlich genervt»

Im Gästebuch der Kirche finden sich auch viele Einträge mit guten Wünschen für den Wal. «Du schaffst es dicker Junge», ermuntert ein Eintrag. Ein anderer wünscht «Segen für Timmy». Ein Besucher oder eine Besucherin der Kirche schrieb: «Ich bete für Timmy und für alle Wale», dass sich ihre Lebensbedingungen nicht weiter verschlechtern, dasselbe gelte für alle Menschen.

Nach Meinung einer Berlinerin mit Zweitwohnsitz auf Poel, die nicht namentlich genannt werden will, wäre es wichtiger, sich um das Meer als Lebensraum zu kümmern und etwa etwas gegen Geisternetze zu unternehmen. Man habe eigentlich genug für den Wal getan. Sie habe gesehen, wie die Helfer unter anderem mit Jetskis versuchten, das Tier aus der Kirchsee-Bucht zu leiten, nachdem es losgeschwommen war. Zur Stimmung auf der Insel sagt sie: «Die Leute hier sind eigentlich genervt.»

© dpa-infocom, dpa:260423-930-982219/2

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