Hilferuf per Handzeichen: Warum auch Sie dieses Signal kennen sollten

Das Handzeichen bei häuslicher Gewalt („Signal for Help“). Quelle: SAT.1 REGIONAL

In den USA konnte vor Kurzem ein entführtes Mädchen aus einem Auto gerettet werden, weil sie durch ein spezielles Handzeichen auf sich aufmerksam machte. In einem sozialen Netzwerk ging das Hilfezeichen zuvor viral, machte es bekannter. Das zeigt: Jeder sollte dieses Signal kennen – auch hier in Norddeutschland. Denn es kann Betroffenen helfen.

Behördenangaben zufolge konnte die 16-Jährige auf einer Schnellstraße in Kentucky gerettet werden. Sie saß im Auto ihres 61-jährigen Entführers und machte durch ein spezielles Handzeichen auf sich aufmerksam. Ein Autofahrer erkannte glücklicherweise sofort, was los ist und alarmierte die Polizei. Der Mann wusste, dass es sich dabei um einen auf dem Videoportal „Tiktok“ bekanntgewordenen Hilferuf wegen häuslicher Gewalt handelt und dass das Mädchen offenbar Hilfe benötigt. Er fuhr dann dem Mädchen und dessen Entführer hinterher, bis die Polizei das Auto mit dem Mädchen anhalten konnte.

Wie sieht dieses Handzeichen aus?

Wie auch im nachfolgenden Video zu sehen, kann die diskrete Einhandgeste beispielsweise in einem Videochat genutzt werden. Grundsätzlich immer dann, wenn die betroffene Person um Hilfe bitten möchte, aber gerade nicht laut sprechen kann, weil die Person in der Nähe ist, von der die Gewalt ausgeht.

  1. Zunächst wird die Hand gehoben, die Handinnenfläche zeigt dabei zum Gegenüber, der Daumen steht ab.
  2. Anschließend wird der Daumen in die Handinnenfläche geklappt.
  3. Dann werden die restlichen Finger darübergelegt, als würde man den Daumen einschließen wollen.

In diesem Video scheinen sich zwei Frauen ganz unverfänglich miteinander zu unterhalten. Eine Frau fragt ihre vermeintliche Freundin nach einem Backrezept, im Hintergrund ist permanent ein Mann anwesend. Die Wahrheit: Die Frage soll nur ablenken, denn plötzlich macht die Frau oben beschriebenes Handsignal – ohne laut sprechen zu müssen, ohne eine digitale Spur durch einen schriftlichen Chat zu hinterlassen. Bei ihrer Freundin gehen sofort Alarmglocken an:

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Wie reagieren, wenn man das Handzeichen sieht?

Ins Leben gerufen hat das Handzeichen („Signal for Help“) die kanadische Organisation Canadian Women’s Foundation. Das Signal bedeutet nicht automatisch: Ruf die 110! Die betroffene Person möchte damit deutlich machen: Kontaktiere mich auf einem sicheren Weg! Die Stiftung rät nur dazu, den lokalen Notruf – hierzulande also die 110 – zu wählen, wenn sich jemand in unmittelbarer Gefahr befindet. Das eingangs beschriebene Beispiel – ein junges Mädchen, das in einem Auto sitzt und das Handzeichen an der Fensterscheibe zeigt – wäre ein solcher Fall.

Ansonsten möchte die oder der Betroffene vielleicht einfach nur reden oder benötigt Informationen wie beispielsweise Hilfsangebote. Es wird geraten, der betroffenen Person kurze Fragen zu stellen, die leicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können, um sie nicht weiter zu gefährden, falls jemand zuhören sollte.

  • Willst du, dass ich den Notruf für dich wähle?
  • Soll ich eine Schutzstelle in deinem Namen kontaktieren?
  • Soll ich dir Hilfsangebote heraussuchen oder Organisationen, die dich zurückrufen?

Auch auf andere Kommuniktionswege wie Whatsapp oder E-Mail könne zurückgegriffen werden, wenn die Person, von der die Gewalt ausgeht, keinen Zugriff darauf hat und mitlesen kann.

  • Wie geht es dir?
  • Wie kann ich dir helfen oder dich unterstützen?
  • Soll ich mich regelmäßig bei dir melden?
  • Kontaktier mich, wenn du kannst.

Das Handzeichen wird bekannter – auch Täter:innen kennen es nun möglicherweise

Menschen, die Gewalt erfahren, werden häufig eng von ihren Täter:innen überwacht. Hilfesuchende haben also möglicherweise Angst, das Handsignal zu nutzen. Es gebe auch nicht die eine Universallösung für alle Opfer, so die Stiftung. Die Einhandgeste sei nur ein weiteres „Tool“, eine Möglichkeit, wie Opfer auf sich aufmerksam machen könnten – wenn sie es denn wollen und können. Es sei wichtig, dass Menschen sich Hilfe suchen, wenn sie sich bereit dafür fühlen und zwar auf die Art und Weise, wie es am sichersten für sie ist. Ihnen gegenüber sollten Menschen sein, die ihnen helfen – ohne Wertung oder Verurteilung. Den Takt gibt immer die oder der Hilfesuchende an.

Weiterführende Links:

Gloria Saggau

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