Marienhafe/Rechtsupweg (dpa/lni) –
Der Abschied von seinen drei geliebten Gänsen Paul, Pauline und Wilma fällt Ludwig Smidt sichtlich schwer. Auf einem Bollerwagen zieht der 81-Jährige am Samstagvormittag seine Tiere über das Gelände eines Tierparks in Rechtsupweg (Landkreis Aurich) – dort sollen die Gänse nun ein neues Zuhause und Ruhe finden. Sie persönlich dort abzugeben, ist ihm wichtig. Vorausgegangen war ein Nachbarschaftsstreit um Smidts Gänsehaltung in einer kleinen Gemeinde in Ostfriesland, der vergangenen Sommer auch bundesweit für Aufsehen sorgte.
«Ich kann es nicht mehr», sagte Smidt den Tränen nah. Ihm fehle die Kraft, den Streit weiter auszutragen. «Es nützt nichts, traurig aber wahr.» Vor kurzem habe er sich einer langen Operation am Kopf unterziehen müssen. «Die Ärzte haben gesagt, ich darf keinen Ärger mehr haben», sagte der Ostfriese bei der Übergabe der Gänse an den Tierpark. Monatelang hatte Smidt zuvor darum gekämpft, Paul, Pauline und Wilma behalten zu können.
Streit um Geschnatter und Geruch
Denn an Smidts Tierhaltung auf seinem Grundstück im ländlich gelegenen Marienhafe, einem kleinen Ort mitten in Ostfriesland mit rund 2.000 Einwohnern, hatte sich ein Nachbarschaftsstreit entzündet.
Nachbarn von Smidt hatten sich mit einer Beschwerde an den Landkreis gewandt. Sie fühlten sich von dem Geschnatter und den Gerüchen der Gänse gestört. Die Nachbarn forderten die Bauaufsichtsbehörde auf, gegen die Kleintierhaltung vorzugehen, wie ein Landkreissprecher damals sagte.
Der Landkreis Aurich kündigte danach an, zu prüfen, ob die Tiere von Smidts Grundstück weg müssen. Denn sie leben in einem Wohngebiet, das «vorwiegend dem Wohnen dient», teilte der Landkreis damals mit. Die Anwohner hätten einen hohen Schutzanspruch. Eingeschritten werde, wenn die Tierhaltung baurechtlich unzulässig sei und eine erhebliche Beeinträchtigung vorliege. Ziel sei eine einvernehmliche Lösung, hieß es.
Tausende unterzeichnen Online-Petition
Andere Nachbarn, die sich nicht von den Tieren gestört fühlten, unterstützten Smidt dagegen. Die Geschichte von Ludwigs Gänsen bewegte Menschen auch bundesweit. Eine von Nachbarn initiierte Petition unterschrieben inzwischen 75.000 Menschen. Auch eine Demonstration für den Verbleib der Tiere gab es.
Jahrzehntelang hielt Smidt nach eigenen Angaben Gänse auf seinem Grundstück. Indem er seine letzten drei Gänse nun an den Tierpark gibt, kommt der 81-Jährige einer endgültigen Entscheidung des Landkreises in dem Streit zuvor. «Ich bin froh, dass die Gänse hier untergekommen sind», sagte Smidt schweren Herzens. «Hier haben sie es gut.» Es gebe einen Teich mit Wasser, Futter und einen Stall. Seinen Unterstützern dankte Smidt. Ohne sie, sagte er, wäre er längst «unter der Erde gewesen.»
Anne Stomberg, eine Nachbarin, die Smidt von Anfang an unterstützt, betonte, der 81-Jährige gebe seine Gänse nicht freiwillig ab. Er halte den Druck nicht mehr aus und seine Gesundheit lasse ihm keine Wahl. «Der letzte Brief vom Landkreis Aurich kurz vor Weihnachten hatte Ludwig gesundheitlich so sehr zugesetzt, dass wir große Sorgen hatten, ihn zu verlieren», sagte Stomberg.
In dem Streit gebe es keinen Gewinner und keinen Verlierer, sagte die Nachbarin. «Gewonnen hat etwas anderes: Menschlichkeit, Rückhalt, Miteinander – das trägt.» Viele Menschen stünden nach wie vor hinter Smidt und seinen Gänsen. Das habe nicht nur die Petition gezeigt, auch die Solidarität im Ort sei groß. Für viele gehöre Tierhaltung fest zum Landleben dazu.
Darüber, was bislang in dem Prüfverfahren passiert ist, gibt es nur wenig Angaben der Kreisverwaltung. In dieser Woche teilte ein Kreissprecher auf dpa-Anfrage mit, es habe ein «konstruktives Gespräch» zwischen dem Landkreis und den betreffenden Nachbarn gegeben. Über Inhalt und Ausgang ist nichts bekannt. Auch mit Ludwig Smidt solle nun ein Gesprächstermin vereinbart werden, hieß es. Doch der kommt wohl zu spät.
Ein lebenslanges Besuchsrecht
Das neue Zuhause von Paul, Pauline und Wilma ist nun Birgits Tiergarten – ein Tierpark in Rechtsupweg, nur wenige Autominuten von Marienhafe entfernt, in dem auch Esel und Lamas leben. «Die Gänse kommen jetzt erstmal separat in einen Stall», erklärte Tierparkleiterin Birgit Philipps. Die Neuankömmlinge sollen erst von einem Tierarzt untersucht werden und sich dann nach und nach ihren gefiederten Artgenossen, die schon in dem Park leben, annähern.
Alle Gänse würden auch beringt, erklärte die Tierparkleiterin Smidt. «Damit du auch siehst, welche deine sind.» Darüber musste der Ostfriese trotz des ganzen Verdrusses dann am Ende ein bisschen schmunzeln. «Die kennen mich noch in drei Jahren», entgegnete Smidt. Er kündigte an, Paul, Pauline und Wilma nun regelmäßig besuchen zu wollen. Drei Zentner Futter habe er schon mitgebracht. Der Tierpark sicherte Smidt ein lebenslanges Besuchsrecht zu.
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