Wohnungsnot und Sucht: Warum Kiel eine Anlaufstelle braucht

Die Drogenhilfe in Kiel, mit zwei Standorten am Ost- und Westufer, ist die einzige Einrichtung in Schleswig-Holstein, die sich auf illegale Substanzen spezialisiert hat. Felix Müschen/dpa
Die Drogenhilfe in Kiel, mit zwei Standorten am Ost- und Westufer, ist die einzige Einrichtung in Schleswig-Holstein, die sich auf illegale Substanzen spezialisiert hat. Felix Müschen/dpa

Kiel (dpa/lno) –

Drogensucht kann Menschen aller Gesellschaftsschichten treffen. «Jede Persönlichkeit ist dabei, jede Persönlichkeitsstörung auch», sagt Tina Abel. Sie arbeitet bei der Drogenhilfe Kiel Ost im Stadtteil Gaarden. Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen, Suchtproblemen und vielfältigen Lebensgeschichten suchen hier Hilfe.

Ihre Anliegen reichen von Kopien für Anträge über Schuldenregulierungen und Haftvermeidung bis zu Hilfe bei Beziehungsproblemen, familiären Konflikten und Sucht. «Während der Sprechstunden vor Ort, montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr, können die Menschen jederzeit kommen – in jedem Zustand und mit jedem Anliegen», sagt Abel. 

«Wir machen im Rahmen dieser Beratung auch ein Spritzentauschangebot oder Vergeben Konsumutensilien», sagt die Sozialarbeiterin. Einige Utensilien, wie Crackpfeifen, kosteten 2,50 Euro – Spritzen, Kanülen, Nadeln und Alkoholtupfer seien kostenlos. Außerhalb der Sprechzeiten gebe es ambulante Betreuung. Die beiden Beratungsstellen der Drogenhilfe in Kiel nutzten rund 600 bis 700 Menschen.

Belastbare Zahlen zu der Zahl drogenabhängiger Menschen in Schleswig-Holstein gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums nicht. Das Ministerium verweist auf den Morbiditäts- und Sozialatlas der Barmer Ersatzkasse, wonach im Norden statistisch 5,7 Menschen je 10.000 Einwohnenden 2023 von Kokainmissbrauch betroffen waren und damit mehr als im Bundesschnitt von 3,3.

Crack-Konsum nimmt zu

In den letzten zehn Jahren habe sich die Arbeit mit den Klienten verändert «Es gibt Altklientel, was wir betreuen, was noch aus alten überwiegend Opiatkonsumierenden Zeiten ist», sagt Abel. Doch seit vier Jahren breitet sich Crack zunehmend aus. 

Gleichzeitig wachse der Bedarf an grundlegender Hilfe: Saubere Wäsche, Essen, Kleidung oder Toilettenpapier fehlten oft. Die finanzielle Situation der Menschen habe sich spürbar verschlechtert. «Das Leben ist für uns alle teurer geworden, aber Crack-Konsum ist einfach Wahnsinn», sagt ihre Kollegin Birthe Kruska. Eine Dosis koste fünf Euro und wirke nur 15 Minuten. Pro Tag könnten so 200 bis 250 Euro für die kokainbasierte Droge zusammenkommen. Gleichzeitig griffen viele zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln, um überhaupt wieder zur Ruhe zu finden.

Aktuell stehen im Landeshaushalt 5,35 Millionen Euro für die Suchtbekämpfung bereit. Damit werden Mittel für Hilfen vor Ort aufgestockt. «Die breit angelegten Beratungs- und Behandlungsangebote für Suchtkranke und deren Angehörige sind auch dazu angelegt, den Weg für Drogenkonsumenten in die bestehenden Hilfsangebote vor Ort zu erleichtern», sagt Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU). Als Beispiele nennt sie das Check-Mobil. Es bietet niedrigschwellige und barrierefreie Angebote. 

«Neben der Suchthilfe ist die konsequente Bekämpfung der Drogenkriminalität eine wichtige Maßnahme gegen die Verbreitung von Drogen in Schleswig-Holstein», sagt die Ministerin. Mit gezielten konzertierten Aktionen setzen Staatsanwaltschaft und Polizei Zeichen gegen organisierte Kriminalität im Zusammenhang mit Drogenkriminalität.

Mehr Obdachlosigkeit und psychische Ausnahmezustände

Ein weiteres Problem: In Kiel leben immer mehr Menschen auf der Straße. So nähmen bei Klienten die psychischen Probleme nicht nur durch Drogen zu, sondern auch durch Lebensumstände. «Die ständige Geldnot, der Schlafmangel, die Unsicherheit, dass ich morgens nicht weiß, wenn ich aufstehe, wo ich abends hin soll, wo ich abends schlafen kann – das führt zu psychischen Ausnahmezuständen bei den Menschen», sagt Kruska.

Als die Sozialarbeiterin vor 16 Jahren bei der Drogenhilfe anfing, waren solche Fälle selten. «Heute ist es die Ausnahme, wenn jemand keine psychiatrischen Begleiterscheinungen in irgendeiner Form hat», sagt Kruska. Der überwiegende Teil der Klientinnen und Klienten ist laut ihrer Kollegin Abel ohne festen Wohnsitz.

«Aber es ist ja für kaum jemanden im Leistungsbezug noch möglich, Wohnraum zu finden», erklärt sie. Besonders Obdachlose könnten potenziellen Vermietern nichts vorweisen, was für sie spricht. Zudem fehle ihnen gesellschaftliches Ansehen. Abel fügte hinzu: «Das liegt eher im Minusbereich.»

Armut

Nach Angaben der Landesregierung lag die sogenannte Armutgefährdungsquote 2025 bei 15,7 Prozent. «Armut breitet sich schleichend immer weiter in Schleswig-Holstein aus – und wir müssen entschieden dagegen vorgehen», sagt Sozialministerin Aminata Touré (Grüne). «Zuallererst einmal brauchen wir einen funktionierenden Sozialstaat, der die Menschen im Zweifel absichert, bezahlbaren Wohnraum und die Möglichkeit zur Teilhabe am Arbeitsleben.» Die Gefahr später als Erwachsene in Armut zu geraten, sei besonders für Kinder hoch, die selbst armutsbetroffen seien und damit schlechtere Bildungs- und Teilhabechancen hätten. 

Forderung nach zentraler Anlaufstelle

Die Drogenhilfe in Kiel, mit zwei Standorten am Ost- und Westufer, ist laut Kruska die einzige Einrichtung in Schleswig-Holstein, die sich auf illegale Substanzen spezialisiert hat. In Gaarden gibt es ausreichend Anlaufstellen, doch die Öffnungszeiten könnten länger sein. Was jedoch fehlt, ist eine zentrale Einrichtung.

Kollegin Abel erklärt: «Eine Einrichtung, die alles vereint: Medizinische Versorgung, Substitutionsversorgung, Anlaufstelle, essen, schlafen, waschen und Aufenthalt.» Ein Platz, an dem Menschen stundenlang bleiben können – auch ohne konkretes Anliegen.

© dpa-infocom, dpa:260330-930-883730/1

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