Lockdown- oder Pandemie-Träume? Warum wir während Corona vermeintlich mehr und intensiver träumen

Nach Siegmund Freud sind sie „der Königsweg ins Unterbewusstsein“: Die Träume. Gerade jetzt zu Corona-Zeiten scheinen diese wirr und bizarr, vor allem aber intensiver zu sein als sonst. Google-Anfragen nach sind wirre oder komische Träume während der Corona-Pandemie um 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, so die Ergebnisse einer Studie der britischen Digitalagentur AGY47. Auch die Frage nach „wiederkehrenden Albträumen“ wurde seit Beginn der Corona-Einschränkungen etwa viermal so häufig gestellt, wie üblicherweise. Unter Hashtags wie #pandemicdreams oder #lockdowndreams teilen Menschen im Netz ihre seltsamsten Träume.

Aber träumen wir wirklich mehr? Und weshalb sind unsere Träume intensiver als sonst?

In unseren Träumen verarbeiten wir das, was wir tagsüber erlebt haben. Foto: Gregory Pappas

Krisen beeinflussen den Schlaf

Beate Klofat ist Diplompsychologin und approbierte Psychotherapeutin in Hamburg. Sie erklärt: „Man geht davon aus, dass wir alle jede Nacht träumen, unabhängig davon, ob wir am nächsten Tag glauben, geträumt zu haben oder nicht. Wenn wir den Eindruck haben, mehr zu träumen, heißt das zunächst nur, dass wir uns häufiger an unsere Träume erinnern.“

In der Wissenschaft nennt man das „Traumerinnerungs-Häufigkeit“ und diese hängt von vielerlei verschiedenen Faktoren ab: „Zum einen hat es etwas mit der Person an sich zu tun, unter anderem mit dem Geschlecht, Alter und auch bestimmten Persönlichkeitseigenschaften. Frauen erinnern sich zum Beispiel durchschnittlich häufiger an ihre Träume als Männer, und jüngere Menschen mehr als ältere. Außerdem gibt es situative Faktoren, die die Traumerinnerung beeinflussen, wie aktueller Stress, Schlafqualität, Weckreize, Schlafdauer und wie viel Zeit man nach dem Erwachen hat, über etwaige Träume nachzudenken“, weiß die Psychologin.

In Zeiten der Pandemie kommen also verstärkt die Faktoren Stress, Schlafqualität und Schlafdauer hinzu, die unsere „Traumerinnerungs-Häufigkeit“ beeinflussen.

Zum einen haben viele von uns schlichtweg mehr Zeit zum Träumen, da wir während des Lockdowns mehr Zeit zu schlafen haben. Wir stehen morgens etwas später auf, da wir uns den langen Arbeitsweg sparen, haben wegen der Corona-Einschränkungen abends nicht viel vor und gehen früher ins Bett. So verbringen wir längere Zeit schlafend und somit auch träumend. „Aus Studien wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit, sich am nächsten Morgen an einen Traum zu erinnern um ca. 20% zunimmt, wenn jemand eine Stunde länger schläft als gewöhnlich“, so Beate Klofat. Außerdem haben wir aktuell mehr Zeit, über unsere Träume nachzudenken: „Nach dem Aufwachen noch ein wenig im Bett zu liegen und über Träume nachzudenken, statt wie sonst nach dem Weckerklingeln in morgendlichen Aktionismus zu verfallen, erhöht die Chance auf Erinnerung an Träume, bevor ablenkende Reize gleich nach dem Erwachen das Erinnern erschweren“, erklärt die Dozentin für Klinische Psychologie weiter.

Besser an unsere Träume erinnern können wir uns, weil wir in Krisenzeiten nachts mehr längere Wachphasen durchleben. Krisen, in welcher Form auch immer, bedeuten für uns Menschen Stress. Und wer gestresst ist, schläft schlechter durch und kann schwerer wieder einschlafen. Dadurch erinnern wir uns häufiger an unsere Träume und nehmen sie möglicherweise intensiver wahr.

Beate Klofat führt noch einen weiteren Aspekt an, der unsere Traumerinnerung beeinflussen könnte: „Körperliche Aktivität scheint die Traumerinnerung eher zu senken, reduzierte Aktivität durch Ausgangssperren und Homeoffice müssten umgekehrt also ebenfalls zu einer höheren Traumerinnerung beitragen.“

Die Corona-Pandemie bietet den Stoff, aus dem Albträume sind

Albtraum mit Maske Foto: Pixabay/ Beispielbild

Im Übermaß fördert Stress nicht nur intensivere, sondern auch Alb- oder Angstträume. Dieses Phänomen ist keine Seltenheit. Als Daumenregel vor Corona galt, dass etwa zehn Prozent der Erwachsenen mindestens einmal im Monat einen Albtraum haben. Wir alle kennen sie aber zumindest aus unserer Kindheit.

In ihrer Forschung hat sich Beate Klofat unter anderem auf Parasomnien, im Besonderen auf Albträume spezialisiert: „Albträume entstehen allgemein durch eine Wechselwirkung von individueller Veranlagung und Stress oder Belastungen, denen jemand ausgesetzt ist. Die mit der Pandemie verbundenen Stressoren und Belastungsfaktoren sind vielfältig. Dazu gehören Stress durch Überforderung oder Unterforderung, Zukunfts- und Existenzängste, Orientierungslosigkeit und Kontrollverlusterfahrungen, häusliche Konflikte, mangelnder Ausgleich, und, nicht zuletzt, das Fehlen von Sozialkontakten.“

Unterbewusst verarbeiten wir das, was wir tagsüber erleben nachts in unseren Träumen. Weshalb die Träume mit Beginn der harten Einschnitte in unseren Alltag immer bizarrer wurden. Die Pandemie hat unser bislang gewohntes Leben komplett umgekrempelt, es in Teilen sogar zum Stillstand gebracht. Viele Menschen haben nicht nur Angst vor der unsichtbaren, unwirklich scheinenden Krankheit, sondern auch – und momentan vielleicht sogar vermehrt – vor den Auswirkungen, die die Pandemie abseits jeglicher gesundheitlicher Aspekte mit sich bringt. In unseren Träumen versuchen wir, dem unsichtbaren Virus ein Gesicht zu geben, es zu benennen, greifbarer zu machen, um so einen besseren Umgang mit ihm und den Folgen zu finden.

Bei Erwachsenen handeln Albträume meist von Verfolgung oder Bedrohung. So kann das Virus oder das, was wir mit ihm verbinden, in Gestalt eines Monsters im Traum auftauchen, als Straftäter oder auch in Gestalt einer Person aus unserem bisherigen Leben, mit der wir unschöne Erinnerungen verbinden. Es kann auch einfach ein surreales Objekt sein. Der Traum vom fliegenden Superhelden, der Höhenangst hat, kommt hier beispielsweise öfter vor, genau wie das schwarze Loch, in dem man zu verschwinden droht.

Wenn auf einmal der/ die Ex wieder auftaucht

Häufig wurden die Suchmaschinen auch gefragt, weshalb man aktuell vermehrt vom Ex-Partner träume. Dies könnte durchaus sein, denn, wenn wir schlafen, verarbeiten wir Informationen und speichern diese ab. Wie bei allem tun wir dies, indem wir die neuen Informationen mit alten Information verknüpfen. Neuer Stress wird mit altem Stress verknüpft. Häufig ist es so, dass wir mit den Ex-Partnern Stress-Gefühle assoziieren. Wäre dem nicht so, wären sie wahrscheinlich keine Ex-Partner. In Krisenzeiten werden alte Inhalte nochmal aktiviert und rücken vermehrt in das Bewusstsein. Es muss aber nicht der Ex-Partner sein, von dem wir träumen. Bei anderen ist es vielleicht der ehemalige Chef oder die gruselige Mathematiklehrerin, die uns aktuell in unseren Träumen verfolgen.

Was kann ich gegen Albträume tun?

Zunächst einmal sollte auf eine gute Schlafhygiene geachtet werden, also u.a. ein geregelter Schlaf-Wach-Rhythmus, der Verzicht auf Alkohol und der Verzicht auf abendlichen Medienkonsum, insbesondere dann, wenn sich die Inhalte mit der Pandemie oder sonstigen belastenden Dingen beschäftigen. Ein Tipp von Beate Klofat: „Gegen Albträume sinnvolle Alternativen sind Bücher oder Hörbücher ohne belastende Inhalte, Musik hören oder idealerweise ein Entspannungsverfahren. Ob Progressive Muskelentspannung (PMR), Autogenes Training, Atementspannung, Phantasiereise oder Achtsamkeitsübung, und ob über CD, App oder selbst durchgeführt, bleibt dabei dem eigenen Geschmack überlassen“.

Ein häufiger Tipp von Experten ist das Traumtagebuch. Träume aufschreiben oder malen, sie vertrauten Menschen erzählen – allein dadurch arbeiten wir unsere Träume auf, wodurch sie beim nächste Mal weniger schlimm erscheinen können.

Was kann ich gegen Albträume tun? Foto: Alexandra Gorn

Im Netz hat sich eine ganze Bewegung gebildet, die über ihre Träume spricht. Unter den Hashtags #pandemicdreams, #lockdowndreams oder #coronaträume teilen User und Userinnen ihre seltsamsten Träume fleißig in den sozialen Medien. Auf der extra angelegten Website I dream of covid können Nutzer ihre Träume beschreiben, sie für die Nachwelt festhalten und mit anderen darüber sprechen. Hier werden Corona-Träume aus der ganzen Welt gesammelt.

Eine andere Idee ist die Imagery Rehearsal Therapy, die sogenannte Albtraumtherapie. In abgewandelter Form findet dieser Ansatz sogar bei der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung Anwendung. Dabei überlegen wir uns tagsüber, was wir benötigen, um die ängstigende Traumsituation der vergangenen Nacht lösen zu können. Es geht darum, ob mit therapeutischer Begleitung oder in Eigenregie, „sich ein weniger erschreckendes oder positives neues Ende des Traums ausdenken und dieses aufzuschreiben, wobei hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Zuletzt soll sich der Patient den Traum mit dem neuen Ende über ca. 14 Tage ein paar Minuten täglich möglichst plastisch vorstellen“, erklärt Psychologin Klofat. Traumforscher nehmen an, wenn wir uns mit einer konstruktiven Lösung beschäftigen, wirkt sich das auf die nachfolgenden Träume aus. Wir können dem, was im Traum passiert dann mutiger entgegentreten.

Auf keinen Fall aber, so die Expertin, sollte man regelmäßige Albträume einfach abtun mit „das war ja nur ein Traum“. Gerade der Versuch, sich von Albträumen abzulenken, kann dazu führen, dass sich die Albträume häufen und somit einen noch größeren Raum in unserem Leben einnehmen. Sie rät auch von medikamentösen Behandlungen ab, mittels derer die REM-Schlafphasen unterdrückt werden. „Wenn sich abzeichnet, dass mehr hinter den Albträumen steckt, ein Traumahintergrund, eine Depression oder Angststörung beispielsweise, sollte man sich allerdings an einen Psychotherapeuten wenden“, so die Hochschuldozentin.

Sehen wir abschließend das Gute in unseren Träumen, egal wie bizarr oder albtraumhaft sie sein mögen. Viele von uns stehen gerade vor ganz neuen Herausforderungen oder sogar Ängsten. In unseren Träumen verarbeiten wir diese. Das ist auch eine bedeutende Chance, denn wenn wir in unseren Träumen einen Weg finden, mit den neuen Herausforderungen umzugehen, können wir diese Lösungsansätze vielleicht sogar auf die wache Realität übertragen.

 

Andrea Marie Eisele

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