
Kampnagel steht vor Operation am offenen Theater-Herzen
30. Oktober 2026
Hamburg (dpa) -
Seit 1982 wird die ehemalige Maschinenfabrik Kampnagel als Veranstaltungsort für zeitgenössische darstellende Kunst genutzt. In der Zeit hat sich die Internationale Kulturfabrik zu einer weltweit ersten Adresse für Tanz, Theater und Performance und zu einem führenden Produktionsort der freien Künste entwickelt.
Doch während die hier entstandene und gezeigte Kunst längst professionell und vielfach ausgezeichnet ist, hat sich an den Hallen und Räumen der ehemaligen Maschinenfabrik wenig verändert. Der geschichtsträchtige Industriestandort wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Eisenwerk gegründet.
Die für ihr Knarzen und die Speicherung sommerlicher Hitze berüchtigte Holztribüne in der großen Halle K6 war einst nur als Zwischenlösung für eine Inszenierung gedacht - und blieb. Im Foyer tropft es bei Hamburger Starkregen auch schon mal durchs Dach. Nun stehen endlich große Veränderungen auf Kampnagel an. Und dafür nehmen Stadt und Bund richtig viel Geld in die Hand.
Generalsanierung und Erweiterung für 168 Millionen Euro
An diesem Freitag startet nach über 40 Jahren Zwischennutzungsgeschichte das lang geplante Großprojekt einer Generalsanierung und zugleich einer Erweiterung der Räumlichkeiten um 50 Prozent der Flächen. Zum offiziellen symbolischen Spatenstich der auf drei Jahre angelegten Bauarbeiten werden unter anderem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) erwartet. Außerdem wird der Hamburger Musiktheaterregisseur und Komponist Daniel Dominguez Teruel eine künstlerische Intervention auf Kampnagel präsentieren.
Die Kosten des Großprojekts belaufen sich auf 168 Millionen Euro, von denen 60 Millionen aus dem Bundeshaushalt stammen, der Rest aus dem Etat der Hansestadt. Umgesetzt wird die Sanierung von der städtischen Sprinkenhof GmbH.
Das Konzept entwickelt haben die französischen Architekten vom Büro Lacaton & Vassal. Sie sind bekannt für einen nachhaltigen Umgang mit Bestandsbauten und haben bereits unter anderem das Palais de Tokyo in Paris saniert.
Statt Abriss und Neubau verfolgen sie das Ziel, vorhandene Gebäude zu transformieren und zu erweitern, um Ressourcen zu schonen und eine nachhaltige Architektur zu schaffen. 2021 erhielten sie die höchste Auszeichnung in der Architektur, den Pritzker-Preis.
Intendantin: Kampnagel ist doppeltes Denkmal
Für die seit 2007 amtierende Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard ist das Büro Lacaton & Vassal ein Glücksgriff, weil Kampnagel eben ein doppeltes Denkmal sei, eines der Industriegeschichte und zugleich ein Denkmal der Theaterübernahme eines Industriedenkmals. Ein Ort, an dem neue Kunstformen entstehen bei viel Raum für kreative Freiheit.
Auf Tanz, Theater und Performance müssen Kampnagel-Fans in den kommenden drei Jahren indes nicht verzichten. Die Sanierung ist sozusagen als «Operation am offenen Herzen, nur mit Lokalanästhesie» geplant, wie der Kaufmännische Geschäftsführer Jonas Zipf es nennt. Denn der Kulturbetrieb soll in den jeweils nicht bebauten Bereichen als «performative Baustelle» weitergehen. Er wird sich aber auch auf viele zusätzliche Orte im gesamten Stadtgebiet verteilen.
Was genau wird in den nächsten drei Jahren (um-)gebaut?
Die umfangreichen Pläne zielen auf eine Modernisierung des Bestandes ab - aber auch einige Veränderungen. Das Kampnagel-Foyer wird künftig den Kassenbereich beinhalten. Das bisherige Restaurant Peacetanbul wird in einen reinen Bar-Café-Betrieb umgewidmet, während im ehemaligen Kassenbereich, der vollständig entkernt wird, ein Restaurant des gleichen Betreibers mit 110 Plätzen entstehen soll.
Auch das benachbarte Alabama-Kino wird stärker in das Kampnagel-Gebäude eingegliedert. Die Kino-Kasse zieht mit in das künftige Foyer. Dadurch entsteht beim Alabama Raum für einen zweiten Kinosaal.
Kühlung nach antikem Vorbild
Die Holztribüne der K6 soll durch eine ausfahrbare Teleskoptribüne mit 850 Plätzen ersetzt werden. Dadurch lässt sich die Halle in voller Länge variabel bespielen. Eine Klima-Anlage wird es nicht geben, stattdessen ist eine sogenannte Klimapufferzone nach antikem Vorbild geplant. Sie soll dafür sorgen, dass künftig auch während des erfolgreichen Internationalen Sommerfestivals bei hohen Temperaturen niemand auf den oberen Rängen übermäßig ins Schwitzen kommt.
Die kleinere Halle K1 wird sich in einen leeren, sehr flexiblen Raum wandeln. Über die Jahre verhängte Dachfenster sollen hier wieder freigelegt werden.
Neben der Sanierung der Gebäude stehen diverse Erweiterungsbauten auf dem Plan. Ein großer Neubau, K7 genannt, wird das bisherige Foyer mit Flächen für Proben, Workshops und Ausbildung samt einer begehbaren Dachfläche überbauen, die öffentlich zugänglich sein wird.
7.000 Quadratmeter zusätzlicher Raum
In einem an die Verwaltung angegliederten Residenzhaus mit 26 Zimmern soll Raum für auf dem Gelände arbeitende internationale Künstlerinnen und Künstler entstehen. Insgesamt sind 7.000 Quadratmeter zusätzlicher Raum vorgesehen. Das Wesen des Ortes, von dem aus einst Kräne für den Hafen verschifft wurden, soll sich so noch einmal neu mit der kulturellen Perspektive verbinden. Er soll sich perspektivisch außerdem noch stärker als bislang für das Publikum öffnen.
Etwa 900 Veranstaltungen pro Spielzeit
Kampnagel steht für rund 900 Veranstaltungen pro Spielzeit. Bis zu 200.000 Besucherinnen und Besucher kommen jedes Jahr in die Industriehallen.
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Quelle: dpa
