„Wow, geiler Arsch“: So wehren sich Hannoveranerinnen gegen Catcalling

Catcalling ist eine Form der sexuellen Belästigung und die meisten Frauen haben es schon mal erlebt. Foto: Joshua Rawson-Harris

„Die will ich heute Nacht noch knallen“, steht in großen Kreidebuchstaben auf einem Asphaltweg mitten in Hannover. Täglich überqueren zahlreiche Hannoveraner*innen diesen Weg. Ohne zu wissen, was sich dort vielleicht einmal abgespielt hat. Dabei sind diese Worte weder Werbeaktion noch Kunstattraktion. Denn sie sollen auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen: Catcalling. Belästigung, die im öffentlichen Raum stattfindet und in anderen Ländern bereits strafbar ist.

Sexuelle Belästigung ankreiden

Hinter der Aktion steckt ein Team von mittlerweile acht Aktivist*innen. Über ihren Instagram-Account sammeln sie die Erfahrungen von Betroffenen, die Catcalling selbst erlebt haben. Hinterherpfeifen auf der Straße, sexistische Sprüche – und manchmal sogar Handgreiflichkeiten. All diese Erfahrungen sollen nicht länger heruntergeschluckt und ignoriert werden.

Das Team von „Catcalls of Hannover“ kehrt an den Ort des Geschehens zurück und schreibt die Geschichte mit Kreide auf die Straße. Fotos davon landen schließlich auf Instagram. „Wir wollen den Platz für die Person, die sexuell belästigt wurde, so zurückerobern und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind“, betont Lisanne aus Hannover. Die 23-Jährige hat die Gruppe ins Rollen gebracht und kämpft seither darum, das Catcalling auch in den Köpfen der Gesellschaft zu verankern.

Was hat das mit der Katze zu tun?

Als Catcalls werden übergriffige, sexuell aufgeladene Kommentare von Männern gegenüber Frauen bezeichnet, die ihnen auf der Straße beziehungsweise sonstigen öffentlichen Räumen über den Weg laufen. Oft beinhalten Catcalls Anspielungen auf das Aussehen und den Körper. Heißt also: Catcalling ist eine verbale sexuelle Belästigung. 

Viele fragen sich jetzt: Was hat das mit der Katze zu tun? Der genaue Ursprung des Begriffs ist nicht bekannt, jedoch gibt es diese Art der Belästigung in der Öffentlichkeit schon sehr lange. Es gibt ganz verschiedene Theorien, weshalb sich der Begriff so zusammensetzt. Wie der Name aber deutlich macht, ist davon auszugehen, dass es sich beim Catcalling um eine Belästigung handelt, die vor allem von Männern ausgeht. Deshalb „Cat“ und nicht „tom cat“ oder „dog“. Catcalling ist eine Herabwertung der Frau und eine Geste der vermeintlichen männlichen Dominanz und Überlegenheit. 

In einer umfassenden Studie wurden Frauen ab 18 Jahren aus verschiedenen Ländern zum Thema sexuelle Übergriffe befragt. Rund ein Drittel der über 1.000 befragten Frauen in Deutschland gaben an, Erfahrungen mit sexuellen Bemerkungen oder Beleidigungen gemacht zu haben.

260 Mal gegen Catcalls

Lisanne und ihr Team wollen Catcalling ankreiden und den platz für die Betroffenen zurückerobern. Foto: catcallsofhannover

Lisanne wurde schon mit 13 Jahren Opfer einer solchen Belästigung. Damals habe sie sich selbst dafür geschämt, als eine Gruppe von Jungs auf sie zukam und so tat, als würden sie ihr in den Schritt greifen. Zu dieser Zeit habe sie noch nicht verstanden, dass sie soeben „gecatcalled“ wurde. „In dem Moment habe ich es selbst meinen Eltern nicht erzählt. Erst als ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, dass ich die Erfahrungen oft genug gemacht habe“, erinnert sie sich. Heute weiß sie: Sie und andere Betroffene müssen auf sich aufmerksam machen.

Viele wüssten gar nicht, was ihnen täglich auf der Straße widerfährt, sagt Lisanne. Nehmen es an und neutralisieren es. Genau deswegen hat die Gruppe schon jetzt an die 260 Sprüche mit Kreide auf den Straßen von Hannover verewigt.

Catcalling als Straftat?

Bislang gibt es keinen geeigneten Weg, darauf zu reagieren. Augen verdrehen, ignorieren, etwas sagen oder weitergehen – für mehr fehlt bisher jegliche Handhabe. „Die verbale sexuelle Belästigung fällt in Deutschland bislang unter keinen Strafbestand“, erklärt die Hamburger Anwältin Beliardis Ehlert-Gasde. Aus diesem Grund kann ein solcher Vorfall auch nicht geahndet werden. Das will eine junge Würzburgerin jetzt ändern. Antonia Quell fordert in Kooperation mit „The Female Company GmbH“ nun mit einer Petition, dass Catcalling strafbar wird. „Catcalls sollten nicht mit Komplimenten verwechselt werden“, betont sie in ihrer Forderung.

Weiter heißt es in der Petition: „Catcalling-Fälle können zum Beispiel wie Ordnungswidrigkeiten mit Bußgeldern bestraft werden. Diese sind leichter und schneller abzuwickeln als Straftaten und haben somit höhere Chancen auf Erfolg.“ Bislang haben sich schon 37.981 Unterstützende (Stand: 11.09.2020 11:46) daran beteiligt.

Die Hamburger Anwältin Beliardis Ehlert-Gasde betont jedoch, dass die Schwierigkeit einer Bestrafung wegen Catcallings darin liegt, dass der Begriff der sexuellen Belästigung nicht konkret bestimmt ist: „Denn insbesondere im Bereich der Sexualdelikte, in dem die Einstellung des Urteilenden zu Sexualität, Moralität und Geschlechterrolle sich auf seinen Entscheidung auswirken kann, benötigt der Richter oft ein besonderes Maß an Sensibilität und professioneller Distanz, um gründlich argumentieren zu können, aufgrund welcher Standards das infrage stehende Verhalten als Rechtsverstoß zu gelten hat.“

Manche Länder haben bereits gehandelt: In den Niederlanden, Portugal und Großbritannien ist Catcalling bereits gesetzlich verboten. Auch in Frankreich wird verbale sexuelle Belästigung seit 2018 mit einem Bußgeld von bis zu 750 Euro geahndet. Dass Catcalling gerade Frauen in Metropolen beeinträchtigt, zeigte 2014 das Video einer jungen Frau, die zehn Stunden mit versteckter Kamera durch New York spaziert. Über 100 Mal wird sie von fremden Männern angesprochen und angepfiffen.

YouTube

Durch das Abspielen des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzbestimmungen von YouTube.
Mehr erfahren

Video abspielen

Catcalls sind keine Komplimente

Auch Lisanne sieht ein entsprechendes Gesetz als Möglichkeit, um gegen Catcalling vorzugehen: „Wir sind der Meinung, dass verbale sexuelle Belästigung immer noch sexuelle Belästigung ist und dagegen müssen wir etwas tun.“ Viele Betroffene seien auch nach Jahren noch gebrandmarkt, wenn sie solch eine Erfahrung auf der offenen Straße machen.

Die ambitionierte Lehramt-Studentin hat aber auch noch weitaus Größeres vor. Denn sie möchte Kinder und Mädchen schon in der Schule aufklären. „Kindern muss schon früh bewusst werden, dass solche Sprüche keine Komplimente sind.“ Auch die möglichen zukünftigen Täter könnten durch eine derartige Sensibilisierung schon frühzeitig lernen, dass Hinterherpfeifen und sexistische Sprüche nicht in Ordnung sind. Bis sie diese Vision umsetzen kann, wird sie weiterhin auf die Straßen gehen. Ankreiden und zurückerobern.

Was kann ich tun?

  1. Es gibt kein falsch oder richtig: Es ist niemals die eigene Schuld, wenn man bedrängt wird! Es gibt keinen Grund dafür, sich zu rechtfertigen oder sich einen Vorwurf zu machen.
  2. Stay Safe: Die Sicherheit steht immer an erster Stelle! Man muss nicht immer stark sein und kontern.
  3. Ruf um Hilfe: Schrei auch laut um Hilfe, wenn du dich bedrängt fühlst. Oder ruf bei der Polizei, einem Nottelefon oder auch bei Freunden und Bekannten an.
  4. Realisiere die Situation: Bin ich alleine oder in der Öffentlichkeit? Spreche immer direkt Menschen an, die sich in deiner Nähe befinden. Sie können dir zur Seite stehen oder den Täter womöglich verschrecken.
  5. Grenzen klar machen: Zeigt laut und deutlich, was ihr wollt. Falls ihr darauf eingeht, versucht die Situation mit einem Video als Beweis festzuhalten. Weist auf rechtliche Konsequenzen und die Polizei hin. Es ist jedoch wichtig, dass ihr selbst dabei nicht beleidigend werdet.
  6. Kenne deine Rechte: Griffe in den Intimbereich, exhibitionistische Handlung (Masturbation und Entblößung), Körperkontakt mit sexuelle Kontext und Anspucken sind strafbar.

Wer kann mir helfen?

  • Der Frauennotruf in Hannover unterstützt Frauen, die sexuelle Belästigung, Übergriffe und Gewalt erlebt haben. Auch in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen sind entsprechende Notruf-Zentralen immer zu erreichen.
  • Der Verein Violetta hilft engagiert sich für die gesellschaftliche Aufklärung über sexuelle Gewalt gegen Mädchen und jungen Frauen.

 

Marit Langschwager

Copy LinkCopy LinkShare on MessengerShare on Messenger
Zur Startseite