Schwangerschaft und Entbindung in Zeiten von Corona – Hamburger Gynäkologin klärt wichtige Fragen

Eine Schwangerschaft ist immer ein aufregendes Ereignis. Gerade, wenn es das erste Kind ist, kommen bei werdenden Eltern viele Fragen und mitunter Verunsicherung auf. Wenn sich dann noch eine neuartige Pandemie in der Welt ausbreitet, ist das Chaos perfekt. Auch für Ärztinnen und Ärzte ist die derzeitige Lage aufgrund der geringen Datenmenge nur schwierig einzuschätzen. Sie können sich nur an den bekannten Fällen der letzten Wochen und Monate orientieren.

Um werdenden Eltern und vor allem schwangeren Frauen jedoch ihre Ängste zu nehmen und aufzuklären, haben wir mit Elena Leineweber, Assistenzärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Marienkrankenhaus Hamburg gesprochen.

Gehören Schwangere zur sogenannten Risikogruppe und sind gefährdeter als andere Frauen?

„Das Immunsystem bei Schwangeren ist zwar per se abgeschwächt und die Lungenkapazität ist zum Ende der Schwangerschaft hin deutlich reduziert, was sich zunächst einmal nicht nach den besten Voraussetzungen anhören mag. Doch es gibt momentan keinen Hinweis darauf – basierend auf den bisherigen Fällen – dass schwangere Frauen gefährdeter sind als andere Frauen oder der Rest der Bevölkerung.“

Routine- und Vorsorgetermine bei Ärzten sollte man derzeit besser verschieben, aber was ist mit den Vorsorgeterminen während einer Schwangerschaft?

Die sollte man definitiv wahrnehmen, das ist sehr wichtig. Ich bin der Meinung, die Krankenkassen sehen sowieso nur ein Schmalspurprogramm zur Schwangerschaftsvorsorge vor und dies sollte man auch in Zeiten von Corona wahrnehmen. Es können ja auch in jeder Schwangerschaft im Verlauf irgendwelche Komplikationen auftreten oder sich irgendwelche Erkrankungen entwickeln, sodass man das definitiv weiter regelmäßig kontrollieren sollte beim Frauenarzt.“

Fallen Geburtsvorbereitungskurse und Infoabende in Geburtskliniken nun aus?

„Ich weiß nicht, wie die Lage an anderen Kliniken ist, aber bei uns im Marienkrankenhaus Hamburg fällt das aktuell aus. Ich denke, da werden sich die anderen Kliniken genauso anschließen, weil die ja auch eigentlich alle gesperrt sind für Besucher und bei einer Kreißsaal-Führung ist man ja Besucher. Ich gehe davon aus, dass das alles ausfällt. Das gleiche gilt für die Geburtsvorbereitungskurse, aber ich bin mir sicher, dass es, genauso wie es jetzt ja auch ganz viele tolle Yoga Classes oder sämtliche Fortbildungen online gibt, es auch bestimmt Geburtsvorbereitungskurse online geben wird. Und wenn nicht jetzt, dann spätestens nächste Woche.“

Wie schlimm wäre es denn für (erstmalig) werdende Eltern, wenn sie im Vorfeld keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht haben?

„Ob man sich nun für ein Krankenhaus oder ein Geburtshaus entscheidet – es ist ja in der Regel immer noch eine Hebamme dabei, die einen, auch wenn man keinen Vorbereitungskurs besucht hat, in der Situation betreut und einem gut helfen kann, wenn man sich denn auf sie einlässt und auf sie hört und dann klappt das, glaube ich, auch ohne Geburtsvorbereitungskurs ganz gut.“

Darf der Kindsvater mit in den Kreißsaal und wie sieht es mit einer Geburtsbegleiterin (z.B. einer Doula) aus?

„Aktuell darf bei uns im Marienkrankenhaus Hamburg noch eine Person mitkommen, aber ich weiß nicht, wie die Situation in einem Monat ist. Es kann sein, dass sich das noch ändern wird. Das wollen wir natürlich nicht, aber wir müssen einfach sehen, wie sich das entwickelt.“

Darf der Kindsvater im Anschluss mit auf die Wochenstation?

„Im Moment ist es so, dass Väter nicht mit auf die Wochenstation dürfen.“

Eine schwangere Frau hat sich mit dem Coronavirus infiziert: Wie wirkt sich das auf ihr ungeborenes Baby aus?

„Das ist noch nicht vollständig geklärt, muss man sagen. Die Datenlage ist da einfach noch zu dünn und wir wissen noch nicht genug darüber. Man hat anfangs gedacht, dass das Virus nicht auf das Kind übertragen wird. Man hat sich da auf eine Studie aus China konzentriert, bei der alle Kinder negativ getestet worden sind, obwohl die Mütter positiv waren. Aber sie wurden alle per Kaiserschnitt geboren. Und dann gab es den Fall in London, dass ein Kind kurz nach der Geburt positiv getestet worden ist und dieses wurde eben nicht per Kaiserschnitt geboren. Und jetzt ist halt die große Frage, wann diese Infektion stattgefunden hat: schon vorher oder während der Geburt? Man könnte jetzt natürlich schnell schlussfolgern, dass ein Kaiserschnitt demnach besser wäre, aber auch da gibt es einfach zu wenig Daten, um das jetzt wegen eines einzelnen Falles festzulegen. Wir gehen davon aus, dass das Virus nicht auf die Kinder übertragen wird, das ist jetzt der aktuelle Stand, aber es ist eben noch nicht vollständig geklärt.“

Wie wirkt es sich auf die Geburt bzw. Entbindung aus, wenn die werdende Mutter mit dem Virus infiziert ist?

„Das hat im Grunde genommen keine Auswirkungen. Wir würden die Patientin so entbinden lassen, wie sie es sich gewünscht hat. Aber bei jeder Geburt kann es im Verlauf zu Komplikationen kommen, wo man einen Kaiserschnitt empfiehlt und das würde man dann eben genauso machen. Aber wir gehen eigentlich genauso vor wie bei einer Schwangeren ohne Coronavirus, nur mit dem Unterschied, dass wir uns natürlich entsprechend schützen und die Patientin sich auch gewissermaßen an die Hygieneschutzmaßnahmen halten muss.“

Wie sieht es mit dem „Bonding“ (dem frühen Hautkontakt zwischen Baby und Mutter/Vater) aus, wenn Mutter und/oder Vater infiziert ist/sind?

„Das machen wir auf jeden Fall – die Mutter muss nur einen Mundschutz tragen. Wir sehen einfach ein größeres Risiko darin, das Kind zwei Wochen von der Mutter zu trennen. Mit vernünftigen Hygieneschutzmaßnahmen ist das okay.“

Darf eine infizierte Mutter ihr Baby stillen?

 „Auch das ist in Ordnung, wenn die Mutter einen Mundschutz trägt. Das Virus geht nicht in die Muttermilch über, das weiß man sicher.“

Wie sollten sich frisch gebackene Eltern (infiziert oder nicht infiziert) mit einem Säugling in diesen Zeiten verhalten?

„Wir haben momentan zum Glück noch keine Ausgangssperre und ich finde es auch wichtig für das Immunsystem, sowohl von Erwachsenen als auch von Babys, auch mal an die frische Luft zu gehen. Aber ich würde einfach den Kontakt zu anderen Menschen meiden. Wäre es mein Kind, würde ich es nicht zum Einkaufen mitnehmen. Man sollte sich selbst, so gut es geht, schützen und die sozialen Kontakte ein bisschen runterschrauben. Und man sollte auch mal das Positive darin sehen und einfach die Dreisamkeit genießen. Es ist ja häufig so, dass nach einer Geburt alle möglichen Menschen das Baby sehen wollen. Das ist ja auch was Schönes, aber es ist manchmal auch sehr viel Stress für die Mütter, gerade, wenn sie noch im Krankenhaus sind. Jetzt wird das ja quasi extern unterbunden und das kann auch, glaube ich, manchmal ganz gut und ganz schön sein.“

In ihrem aktuellsten Youtube-Video beantwortet Elena Leinewerber übrigens noch weitere Fragen zum Thema „Schwangerschaft, Entbindung und Stillzeit mit COVID-19“:

 

 

Gloria Saggau

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