#Haustürportraits in Corona-Zeiten: „Erinnerungen sind zum Bleiben gemacht“

Wenn wir über Künstler in Zeiten von Corona sprechen, meinen wir meist diejenigen, die im Moment nicht auf die Bühnen dürfen, die keine großen Konzerte geben oder keine Stand-up-Comedy in der Kneipe um die Ecke performen können. Aber was ist mit den Künstlern hinter den Kameras? Mit denen, die das Alltägliche künstlerisch festhalten? Wie erleben Fotografen diese Zeit?

Ein Projekt, um die Erinnerungen an diese Zeit festzuhalten

In den sozialen Netzwerken finden sich momentan unzählige Bilder unter dem Hashtag #Haustürportraits. Ursprünglich im österreichischen Wien erdacht, sind die Haustürportraits eine Art Kunstprojekt von Fotografen aus allen Teilen dieser Erde. Auch aus Norddeutschland sind viele Fotografen dabei, um zu zeigen, dass es sie noch gibt und um mit ihren Mitteln diese außergewöhnliche Situation festzuhalten.

Haustürportraits – eine gute Möglichkeit für Fotografen, um in der Corona-Kriese zu zeigen: „Ich bin noch da“ Foto: Sven Hüsemann

Mit dabei ist auch Kati Steinkamp aus Osnabrück, sie hatte mittlerweile schon über 30 Familien aus und um Osnabrück für die Haustürportraits vor der Linse: „Die Idee kam mir spontan, als ich mich mit meinen Nachbarn auf der Straße über die Corona-Lage unterhielt. Ich weiß, dass die Zeit für einige sehr schwer ist, also dachte ich mir, ich könnte den Menschen eine Freude machen, indem ich sie fotografiere und ihnen in ihren Häusern und Wohnungen ein Lächeln ins Gesicht zaubere.“ Katis Nachbarn waren von der Idee und der Umsetzung begeistert und schon nach einem Tag der „Mund zu Mund-Propaganda“ konnte die Fotografiemeisterin die Aktion auf ganz Osnabrück und sogar den Landkreis ausweiten.

Auf sich aufmerksam machen und den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern

„Ich biete den Menschen durch die Haustürportraits nicht nur schöne Bilder für Oma und Opa oder als Erinnerung an diese Zeit, sondern auch den sozialen Kontakt, Abwechslung im Corona-Alltag, dass sie einfach mal an etwas anderes denken können“, erklärt Kati.

Jasmin Utes aus Eutin und ihr Mann Leif von den Alltagshelden fotografieren bereits seit vielen Jahren gemeinsam. Dabei wollen sie möglichst authentische Bilder machen, die ehrliche Emotionen zeigen und nicht gestellt sind. Lange bevor die Einschränkungen wegen des Coronavirus in Schleswig-Holstein aufkamen, entschieden sie sich dazu, ihre Kameras erst einmal beiseite zu legen: „Unser ältester Sohn ist mehrfach schwerstbehindert und gehört definitiv zur Risikogruppe des Virus. Daher stand für meinen Mann und mich schnell fest, dass wir das Fotografieren in der Form, wie wir es gewohnt waren, erst einmal auf Eis legen und keine Termine annehmen.“ Mit den Haustürportraits wollen die beiden „die Erinnerung an eine ungewöhnlich intensive Zeit“ festhalten.

Ein Shooting auf Distanz

Aber wie lässt sich so ein Shooting auf Abstand überhaupt umsetzen? Fotografiemeisterin Kati Steinkamp erzählt, dass sie sich vorab mit den „Kunden“ verabredet, damit diese auch die Chance haben, sich etwas zurecht zu machen. Zu einer vereinbarten Uhrzeit warten sie dann meist schon an der Tür oder im Garten auf die junge Osnabrückerin.

Haustürportraits als Erinnerung an eine außergewöhnliche Zeit Foto: Kati Steinkamp

Als Fotografin nicht eingreifen zu können, empfindet sie als größte Herausforderung des Distanz-Shootings: „Es ist mein Job, alles zu sehen, damit das Bild perfekt wird. Dazu gehört auch, den Kunden oder die Kundin anzufassen, um zum Beispiel die Haare zurecht zu legen oder das Hemd zu richten. Das ist natürlich mit dem Sicherheitsabstand nicht möglich.“ Kommunikation ist gefragt und die Portraitierten müssen nun vermehrt selbst Hand anlegen.

In Schleswig-Holstein fotografiert Jasmin die Familien meist sehr intim. Ihr Schwerpunkt liegt auf Schwangerschaften und auch dem dazugehörigen Wochenbett: „Die erste Zeit einer kleinen Familie festzuhalten, ist etwas ganz Besonderes“, erklärt sie. „Meist fotografiere ich bei den Menschen zu Hause und bin mit der Kamera sehr nah dran, vor allem an den Neugeborenen. Das ist natürlich nach wie vor nicht möglich. Gerade im Wochenbett ist das Fotografieren so etwas Intimes und bedarf viel Vertrauen, sodass meist zu jeder Familie eine ganz besondere Beziehung entsteht. Das fehlt.“ Die Intimität und Nähe zu den Familien, die sich stark in ihren Bildern widerspiegeln, bekommt sie durch die Distanzshootings nicht. Die junge Fotografin muss sich für die Haustürportraits ganz schön umstellen. Doch es gelingt ihr gut. Trotz der Entfernung liegt ein ganz besonderer Ausdruck in ihren Bildern: „Meine Intention ist es, das authentische Jetzt für die Menschen festzuhalten, ein ‚Weißt du noch damals, während Corona?‘ mit emotionalen Bildern zu beleben.“

Von Anfang an dabei war auch Sven Hüsemann aus Nordhorn. Der Fotograf hat ein etwas anderes Vorgehen. Er macht nur wenige Termine aus und schlendert lieber bepackt mit dem nötigen Foto-Equipment durch die Grafschaft oder das angrenzende Emsland. Das Shooting ist spontaner: „Der Ablauf ist relativ simpel, denn ich klingle bei den Menschen an der Haustür und gehe ein paar Schritte auf Sicherheitsabstand zurück. Anfangs führen wir dann meist ein kleines Gespräch, um anschließend ganz entspannt ein paar schöne und lockere Bilder zu schießen. Auch wenn die Situation etwas befremdlich ist, da man sich zum Beispiel keine Hand mehr gibt oder die Bilder auf der Kamera nicht zeigen kann, gewöhnt man sich ziemlich schnell daran.“ So muss der Portraitierte seinem Fotografen, ob er will oder nicht, mehr Vertrauen entgegenbringen.

Letztlich hat Sven die Aktion auf seinen Social-Media-Kanälen beworben, woraufhin sich viele Menschen bei ihm gemeldet haben, die auch gerne an einem solchen Shooting teilnehmen wollen. Seine Routen durch die Grafschaft Bentheim hat er nun mit Rücksicht darauf geplant und kombiniert vereinbarte Termine mit spontanem Klingeln.

 

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DANKE! 🏡❤️ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Der gestrige Shootingtag mit den #Haustürportraits war grandios und ich habe mal wieder bemerkt, warum ich meinen Job so unglaublich liebe und wie sehr ich ihn derzeit einfach vermisse. Danke an dieser Stelle nochmal einmal an alle, die sich gemeldet haben und vor allem an die, die ich an ihren Haustüren begleiten durfte 😍 ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Am Donnerstag geht die nächste Tour Richtung Lingen los und ich bin schon ganz gespannt, was für tolle Familien und Paare mich so erwarten werden. Freut euch auf jeden Fall auf weitere Ergebnisse und denkt immer daran, bleibt Zuhause und lasst euch die gute Laune nicht vermiesen! 🥳 ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ P.S. Ja, das auf dem ersten Bild ist ein Hausschwein. Wer feiert es genauso wie ich?! 😂🐷

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Das Shooting bieten alle Fotografen kostenfrei an. Die Bilder, ob digital oder in gedruckter Version, kosten zwischen null und vier Euro.

Haustürportraits auch für Unternehmen

Ganz im Sinne von #supportyourlocals haben sich norddeutsche Fotografen zusammengetan, um Ladenbesitzer vor und in ihren Geschäften zu porträtieren. Mit den Haustürportraits für Unternehmen helfen sie die Erinnerung an diese – hoffentlich einmalige – Zeit zu behalten.

Wie geht es den Fotografen in Zeiten von Corona?

Svenja Seidlitz bietet die Haustürportraits in Hamburg an: „Im Moment erleben wir alle gerade eine merkwürdige Zeit. Man hält Abstand, sieht seine Freude nicht mehr. Keine Umarmungen, wenn man sich doch mal beim Einkaufen trifft.“ Events wie Geburtstage, Hochzeiten, Junggesellenabschiede, Jubiläen oder Babyparties wurden abgesagt. Den Künstlern hinter den Fotoapparaten entgehen gerade eine Menge Einnahmen und für sie ist nicht erkennbar, wann Fotos aus der Nähe wieder möglich sein werden. „Für uns Fotografen ist es schwierig. Shootings sind ausgefallen. Die Familien sind traurig, weil sie sich so darauf gefreut haben. Viele Familien wünschen sich trotzdem Bilder und möchten diese Zeit auf Bildern festhalten“, erzählt die Hamburgerin.

Die Osnabrückerin Kati Steinkamp weiß um die Schwierigkeiten, die aus den aufgeschobenen Events für Fotografen entstehen: „Viele Brautpaare verlegen die Hochzeit nun auf den Sommer 2021. Dementsprechend hätten wir nächstes Jahr Doppelbuchungen. Wir müssen schauen, wie wir jedem einzelnen Brautpaar gerecht werden können.“ Das fehlende Geld können Fotografen durch die Doppelbuchungen nicht kompensieren.

Sicher ist, diese besondere Zeit benötigt besondere Erinnerungen. „Und zudem ist ein Fototermin mit uns eine lustige Abwechslung im aktuellen Corona-Alltag“, ergänzt Jasmin von Alltagshelden Fotografie – egal, mit welchem Fotografen.

Andrea Marie Eisele

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