Folgen des Lockdowns: Wenn Isolation und häusliche Gewalt zum Alltag werden

Der Lockdown treibt viele Menschen in die Isolation und somit auch in die Hoffnungslosigkeit. Symbolfoto: Pexels

Es ist noch kein Ende in Sicht. Kein Ende der Corona-Pandemie, des Lockdowns, der Einschränkungen in Berufs- und Privatleben. Aber was macht das mit den Menschen in Deutschland? Sinn eines Lockdowns ist es eigentlich, Menschen zu schützen. Vor einer Ansteckung tut es das auch. Doch vielen droht gerade in den heimischen vier Wänden eine andere Gefahr.

Verbale, körperliche und sexuelle Gewalt

Angst, Schlaflosigkeit, Depression und Konflikte innerhalb der Familien: Bereits kurz nach Ausbruch der Pandemie gab es bereits erste Hinweise zu den psychosozialen Auswirkungen. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) wollte diese Konsequenzen durch eine bundesweite Corona-Umfrage herausfinden und die Auswirkungen des Lockdowns erfassen.

In der ersten Erhebung im April 2020 gaben 60 Prozent der mehr als 3.500 Befragten an, sehr gut oder gut mit der veränderten Lage und den Maßnahmen klarzukommen. Aber an die 26,9 Prozent der Befragten erklärten, schlecht oder sehr schlecht mit der Situation umgehen zu können. Die befragen Frauen wiesen dabei signifikant höhere Depressions- und Angstwerte auf. Angst, Stress, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Aggression und Konflikte in Familien nahmen der Studie zufolge zu.

Die Wissenschaftler:innen erwarten den Angaben zufolge eine anhaltende psychosoziale Belastung und schwindende Akzeptanz der Anordnungen, die den Alltag der Bürger einschneidend verändert haben. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Befund, dass fünf Prozent aller Teilnehmenden angaben, häusliche Gewalt auf verbaler (98,4 Prozent), körperlicher (41,9 Prozent) oder sexueller (30,2 Prozent) Ebene zu erleben.

#machdichlaut im Netz

Immer mehr betroffene Frauen trauen sich, ihre Erfahrungen öffentlich zu thematisieren. Unter dem Hashtag #gewaltgegenfrauen finden sich im Netz viele persönliche und nervenaufreibende Geschichten über Gewalt, Trauer und Schmerz. Mit dem Hashtag #machdichlaut will der Weisse Ring e.V. immer mehr Menschen für dieses Thema sensibilisieren. So trauen sich immer mehr Betroffene, sich gegen die Gewalt in den eigenen vier Wänden aufzulehnen, sagt der Verein.

In diesem Beispiel erzählt eine Frau auf Instagram ihre Leidensgeschichte und zeigt Bilder aus vergangenen Jahren. „Stoppt es! und lasst es euch nicht gefallen.“, macht die Userin anderen Mut.

 

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Hohe Dunkelziffer an häuslicher Gewalt

Dass die Dunkelziffer an häuslicher Gewalt während der Corona-Krise sehr hoch ist, dieser Aussage stimmen neun von zehn Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen zu. So lautet ein Ergebnis der Befragung „Psychische Gesundheit in der Krise“ im Auftrag der Pronova BKK. Eine deutliche Zunahme psychischer Beschwerden beobachten Fachärzt:innen und Therapeut:innen seit dem Beginn der Corona-Krise.

Häusliche Gewalt umfasst alle Formen physischer, sexueller und/oder psychischer Gewalt zwischen Personen in zumeist häuslicher Gemeinschaft. Symbolfoto: Pexels

„In den Familien wächst der Druck auf Frauen, weil sie den Großteil der Aufgaben zu Hause übernehmen. Dazu gehört in Zeiten geschlossener Kitas und Schulen auch die Kinderbetreuung. In der Krise wirken traditionell festgelegte Rollen stärker. Wir verfallen gesellschaftlich in Versorgungsstrukturen, die wir hinter uns haben sollten“, erklärt Dr. Sabine Köhler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN).

Neben Kindern trifft Gewalt vor allem Frauen, wie die aktuelle Auswertung des Bundeskriminalamtes bezüglich Partnerschaftsgewalt zeigt. 81 Prozent der Opfer dieser Form von Gewalt sind Frauen. Die Hälfte der Betroffenen, Männer wie Frauen, lebten zum Tatzeitpunkt mit dem Täter oder der Täterin in einem Haushalt.

Ein Handzeichen, das jeder kennen sollte

Mithilfe von diesem Handzeichen sollen Betroffene auf ihre Lage aufmerksam machen. Grafik: Marit Langschwager

Oft ist es schwer, den Betroffenen aus der Situation zu helfen, oder sie überhaupt zu erkennen. Offen und unbefangen zu reden – sei es mit einer Freundin, einem Familienmitglied oder bei einer Anlaufstelle für häusliche Gewalt – war und ist für viele Betroffene noch immer kaum möglich. Deswegen hat sich die kanadische Organisation Canadian Women’s Foundation genau für diesen Fall das „Signal for Help“ ausgedacht: Ein spezielles Handzeichen, um im Videochat zu zeigen, dass Hilfe gebraucht wird, ohne es sagen zu müssen.

In diesem Video scheinen sich zwei Freundinnen ganz unverfänglich zu unterhalten. Im Hintergrund konnte man jedoch permanent einen Mann beobachten. Und dann plötzlich machte ihre Freundin ein Zeichen mit ihren Händen. Denn das war das einzige Signal, das sie währenddessen an ihre Freundin senden konnte. Dann gingen bei ihr die Alarmglocken an.

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Zwar ist die Einhandgeste vorwiegend für den Schutz von Frauen bei häuslicher Gewalt ins Leben gerufen worden. Da laut der Kriminalstatistischen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamtes jedoch knapp 19 Prozent der Männer ebenfalls hierunter leiden, kann die Bewegung auch von ihnen genutzt werden.

Was sollten Sie tun, wenn Sie das Zeichen sehen?

Sollte Ihr:e Gesprächspartner:in im Videocall diese Handbewegung machen, ist es wichtig, sowohl umgehend als auch bedacht zu handeln, um sie oder ihn nicht weiter oder noch mehr zu gefährden.

Die Stiftung rät dazu, den Betroffenen kurze Fragen zu stellen, die leicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können. Dadurch könne das Risiko reduziert werden, falls eine weitere Person mithört, heißt es. Wichtig ist hierbei allerdings, dass das Opfer Kopfhörer trägt, damit andere die gestellten Fragen nicht mithören können. Vorgeschlagen werden unter anderem die Fragen:

  • „Soll ich den Notruf für dich rufen?“
  • „Soll ich in deinem Namen jemanden von der Schutzstelle anrufen?“

Wichtig ist auch, so die Stiftung, andere Kommunikationsmittel wie zum Beispiel SMS, WhatsApp oder Social-Media-Messenger zu verwenden, die sicher sind und ein Mithören oder Mitlesen nicht ermöglichen. Hierbei ist allerdings wichtig, dass der Täter keinen Zugang zu den Accounts des Opfers hat, um den Schutz zu gewähren. Auf diesen Wegen können dann weitere Fragen wie:

  • „Wie geht es dir?“
  • „Wie kann ich dich unterstützen?“
  • „Soll ich mich regelmäßig bei dir melden?!

Hier finden Sie eine Anleitung von der Polizeidirektion Göttingen, wie das Handzeichen im besten Fall ausgeführt wird.

Der Lockdown verschärft die Situation vieler Menschen, die mehr denn je in ihrem eigenen Zuhause gefangen sind. Genau deswegen ist es in dieser Zeit besonders wichtig, seine Mitmenschen aufmerksam und sensibilisiert zu beobachten. Und neben Isolation und Distanz den Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Hier finden Sie Hilfe

  • Hilfesuchende Frauen können sich anonym an die Stelle „Gewalt gegen Frauen“ wenden. Sie ist täglich unter der Rufnummer 08000 116 016 zu jeder Uhrzeit kostenlos erreichbar. Auch Dolmetscherinnen sind bei der Beratungsstelle tätig. Hotline für von Gewalt betroffene Männer: 0800 123 99 00
  • Bei Weisser Ring e.V. können Sie eine Standortsuche vornehmen, wenn Sie eine:n direkte:n Gesprächsparter:in vor Ort benötigen. Außerdem können Sie dort auch telefonisch unter der 116 006 anonym Kontakt aufnehmen. Auch eine Online-Beratung kann beim Wiesser Ring e.V. wahrgenommen werden.
  • Über ihren Internetauftritt erklärt die Polizei, wie man sich im Falle von häuslicher Gewalt verhalten sollte und gibt weitere Tipps und Hinweise.
  • Sollten Sie zunehmend unter depressiven Phasen leiden, können Sie auch das Info-Telefon Depression unter der 0800 33 44 533 kontaktieren.

 

Marit Langschwager

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