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Wenn Frauen Gewalt erfahren oder getötet werden, dann wird das oft als private Tragödie abgetan. Tatsächlich kann man aber davon ausgehen, dass in den meisten Fällen strukturelle Gewalt dahintersteckt. Dann nennt es sich: Femizid. Und das passiert nicht irgendwo weit weg, sondern hier bei uns, vor unserer Tür.

Im Jahr 2016 in Hannover beispielsweise: Der Ex lauerte Vanessa Münstermann auf, übergoss sie mit Säure. Die junge Frau überlebte den versuchten Femizid, ist schwer gezeichnet.

Ebenfalls im Jahr 2016: Kader K. wurde von ihrem Ex-Mann mit Messer und Axt schwer verletzt. Er legte ihr ein Seil um den Hals, kettete sie ans Auto und fuhr los.

Im Jahr 2021 in Bispingen: Ein Mann vergewaltigte eine Frau, die er seit kurzem kannte und strangulierte sie anschließend. Auch die Kinder der Frau tötete der Mann.

Jeden dritten Tag in Deutschland gibt es einen Femizid

Das Töten einer Frau ist oft nur das Ende einer langen Gewaltspirale. Die Spitze des Eisbergs sozusagen. In den Fällen, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben, sprechen wir von Beziehungstat, Ehedrama, Tragödie. Dabei heißt das, was jeden dritten Tag in Deutschland passiert: Femizid.

Partnerschaftstötungen sind die häufigste Form

Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Aus Frauenhass oder Verachtung, aus sexuellem Trieb heraus oder weil sie nicht den patriarchalen Rollenvorstellungen entsprechen, sich der männlichen Kontrolle und Dominanz entziehen. Die häufigste Form des Femizids sind sogenannte Partnerschaftstötungen. Männer werden nur in sechs Prozent der Fälle Opfer eines Tötungsdeliktes in Partnerschaften. Es muss also ein strukturelles Phänomen dahinter geben.

Forschungsprojekt: Femizide in Deutschland untersuchen

Prof. Dr. Tillmann Bartsch vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e. V. und sein Team wollen Femizide in Deutschland in einem Forschungsprojekt grundlegend untersuchen. Dazu werden Akten analysiert, Interviews mit Staatsanwaltschaft, Polizei, Nebenklagevertretern und Justiz geführt. Denn bis heute gibt es weder in der Wissenschaft noch in der Gesellschaft einen Konsens über die genaue Verwendung des Begriffs Femizid. Auch nicht in der Justiz. Die Konsequenz: Täter können mit geringeren Haftstrafen davonkommen. Erste Ergebnisse der Studie sollen in drei Jahren vorliegen. Dann soll das auch den Ermittlungsbehörden helfen, die Gewaltspirale frühzeitiger aufzubrechen, um Femizide besser verhindern zu können.

24.305 Fälle von häuslicher Gewalt im Jahr 2021 in Niedersachsen

Allein im vergangenen Jahr wurden laut Kriminalstatistik in Niedersachsen 24.305 Fälle von häuslicher Gewalt polizeilich erfasst. Und das ist nur das Hellfeld, also die Taten, die angezeigt wurden. Die Dunkelziffer soll in etwa viermal so hoch liegen. In Niedersachsen gibt es Hilfsangebote, auch flächendeckend (siehe Liste am Ende dieser Seite). Doch, sich Hilfe zu holen, ist für Betroffene auch oft schwer.

Netzwerk ProBeweis sichert Spuren und Beweise

Beim Netzwerk ProBeweis können Betroffene von Gewalt Spuren und Beweise sichern lassen, wenn sie nach einem Vorfall Vorbehalte haben, sofort Anzeige zu erstatten. Soweit es die Betroffenen zulassen, werden Verletzungen gerichtsfest dokumentiert. Der Anamnesebogen wird 30 Jahre aufbewahrt, Asservate mindestens drei Jahre. Erst nach einer Schweigepflichtentbindung werden Beweise an die Ermittlungsbehörden weitergegeben und ein Gutachten erstellt. Je früher Betroffene nach einem Vorfall zu ProBeweis kommen und je weniger sie sich waschen, desto besser, sagt Rechtsmedizinerin Sarah Stockhausen vom ProBeweis-Team. Und sie erklärt: Es kommt vor, dass Frauen mehr als nur einmal kommen.

Begriffe wie Ehedrama oder Beziehungstat wollen wir nicht mehr nutzen

Die Istanbul-Konvention, ein internationales Abkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, trägt einen Teil dazu bei, dass der Begriff Femizid langsam häufiger Platz in Berichterstattungen und in der Gesellschaft findet. Gewalt gegen Frauen und Femizide betreffen eben nicht nur „die anderen“. Es passiert hier vor unserer Haustür, in Deutschland, in Niedersachsen. Laut Statistik jeden dritten Tag. Und es ist auch die Verantwortung von uns Medien, die Geschehnisse nicht als Beziehungstat, Ehedrama oder Tragödie abzutun, sondern es beim Namen zu nennen: Das Töten von Frauen, weil sie Frauen sind, heißt Femizid.

Hilfsangebote und Beratungsstellen für Betroffene von Gewalt:

Antonia Wellmann

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