Tafel-Sammelbox im Supermarkt: Wie geht es mit dem Pilotprojekt aus Bad Segeberg weiter?

Seit August steht in einem Bad Segeberger Supermarkt eine Sammelbox der Tafel. Kunden können nach ihrem Einkauf unmittelbar Lebensmittel oder andere Dinge spenden. Das Pilotprojekt wurde gut angenommen – jetzt soll es ausgeweitet werden.

Tafel-Vorsitzender Hans-Joachim Wild vor der Sammelbox im Bad Segeberger Supermarkt. Foto: Gloria Saggau

Zu viel gekocht, in der Vorratskammer vergessen, ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum – diese und noch mehr Gründe sorgen dafür, dass bei jedem von uns mindestens 75 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in den Müll wandern. Das besagt eine Baseline-Erhebung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) für das Jahr 2015. Noch erschreckender: Fast die Hälfte der Lebensmittelabfälle wäre vermeidbar gewesen.

Denn auch auf dem Weg zu uns, den Verbrauchern, werden schon wertvolle Lebensmittel vernichtet – obwohl sie noch genießbar sind. Entstehen während des Transports beispielsweise Druckstellen oder gibt es andere Schönheitsfehler (die berühmte „krumme Gurke“), wird häufig die ganze Palette entsorgt. Es würde sich für Unternehmen finanziell nicht lohnen, einzelne Artikel oder Früchte auszusortieren. Gegen diese Art der Lebensmittelverschwendung leisten die deutschlandweit über 940 Tafeln seit 26 Jahren einen bedeutenden Beitrag – auch bei uns im Norden.

„Lebensmittel verteilen, statt vernichten“

Obst und Gemüse machen fast die Hälfte des Lebensmittelabfalls aus, danach folgen Back- und Teigwaren. Die Tafeln sammeln all diese Artikel und Produkte mit bald ablaufenden Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdaten in den Supermärkten ein und verteilen sie an Bedürftige in ihren Ausgabestellen. Dieses Prinzip müsste inzwischen bekannt sein.

Worüber aber selten jemand nachdenkt: Es gibt auch Artikel, die ein extrem langes MHD haben, also eigentlich gar nicht schlecht werden können. Warum sollte ein Supermarkt solche Produkte an die Tafeln spenden, wenn er sie selbst noch verkaufen könnte?

Gibt es in den Tafeln also keine lang haltbaren Artikel?

 

Seit August steht in einem Supermarkt im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg nun also eine Sammelbox, die diese Lücke schließen soll. Kunden können beim Einkauf ein Teil mehr in ihren Korb packen – vorzugsweise haltbare Dinge wie Öl, Reis, aber auch Kaffee, Tee oder Kosmetika – und nach dem Bezahlen in die Gitterbox im Kassenbereich legen. Dadurch wurde das Angebot der Segeberger Tafel schlagartig vergrößert.

Wie kommt das Prinzip bei den Kunden an?

 

Die Pilotphase ist vorbei, es wurde Bilanz gezogen. Vorstand und Kuratorium haben aufgrund der Ergebnisse nun Woche beschlossen, dass das Projekt ausgeweitet wird. Allen 60 Tafeln in Schleswig-Holstein und Hamburg wird eine solche Gitter-Sammelbox inklusive Werbeplakat angeboten. Ob sie es sich am Ende leisten können (gut 600 Euro) und wollen, entscheidet jede Tafel selbst. „Ich würde es aber allen Kollegen, die dann angeschrieben und informiert werden, raten, dieses Angebot anzunehmen“, so Hans-Joachim Wild.

Projekt ruft auch Kritik hervor

Anderen zu helfen, macht erwiesenermaßen glücklich und mit dieser Maßnahme ist es unmittelbar möglich. Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge kritisiert das Aufstellen solcher Sammelboxen jedoch. Es sei nicht die Aufgabe von Supermarktkunden dazu beizutragen, dass arme Menschen etwas zu essen bekommen. „Das ist eine Verschiebung der Verantwortlichkeiten“, so Butterwegge gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Eine Tafel kann Armutsbetroffenen kurzfristig helfen. Aber eigentlich muss sie darauf hinwirken, sich langfristig selbst abzuschaffen.“

Wolfgang Burmeister hält dagegen: „Es gibt halt viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Denen müssen wir helfen“, findet der Supermarkt-Inhaber und fügt noch hinzu: „Wenn wir darüber diskutieren wollen, dass in unserem Land immer noch zu viele Lebensmittel vernichtet werden, dann gebe ich ihm recht.“ Hans-Joachim Wild sieht es ähnlich: „Ich schätze Herrn Butterwegge sehr, aber er muss sich mit dem Tafelwesen einmal auseinandersetzen.“ Natürlich würden die Tafeln auch Aufgaben des Staates übernehmen, aber damit sie einmal überflüssig werden könnten, müssten paradiesische Zustände herrschen. Und das habe mit der Realität nun einmal nichts zu tun.

Was wünscht man sich bei der Tafel für die Zukunft?

 

Gloria Saggau

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