Nach schwerem Unfall: Wie sinnvoll ist ein SUV-Verbot in Innenstädten?

Nach einem schweren Unfall in Berlin mit einem SUV ist eine Debatte über die Geländewagen in Städten entbrannt. Symbolbild: Christine Sponchia auf Pixabay

Nach dem tödlichen Unfall eines SUVs in Berlin ist in ganz Deutschland eine Debatte über Geländewagen in Städten entbrannt. Wie gefährlich und umweltschädlich sind die Pseudo-Geländewagen wirklich?

Der schwere Verkehrsunfall in Berlin-Mitte hat eine Debatte über die sogenannten SUVs (Sport Utility Vehicles) ausgelöst. Am Freitagabend war ein Porsche-SUV auf einen Bürgersteig gerast. Dabei kamen vier Passanten ums Leben, der Fahrer des SUVs und seine beiden Mitfahrer wurden verletzt. Die Deutsche Umwelthilfe erklärte nach dem Unfall: „SUVs haben in unseren Städten nichts zu suchen!“ Auch die Grünen fordern, dass die Zulassung der Wagen in den Innenstädten begrenzt wird.

Wie weit sind die Ermittlungen?

Der Grund für den schweren Autounfall könnte nach ersten Hinweisen und Erkenntnissen ein epileptischer Anfall des 42-jährigen Fahrers gewesen sein. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Ermittlerkreisen. Ein Polizeisprecher wollte dies zunächst nicht bestätigen. Polizeipräsidentin Barbara Slowik sagte: „Wir schließen nach wie vor definitiv medizinische Gründe nicht aus.“ Die Polizei will mit Hilfe der Krankenakte des Fahrers und einer Blutuntersuchung klären, ob er krank war und die Hinweise auf den Anfall stimmen. Dazu muss die Staatsanwaltschaft die Beschlagnahmung der Akte in die Wege leiten.

Wie steht es um die Debatte?

Die FDP kritisierte die nach dem Unfall begonnene Debatte über Beschränkungen für Sportgeländewagen. Verkehrsexperte Oliver Luksic wandte sich mit Blick auf Äußerungen unter anderem der Grünen gegen eine „emotionslose Instrumentalisierung einer Tragödie für politische Zwecke“. Es komme auf den Fahrer an, nicht auf das Auto, sagte Luksic am Montag.

Der Automobilclub ADAC hält ein Verbot von Geländewagen weder für umsetzbar noch für sinnvoll. „Entscheidend für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern ist vielmehr das verantwortungsvolle Führen von Kraftfahrzeugen“, teilte ein ADAC-Sprecher am Montag mit. Das gelte vor allem für die Faktoren: angepasste Geschwindigkeit, Alkohol und Ablenkung. „Insofern lässt sich Unfallvermeidung nicht mit dem Verbot einer Fahrzeugklasse lösen, sondern durch mehr Rücksichtnahme.“

Die Deutsche Umwelthilfe fordert hingegen weiterhin ein striktes Verbot der großen Geländewagen. Sie sehen den hochmotorisierter Wagen als Klimaverschmutzer und große Gefahr für den Straßenverkehr:

Wer fährt überhaupt SUVs?

Der SUV-Boom auf dem deutschen Automarkt hält ungebrochen an: Der Stadtgeländewagen habe in den ersten vier Monaten dieses Jahres erstmals die 30 Prozent überschritten. Der SUV sei inzwischen das Auto der Normalbürger, keine andere Karosserieform habe einen so hohen Privatkundenanteil, berichtete im Juni der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. Unter den Neuzulassungen haben sie mit 31,4 Prozent im ersten Halbjahr 2019 den größten Anteil. Bis Jahresende werde der SUV zum ersten Mal die Millionengrenze knacken – und das Ende der Fahnenstange sei noch lange nicht erreicht, sagt Dudenhöffer voraus. „Diese Autos werden überwiegend von älteren Fahrern gekauft“, erklärte der Experte.

Ist der Geländewagen klimaschädlich?

Die Geländewagen haben einen besonders schlechten Ruf bei den Klimaschützern und gelten oft auch als „Klima-“. Laut der Deutsche Energie-Agentur (DENA) benötigt so mancher Geländewagen gut dreimal so viel auf 100 Kilometer wie ein Kleinwagen. Gegenüber einem normalen Kleinwagen ist ein SUV teils doppelt so schwer – und mehr Gewicht bedeutet auch mehr CO2-Ausstoß.

Unterschiede im Kraftstoffverbrauch nach Segmenten (meistverkaufte Modelle)
Quelle: dena

Wie gefährlich sind Unfälle mit SUVs?

„Man kann nicht einfach sagen: SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart“, sagte der Unfallforscher der Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann der Deutschen Presse-Agentur. Mehr Einfluss als das Gewicht habe die Geschwindigkeit und die Art des Zusammenstoßes, erklärte er. Im Berliner Fall hätte aber der Ampelmast einen Polo möglicherweise abgehalten.

Zur Ursachenforschung wollte die Polizei den Unfall gegebenenfalls im 3D-Modell nachstellen. „Entscheidend ist die Geschwindigkeit“, erklärte der Unfallforscher Brockmann. „Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug.“

 

dpa/dena/mala

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