Rassistisches Gegröle vor Sylter Lokal: Video in sozialen Netzwerken sorgt für Empörung

Es ist nicht das erst Mal, dass zu dem Party-Hit „L’amour Toujours“ von Gigi D’Agostino rassistisch gegrölt wird. Jetzt kursiert ein Video von Sylt, das bundesweit große Empörung ausgelöst hat. Der Vorfall ereignete sich nach ersten Erkenntnissen bereits am Pfingstwochenende.

Auf Video aufgenommenes rassistisches Gegröle zum Party-Hit „L’amour Toujours“ von Gigi D’Agostino hat bundesweit Empörung ausgelöst. In der kurzen Sequenz, die in sozialen Medien verbreitet wurde, sind junge Menschen grölend vor einem Lokal zu sehen. Eine der an dem Gegröle beteiligten jungen Frauen mit Sonnenbrille im Haar und weißer Bluse hatte die Szene gefilmt. Die Umstehenden singen und wippen, haben Gläser mit Getränken in den Händen. An dem Gegröle scheint sich niemand zu stören.

Das Lokal Pony im Sylter Nobel-Urlaubsort Kampen distanzierte sich in der Nacht zu Freitag von den Gästen und kündigte Konsequenzen an. Die Betreibenden des Lokals erklärten auf Instagram zu dem Video, sie seien „tief schockiert“. „Wir distanzieren uns von jeder Art von Rassismus und Diskriminierung.“

„Hätten wir von dem Vorfall gewusst, hätten wir die betreffenden Gäste selbstverständlich des Hauses verwiesen. Es gibt keinen Platz für Rassismus!!!“, schrieben die Betreibenden des Lokals auf Instagram. Jeder Gast unabhängig von der Ethnie sei herzlich willkommen. Die Betreffenden bekämen Hausverbot, hieß es. In einem weiteren Beitrag schrieben die Betreiber, sie hätten nun die Namen „dieser Nazis zugespielt“ bekommen. „Wir werden dieses widerliche Verhalten anzeigen und alle strafrechtlichen Möglichkeiten nutzen!!!“

Die gesamte Szene am späten Nachmittag des Pfingstsamstags sei von Überwachungskameras mit Ton aufgezeichnet worden, sagte Inhaber Tim Becker der dpa am Freitag. Man habe die Namen aller fünf Beteiligten an die Polizei gegeben. Auch die Überwachungsaufnahme sei der Polizei übermittelt worden. Viele der insgesamt rund 300 Gäste hätten auf der Terrasse des Lokals den Party-Hit „L’amour Toujours“ von Gigi D’Agostino ganz normal mitgesungen. Das sei auf der Aufnahme zu hören. Auf der Überwachungsaufnahme sei zu sehen, wie einer der Beteiligten die kleine Gruppe mit seinem Handy gefilmt hat. „Das waren wirklich nur diese fünf Leute“, sagte Becker. Gegrölt wurde „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“.

Song werde im Pony nicht mehr gespielt

Ähnliche Vorfälle habe es im Pony bisher nicht gegeben, sagte Becker. Eine Konsequenz sei, dass „L’amour Toujours“ künftig nicht mehr gespielt werde. „Uns war das komplett neu, dass das missbraucht wird.“

Becker befürchtet, dass etwas von dem Vorfall hängen bleiben wird, „auch wenn wir da wirklich aus unserer Sicht nichts für können“. Man werde die Gäste künftig stärker animieren, rassistische Vorfälle den Türsteher:innen zu melden. Normalerweise könnten solche Vorfälle in dem relativ kleinen Lokal Pony nicht unbemerkt bleiben. Pfingsten sei mit der Großveranstaltung eine Ausnahme. Der Vorfall belaste die ganze Insel. „Alle sind traurig, dass das passiert ist“, sagte Becker. „So etwas darf nicht sein.“

Die fünf Beteiligten bekommen nach Beckers Überzeugung nicht nur im Pony lebenslanges Hausverbot. „Auf Sylt brauchen die sich gar nicht mehr blicken lassen. Wir haben ganz viele befreundete Gastronomen.“

Bürgermeister: „Wir haben für diese Gesänge null Toleranz“

Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Sylter Gemeinden haben sich ebenfalls mit klaren Worten gegen die rassistischen Gesänge gestellt. „Wir haben für diese Gesänge null Toleranz. Dieses Verhalten ist für uns abstoßend und vollkommen inakzeptabel. Wir dulden das nicht“, sagten sie laut Mitteilung am Freitag. Die Gemeindechefinnen und -chefs sowie die Vertreter:innen der Tourismusbetriebe und -verbände würden sich in jeder Form gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Menschenfeindlichkeit wenden. Deshalb begrüßten sie, dass die Betreiber der Bar sehr deutlich Stellung genommen haben.

„Solche Gäste brauchen nicht noch einmal nach Sylt zu kommen“

In dem Statement heißt es weiter: „Auf Sylt leben Menschen aus 113 Nationen friedlich miteinander. Wir begrüßen Touristinnen und Touristen aus vielen Ländern. In diesen Tagen, in denen das Grundgesetz 75 Jahre alt wird, während die liberale Demokratie unter Beschuss steht, möchten wir als Sylt ganz unmissverständlich klar machen: Solche Gäste brauchen nicht noch einmal nach Sylt zu kommen. Sie sind herzlich ausgeladen. Denn wir sind eine weltoffene Insel.“

Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli schrieb in der Nacht auf Freitag auf der Plattform X: „‚Deutschland den Deutschen. Ausländer raus. Ausländer raus.‘ Ort: Sylt. Und sie fühlen sich so sicher.“ Der TV-Moderator Jan Böhmermann fragte: „Wer und wo sind diese Leute?“ Und die Moderatorin Dunja Hayali twitterte: „Mit Hitlerbärtchen und Schampus, aber ohne ‚Ausländer‘. #Sylt. 2024.“

Mitglieder der Landesregierung entsetzt

Auch Mitglieder der schleswig-holsteinischen Landesregierung haben sich entsetzt über das Video geäußert. Integrationsministerin Aminata Touré (Grüne) sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Das ist kein dummer Jungenstreich, sondern schlimmstes Nazi-Gegröle erwachsener Leute auf offener Bühne. Widerwärtig und ekelhaft. Schämen sollten sie sich! Jetzt müssen strafrechtliche Ermittlungen folgen.“

Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte: „Die Bilder dieser Party, auf der ausländerfeindliche Parolen gegrölt wurden, widern mich an“. Die Bilder seien „ein Zeichen von Wohlstandsverwahrlosung“. In Schleswig-Holstein sei kein Platz für Ausländerfeindlichkeit. „Ich freue mich, dass die Bar, in der diese Videos gemacht wurden, die Polizei bei den Ermittlungen unterstützt und den Grölenden Hausverbot erteilen will.“

Für die FDP in Schleswig-Holstein sind die gesungenen, rassistischen Parolen „einfach nur abstoßend“. „Wir verurteilen dieses rassistische und wohlstandsverwahrloste Verhalten auf das Schärfste“, sagte der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Christopher Vogt, am Freitag laut Mitteilung. Bedauerlicherweise handele es sich dabei nicht um einen Einzelfall: „In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder erleben müssen, wie auch bei uns in Schleswig-Holstein Menschen auf Partys offen Hetze betreiben, anstatt friedlich gemeinsam zu feiern.“

Rassismus und Ausländerfeindlichkeit seien kein Randphänomen, sondern fänden sich in allen Teilen unserer Gesellschaft. „Das muss uns Sorgen bereiten und fordert uns alle zum Handeln auf.“ Es sei deshalb wichtig, nicht nur auf die Ermittlungsbehörden und das Strafgesetz verweisen. Auch sollte im Bereich der Bildung noch stärker für diese Themen sensibilisiert und Aufklärung betrieben werden. „Hass, Hetze und Ausländerfeindlichkeit dürfen bei uns keinen Platz haben.“

SPD will den Fall im Landtag zur Sprache bringen

Die SPD-Fraktion will den Fall in den Innen- und Rechtsausschuss bringen. Anfang des Jahres habe es bereits Vorfälle in Pahlen und Schenefeld gegeben. „Ich bin nach wie vor der Auffassung: Das sind keine harmlosen Suff-Aktionen, sondern Fälle für den Staatsanwalt“, erklärte der Sprecher der SPD-Fraktion für innere Sicherheit, Niclas Dürbrook, am Freitag. „Solche Parolen haben in Schleswig-Holstein nichts verloren. Man braucht nicht allzu viel Empathie, um nachvollziehen zu können, welche Wirkung solche Aktionen auf Menschen mit Migrationshintergrund haben können.“

Die SPD werde für die kommende Sitzung des Innen- und Rechtsausschusses einen Berichtsantrag stellen, um die Landesregierung zum aktuellen Fall und zum Stand der Ermittlungsverfahren zu Pahlen und Schenefeld berichten zu lassen. Nach Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft in Itzehoe sind die Ermittlungen zu beiden Fällen noch nicht abgeschlossen.

Ferda Ataman: „Rassismus darf in Deutschland nie wieder zum Normalfall werden“

Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, hat den Vorfall scharf verurteilt. „Diese unverhohlene ‚Ausländer-raus-Stimmung‘ erleben wir auch in unserer Beratung, Menschen werden diskriminiert und herabgewürdigt“, sagte sie am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

„Das ist blanker Rassismus, der sich immer weiter in alle Milieus und Altersgruppen hineinfräst und offen ausgelebt wird“, erklärte Ataman. „Die Bilder stammen offenbar nicht aus einer Nazikneipe, sondern einer Nobelbar in Sylt. Rassismus darf aber in Deutschland nie wieder zum Normalfall werden.“ Sie begrüßte die Aufnahme polizeilicher Ermittlungen. „Das darf nicht folgenlos bleiben.“

Polizei prüft das Video

Die Polizei prüft nun das Video. „Zurzeit kursiert in den sozialen Medien ein Video von Feiernden auf #Sylt. Dieses Video ist uns bekannt und wird hinsichtlich strafrechtlich relevanter Inhalte geprüft“, schrieb die Polizei am Freitag auf der Plattform X. „Wir bedanken uns für die zahlreichen Hinweise, die wir an die zuständige Stelle weitergeleitet haben.“ Das Fachkommissariat für Staatsschutz hat die Ermittlungen wegen Volksverhetzung und des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen aufgenommen.

Nicht zum ersten Mal passiert

Es ist nicht das erste Mal, dass es im Zusammenhang mit dem Song „L’amour Toujours“ zu rassistischen Ausfällen gekommen ist. In Niederbayern ermittelte die Polizei nach einem möglichen Vorfall bei einem Faschingszug im Januar. Bei der Veranstaltung in Stulln (Landkreis Schwandorf) habe eine Gruppe von Zuschauenden „Ausländer raus“ skandiert, als von einem Wagen das Lied von Gigi D’Agostino gespielt wurde, sagte ein Zeuge örtlichen Pressevertreter:innen.

Zuvor hatten ähnliche Vorfälle unter anderem in Landsberg am Lech in Oberbayern Ermittler:innen auf den Plan gerufen. Dort sollen mehrere Menschen auf einem Zugwagen zu dem Lied ebenfalls „Ausländer raus“ skandiert haben. Die Polizei ermittelte wegen des Verdachts der Volksverhetzung und suchte nach Zeug:innen.

Weiter Vorfall in Schleswig-Holstein am 7. Januar

Auch in Schleswig-Holstein nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Laut Polizei war dort am 17. Januar eine Anzeige eingegangen, nachdem in einer Diskothek zu dem Lied Besucher:innen „Ausländer raus“ gesungen hätten. Der Vorfall soll sich am 7. Januar ereignet haben.

SAT.1 REGIONAL/dpa

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