Pretty Woman – Das Musical: Kitschig schönes Hollywood-Märchen in Hamburg

 

Patricia Meeden und Mark Seibert sind die Hauptdarsteller im Musical „Pretty Woman“. Foto: 17:30 SAT.1 REGIONAL.

So ziemlich jeder kennt die Geschichte der „Bordsteinschwalbe“ Vivian Ward, die auf dem Hollywood Boulevard den verirrten Geschäftsmann Edward Lewis aufgabelt. Mit ihm steigt sie in Beverly Hills piekfeinem Regent Beverly Wilshire ab. Kurzerhand bucht der verbissene Workaholic das leichte und erfrischende Mädchen, das so gar nicht auf den Strich zu gehören scheint, für die ganze Woche als seine Begleitdame. An seiner Seite bezaubert die witzige und naive Schönheit mit ihrem natürlichen Charme nicht nur seine Geschäftspartner: Nach einigen Höhen und Tiefen erobert sie auch Edwards gebeuteltes Herz. Das Happy End der weltberühmten US-amerikanischen Liebeskomödie von Garry Marshall aus dem Jahr 1990 kennen Sie.

Europa-Premiere in der Musical-Hauptstadt Hamburg mit vielen Promis

Am Sonntagabend feierte „Pretty Woman – Das Musical“ Europa-Premiere in der deutschen Musical-Hauptstadt Hamburg. Zahlreiche Promis waren im Stage Theater an der Elbe dabei – überraschenderweise auch viele Männer. Wie kann man die witzigen Dialoge in Gesang transformieren und dem Setting zwischen Straßenstrich und feinem Beverly Hills gerecht werden? Aber die wohl wichtigste Frage, die offen im Raum schwebte, war: Wer bitte soll an die bezaubernde Julia Roberts mit ihrem unnachahmlichen Lachen herankommen oder dem umwerfend charismatischen Richard Gere das Wasser reichen? Nun, diesem Druck waren sich auch die beiden Hauptdarsteller Patricia Medeen und Mark Seibert bewusst – und zeigten sich kurz vor der Premiere bescheiden lässig auf dem roten Teppich. Worauf sie an diesem Abend setzen? „Hoffentlich auf ein sehr gutes Publikum, das sich schön animieren lässt, das Lust auf Spaß hat, da freuen wir uns am meisten drauf! Wir werden alles geben, dass die Stimmung heute Abend kocht, auf jeden Fall“, versprach Mark Seibert alias Edward Lewis. Dann waren die beiden Schauspieler und Sänger auch schon hinter der Bühne verschwunden.

Spätestens kurz vor der Pause war der Vergleich mit Julia Roberts und Richard Gere vergessen

Das Lächeln und die Haarpracht von Patricia Meeden ließen die Skeptiker schnell verstummen und obwohl Mark Seibert auf den ersten Blick herzlich wenig mit Richard Gere gemeinsam hat, nimmt man ihm die Rolle des perfekten und unerreichbaren Gentlemans sofort ab – vielleicht sogar noch besser, weil er jünger und glatter wirkt als Richard Gere damals. Schnell ziehen die beiden neuen Versionen von Vivian und Edward die Zuschauer mit ihrer Präsenz und persönlichen Interpretation in den Bann, sodass der Vergleich mit den Filmvorbildern spätestens kurz vor der Pause in Vergessenheit gerät. Auch die Chemie zwischen den beiden stimmt. Auf der Bühne lastete der Druck auch gar nicht mehr auf den beiden Hauptdarstellern allein, denn in diesem leichten romantischen Stück haben auch die Nebenrollen ganz große Auftritte: So wird vor allem der kleine Hotelportier Giulio (Johnny Galeandro) mit Lachern und tosendem Applaus für seine schrägen Einlagen gefeiert oder für sein Tango-Tänzchen mit dem liebenswürdigen Hotelmanager Barney Thomspon (Paul Kribbe), der seinerseits viel feine Komik zeigt und große schauspielerische Momente hat. Aber auch Vivians beste Freundin Kit, gespielt von Maricel, beeindruckt als Power-Frau mit einer ebenso kräftigen Stimme.

Originalgetreues Outfit der Vivian. Foto: STAGE ENTERTAINMENT.

Emanziperte Pretty Woman trifft auf starken Traummann, der Gefühle zulassen kann

Pretty Woman – Das Musical. © STAGE ENTERTAINMENT

Auch die Rolle der Vivian erscheint fast dreißig Jahre nach dem Film etwas gereifter, frecher und selbstbewusster. Das steht ihr gut, immerhin wartet 2019 auch keine Frau mehr hilflos und mit traurigem Augenaufschlag auf den starken Prinzen auf dem weißen Pferd. Umgekehrt darf ein erfolgreicher, starker Mann wie Edward heute mehr Emotionen zeigen, was ihm sehr gut steht. Patricia Meeden überzeugt nicht nur optisch immer wieder aufs Neue – man kann gar nicht mehr mitzählen, wie oft sie in einem neuen fantastischen Outfit über die Bühne wirbelt – sondern auch gesanglich auf ganzer Linie.

Klar, die Texte sind, wie so typisch bei deutschen Übersetzungen aus dem Amerikanischen, etwas fad, aber das können die vielen schauspielerischen wie auch einige tänzerische Einlagen gut auffangen. Nicht zuletzt aber versetzt das schöne schrille Bühnenbild den Zuschauer zurück in die späten 1980er Jahre, in denen der Film spielt. Beverly Hills schillert dank Neon-Palmen und blinkender Leuchtreklame und die herrliche extravagante Mode begegnet einem detailgetreu wieder: Vivian trägt zu Beginn exakt den obszönen Einteiler mit dem weißen Hauch von Oberteil und dem blauen Minirock zu den schwarzen Lack-Overknees samt blonder Perücke, wie im Film.

Insgesamt hält sich das Musical haargenau an die Filmvorlage und dennoch – oder gerade deshalb – zünden die Gags. Die Darsteller schaffen es, sich von den großen Idolen zu lösen und ihren eigenen Esprit zu versprühen, auch wenn der Spannungsbogen und die Konflikte in dem Musical nicht ganz so stark ausgetragen werden wie auf der Kinoleinwand seinerzeit. So wirkt das Musical auf einige Zuschauer womöglich etwas zu rundum romantisch. Andere hingegen gehen beschwingt von kitschig schöner Unterhaltung und mit leichtem Herzen aus dem Saal und glauben zumindest für diesen Abend doch wieder an die große Liebe – willkommen in Hollywood, man sollte niemals aufhören, zu träumen!

 

Tina Klostermeier

Copy LinkCopy LinkShare on MessengerShare on Messenger
Zur Startseite