„Möchte gerade einfach nur nach Hause“: Eine Schleswig-Holsteinerin gibt Einblicke in ihr Londoner Leben

Romina Soltau ist vor eineinhalb Jahren aus Schleswig-Holstein nach London ausgewandert. Foto: Privat

Der scheinbar endlose Streit um den Brexit, eine mutierte und sich rascher ausbreitende Variante des Coronavirus – ganz Europa ist in heller Aufruhr und blickt in diesen Tagen nach England. Und eine will eigentlich nur weg von dort: Romina Soltau ist nach London ausgewandert, erkennt ihre einstige Traumstadt aber kaum noch wieder. Jetzt sitzt sie fest. 

Acht Jahre lang war es ihr großer Traum, nach London auszuwandern. Vor eineinhalb Jahren machte Romina Soltau aus Bad Segeberg dann Nägel mit Köpfen. Die Friseurmeisterin hat sich in Englands Hauptstadt ein neues Leben aufgebaut. „Ich liebe es hier, die Stadt ist einfach lebendig und so individuell. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt“, schwärmt die 28-Jährige. Momentan macht sich aber ein starkes Gefühl von Heimweh breit. Denn in London und großen Teilen Südostenglands gibt es seit Sonntag einen neuen, härteren Shutdown. Und die junge Frau kann nicht weg, selbst wenn sie wollte.

England ist in Warnstufen unterteilt

Mit einem dreistufigen Alarmsystem wollte man in England die starken Corona-Fallzahlen unter Kontrolle bringen. Je nach Risikograd – mittel, hoch oder sehr hoch – gelten dann verschärfte Maßnahmen. Statt drei gibt es nun aber künftig vier Warnstufen. In „Tier 4“ oder auf Deutsch „Stufe 4“ gilt: „Stay at Home“. London und weite Teile Südostenglands sind davon betroffen. Seit Sonntag dürfen Menschen in „Zone 4“ ihre Wohnungen nur noch aus triftigen Gründen verlassen. „Wir dürfen zum Supermarkt oder uns Medikamente besorgen“, berichtet Romina Soltau. Arztbesuche oder der Weg zur Arbeit und zurück sind ebenfalls erlaubt. Doch alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte und Einrichtungen sind eh geschlossen. Auch sie befindet sich als Friseurin – mal wieder – im Lockdown.

Mit Schutzausrüstung konnte die Bad Segebergerin bis vor kurzem noch als Friseurin in London arbeiten. Foto: Privat

Am Samstag war zunächst noch alles „normal“

Der Samstag habe für sie zunächst wie ein ganz normaler Tag auf der Arbeit begonnen. So normal er in Pandemie-Zeiten halt sein kann. Kund:innen hätten ihr dann nachmittags von den neuen verschärften Maßnahmen berichtet. „Ich konnte und wollte das erst gar nicht glauben“, sagt die Bad Segebergerin. „Wir wollten doch noch bis Dienstag arbeiten und uns danach in den Weihnachtsurlaub verabschieden. Samstag haben wir dann noch Überstunden eingelegt, um noch so viele Kunden wie möglich bedienen zu können.“ Am Sonntag war dann Schluss, der Salon wurde geschlossen. Als sie nachts mit dem Taxi in ihr kleines WG-Zimmer zurückfuhr, habe sie immer wieder Familien beobachten können, die hektisch ihre Autos mit Koffern beluden. Auch der Taxifahrer berichtete ihr von ungewöhnlich vielen Fahrten zum Flughafen. „Das war gruselig, wie in einem Zombie-Apokalypse-Film. Alle wollten nur noch weg und raus aus der Stadt.“

„Christmas bubbles“ nicht für Zone 4

Wer Zone 4 nicht fluchtartig in der Nacht zu Sonntag verlassen hat, sitzt nun also fest. So wie Romina Soltau. Niemand darf die Region mit der höchsten Warnstufe verlassen oder einreisen. Jetzt, so kurz vor Weihnachten, besonders bitter. In den anderen drei Warnstufen darf man nun zumindest am 25. Dezember eine sogenannte „Christmas bubble“ oder „Weihnachtsblase“ bilden. Maximal drei Haushalte dürfen demnach Weihnachten zusammen feiern. Für Einwohner:innen der Zone 4 ist das nicht mehr erlaubt. „Ich werde Weihnachten wohl oder übel mit meinem Mitbewohner verbringen“, seufzt die 28-Jährige. Weihnachten in der Heimat habe sie sich eh schon abgeschminkt. Nach der Drei-Haushalte-Regel sollte es ein kleines Fest mit ihrem Freund und einer deutschen Arbeitskollegin werden. Jetzt gibt es nur sie und eine Flasche Rum – immerhin aus Schleswig-Holstein mitgebracht.

Auch in England wird das Klopapier gehamstert und führt zu leeren Regalen im Supermarkt. Foto: Privat

Klopapier wird auch in England gehamstert

Dass viele EU-Staaten, darunter z.B. Frankreich, die Grenzen zum Vereinigten Königreich geschlossen haben, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Britische Verbände fürchten Versorgungsengpässe. „Die Einstellung des begleiteten Güterverkehrs von Großbritannien nach Frankreich kann die Versorgung mit frischen Lebensmitteln für Weihnachten in Großbritannien ernsthaft stören“, sagt Ian Wright, Chef des Verbands der Lebensmittel- und Getränkehersteller FDF. Auf Hamsterkäufe solle dennoch verzichtet werden. „Ich werde jetzt nicht übertrieben einkaufen, gehe aber trotzdem heute noch mal los und besorge mir vor allem länger haltbare Lebensmittel“, sagt Romina Soltau. Ihre Freunde in London würden es ähnlich halten. Übrigens: Nicht nur wir Deutsche hamstern Klopapier – auch in England seien die Regale immer wieder leer. Das kann ja auch eine Art Heimatgefühl sein.

„Ich weiß nicht, wie lange ich finanziell noch durchhalte“

Ob sie es trotzdem noch einmal genauso machen würde? „Ja, natürlich. Ich hatte diesen Traum so viele Jahre. Und ich liebe diese Stadt eigentlich von Herzen. Im Moment fühlt sich zwar alles einfach nur kalt und leblos an, aber das ist ja nicht Londons Schuld“, sagt uns Romina Soltau. Das Ganze ist aber auch eine Frage des Geldes. Zuvor Kurzarbeit, nun die erzwungene Arbeitslosigkeit, einen Kredit habe sie schon aufnehmen müssen. Das Leben in London ist teuer. „Es ist echt schwer gerade. Ich weiß nicht, wie lange ich das finanziell alles noch schaffen kann.“ Auch das Wort „Brexit“ spukt in ihrem Kopf und den Köpfen vieler Engländer:innen, sorgt immer wieder für Bauchschmerzen. „Man weiß ja einfach nicht, was kommt. Wird vielleicht alles noch teurer?“ Dass einige der älteren Kund:innen aber bereits von ihren Impfungen berichtet haben, macht der jungen Frau Hoffnung. Dass das Leben wieder normal werden wird und sie zurück in ihr geliebtes Schleswig-Holstein kann – wenn auch nur zu Besuch.

 

Gloria Saggau 

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