„Vergiss Mein Nie“: Deutschlands erste Agentur für Trauerberatung und Erinnerungen

Thema am 30.01.2018
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Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Aber wie soll man einen Verlust verarbeiten können, der so groß ist, dass manch einer sich ihn nicht einmal vorstellen möchte? Wenn man das eigene Kind beerdigen muss, zum Beispiel. Die Hamburger Agentur „Vergiss Mein Nie“ möchte in dieser schweren Zeit der Trauer – oder auch schon davor – helfen, beraten und begleiten. Deutschlandweit sind die Inhaberinnen Madita van Hülsen und Anemone Zeim die Ersten, die eine Agentur für Trauerberatung und Erinnerungsstücke eröffnet haben. Ganz nach dem Motto: „Mehr Wissen macht weniger Angst“. In Einzelcoachings, Workshops oder kreativen Bastelstunden in ihrer Erinnerungswerkstatt wollen sie dem Tod etwas entgegensetzen: das Leben. 




Wer trauert, hat Angst, den geliebten Menschen zu verlieren – besonders wenn es einem selbst irgendwann wieder etwas besser geht. Man selbst kann sich schließlich immer noch weiterentwickeln – der Verstorbene nicht. Erinnerungen helfen jedoch dabei, die geliebte Person eben nicht zu vergessen. Erinnerungen halten lebendig. Andenken an den Verstorbenen können den Hinterbliebenen Kraft geben. Eine Energie, die über schwere Stunden hinweghilft und an dunklen Tagen Wärme spendet. Jedes in der agentureigenen Werkstatt gestaltete Erinnerungsstück ist ein Unikat, denn es soll dem Leben und Charakter der verstorbenen Person entsprechen. 

Nicht jeder Trauernde braucht per se einen Trauerbegleiter. Wer gute Freunde oder Verwandte hat, die einen auffangen oder wer selbst über eine innere Stärke verfügt, auf die er oder sie zurückgreifen kann, braucht im Normalfall keine Agentur als Unterstützung. Doch Trauer ist kein Normalfall – es ist der Ausnahmezustand. Selbst für vermeintlich sehr starke Menschen. Die Welt steht Kopf, das ganze Leben wurde durcheinander gewirbelt. Und nicht jeder hat das Glück, ein derart stabiles Umfeld zu haben.

Es kann aber auch passieren, dass vermeintlich gute Freunde plötzlich keine mehr sind. Auf einmal rufen sie nicht mehr an, laden einen nicht mehr ein und Menschen wechseln sogar die Straßenseite, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Trauernden umgehen sollen. Und mit wem soll man dann über seine Gefühle sprechen, wenn das soziale Netz wegbricht? In diesem Fall sind Agenturen wie Vergiss Mein Nie dann durchaus sinnvoll. Fremde, objektive Personen, die wirklich – auch zwischen den Zeilen – zuhören. Und die Kontrolle sowie Mut geben können, dass man mit der Trauer irgendwann alleine umgehen kann. Sie wird nie weggehen, Trauer wird sich nur verändern, aber nach einer Zeit kann man es schaffen, auch ohne fremde Hilfe damit klarzukommen. 



Aber nicht nur für den Trauernden selbst, auch für das Umfeld verändert sich schlagartig alles. Wie soll man mit der jeweiligen Person umgehen? Was braucht er oder sie? Der Tipp der Trauerbegleiterinnen: einfach keine Erwartungen haben. Es geht nicht darum, die perfekten Worte oder das perfekte Geschenk zu finden, sondern darum, Zeit miteinander zu verbringen – das kann auch schweigend geschehen. Und auch hier gilt wieder, dass man nicht die Erwartung haben sollte, dass es dem Trauernden danach unbedingt besser gehen muss. Für diejenigen, die dennoch etwas Materielles überreichen möchten, haben Madita van Hülsen und Anemone Zeim die sogenannte Trauerbegleitung „in a Box“ entwickelt. Das Paket enthält Material und Wegweiser wie beispielsweise ein Tagebuch oder eine Wutkapsel, die auf der Reise durch die Trauerlandschaft helfen können. 


Foto: Vergiss Mein Nie 

Alles in allem ist das Reden über den Tod und der Umgang mit dem Thema in Deutschland zu einer Art Tabu geworden. In anderen Kulturen oder anderen Ländern sieht das komplett anders aus. Ein Beispiel ist der „Día de los Muertos“ in Mexiko: ein Tag, an dem der Toten einmal im Jahr mit einem bunten Fest und geschmückten Straßen gedacht wird. Man kann im Endeffekt niemandem vorschreiben, wie er oder sie trauern sollte, doch die beiden Agentur-Inhaberinnen würden sich wünschen, dass die Menschen hierzulande sich auch einfach wieder mehr mit dem Thema Tod beschäftigen. Natürlich nicht von morgens bis abends und auch nicht täglich – doch je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto weniger hart trifft es einen möglicherweise am Ende. 


Gloria Saggau

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