Kreativität ist gefragt: Alternative Ideen für Unternehmen in Zeiten von Corona

Die Niedersächsische Landesregierung hat am Montagabend die Schließung eines Großteils der Geschäfte angeordnet. Der Erlass galt ab Dienstagmorgen, 6 Uhr. Gleiches galt für Hamburg. Bremen und Schleswig-Holstein zogen mit Schließungen ab Mittwochfrüh nach. Bremerhaven kam Donnerstag hinzu.

Viele Unternehmen leiden enorm unter den Einschränkungen des Coronavirus. Hier sind Existenzen von Menschen bedroht. Arbeitnehmer bangen um ihren Arbeitsplatz, Arbeitgeber hoffen, dass eine Insolvenz ausbleibt und sie, wenn die Krise irgendwann vorbei ist, wieder auf die Füße kommen. Lang herbeigesehnte, endlich wahr gewordene Träume von der eigenen Selbstständigkeit zerplatzen auf einmal wie Seifenblasen. Betroffene sind wie gelähmt, können nichts dagegen tun. Das Gemeinwohl steht jetzt einfach über allem und jeder einzelne von uns ist dazu angehalten, so wenig sozialen Kontakt wie möglich zu anderen zu pflegen.

Aus der Not eine Tugend machen

Doch es gibt auch Unternehmen, deren Kreativität durch die Krise erst geweckt wird. Die Auswirkungen, die das sich verbreitende Virus mit sich bringt, könnten auch Chancen bieten für Unternehmen und Institutionen. Chancen zur Innovation, zur Neuaufstellung des eigenen Betriebs beispielsweise. Unternehmerisches Denken ist gefragt, kreative Lösungen und frische Ideen, die auch nach der Pandemie noch Bestand haben und die eigene Firma vorantreiben könnten.
Es geht darum, aus der Not, die uns alle betrifft, eine Tugend zu machen, wirtschaftliche Pleiten oder enorme Einbußen irgendwie abzuwenden, das eigene Geschäftsmodell an die derzeitigen Anforderungen anzupassen. Auch wenn das sicher nicht jedes Unternehmen so handhaben kann.

In Zeiten der Corona-Krise sind unternehmerisches Denken und alternative Ideen gefragt. Foto: Pixabay

Einzelhändler setzen nun vermehrt auf Telefon und Online

Ruth König hat sich mit ihrem Laden in der Kieler Altstadt vor 24 Jahren auf klassische Musik spezialisiert. Sie verkauft dort gemeinsam mit ihrem Angestellten CDs, Schallplatten, Konzert-DVDs und Blu-Rays, Bücher, aber auch Konzert-Tickets für größere und kleinere Veranstaltungen.
Seit Mittwoch hat sie ihren Laden nun geschlossen, die Miete und laufende Kosten aber müssen weiter gezahlt werden. Im Schaufenster finden Kunden nun einen Aushang: „Wir sind für Sie da“, steht darauf. Ruth König setzt in Zeiten des Coronavirus auf ihre Homepage, auf Bestellungen per E-Mail oder das altbewährte Telefon – und das läuft ganz gut: „Ich habe wirklich gut zu tun und bin die ganze Zeit am Päckchen packen.“ Auch beraten muss die 74-Jährige nun am Telefon: „Das ist wiederum gar nicht so einfach. Normalerweise können sich die Kunden die Stücke bei uns im Geschäft anhören. Dieser Service fällt nun weg.“
Umsatzeinbußen muss die Klassik-Liebhaberin trotzdem hinnehmen. Dass die Laufkundschaft fehle, merke man doch. Aber dennoch federt die Online-Alternative einiges vom Umsatz-Rückgang ab: „Gerade in diesen Zeiten wollen die Leute doch schöne Musik hören.“

Ruth König berät ihre Kunden momentan telefonisch und per E-Mail. Foto: Ruth König

Restaurants entwickeln alternative Ideen

Mancherorts im Norden dürfen sie noch von 6 bis 18 Uhr geöffnet haben, beispielsweise in Hamburg oder Niedersachsen. In Schleswig-Holstein aber wurde der reguläre Restaurantbetrieb nun komplett eingestellt.
Viele Restaurants sehen auch bei der ersten Variante schon große Probleme, da die anfallenden Kosten beim Offenhalten des Geschäfts jegliche Einnahmen übersteigen. Im ganzen Norden setzen Restaurants deshalb vermehrt auf Lieferdienste oder Abholstationen.
Die Küchenfreunde in Hamburg bieten ihren Mittagstisch nun fertig vakuumiert und „to go“ an.
Das Restaurant BUTZ in Schürsdorf im Kreis Ostholstein hat den Betrieb auf Lieferservice umgestellt. Hinzu kommt, dass Betreiber Sebastian Boye nicht nur sein eigenes Essen liefert, sondern auch Waren anderer Unternehmer. Zum Beispiel die des benachbarten Blumenladens. Große Gärtnereien oder Gartencenter in Baumärkten dürfen offen bleiben, das kleine Blumengeschäft jedoch nicht. Also hat man sich an der Ostsee kurz entschlossen zusammengetan und bringt neben dem Candlelight-Dinner auch gleich noch einen hübschen Frühlingsstrauß für die Frau oder Freundin vorbei.

Eine Lieferung unterschiedlicher Blumensträuße Foto: Unsplash

Inhaber Carlos Martinez hat sein spanisches Lokal, das Muchos Más, in Bremen kurzerhand in einen spanischen Supermarkt umgewandelt. Dort bekommen die Kunden Chorizo und Co. nun nicht mehr frisch zubereitet in kleinen Tapas-Schälchen, sondern im Stück und als Ganzes für den Verzehr zu Hause. Wer auf Tapas-Schälchen nicht verzichten mag, kann diese gleich noch dazu kaufen. Nur Toilettenpapier, das gibt es bei Carlos nicht. „Spanien nach Norddeutschland bringen“ – das war Carlos’ Traum, den er sich 2016 erfüllte und den er sich durch den Virus nicht kaputt machen lassen will.
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Fitnessstudios weiten ihr Angebot online aus

Mit als erstes wurden im ganzen Norden die Fitnessstudios geschlossen. Kein Wunder, denn dort ist die Ansteckungsgefahr durch die Verbreitung von Schweiß und das Benutzen derselben Geräte von vielen, unterschiedlichen Sportlern deutlich höher als anderswo. Doch die Fitnessstudios reagieren und stellen, wie beispielsweise das Meridian Spa und Fitness, einen Teil ihres Angebots nun online zur Verfügung. Dafür werden eigens Videos fürs Web und die Social-Media-Kanäle produziert und den Usern – ob Mitglied oder nicht – kostenlos zur Verfügung gestellt.
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Neues Gutscheinportal für Hannoveraner Unternehmen

Unter dem Namen STOYL – Save the ones you love – wurde eine Website ins Leben gerufen, über die Gutscheine für Restaurants, Bars, Cafés, öffentliche Einrichtungen oder Einzelhandelsunternehmen erworben werden können. Sobald die Schließungen der Geschäfte aufgehoben werden, können diese Gutscheine jederzeit eingelöst werden. Die erwirkten Umsätze werden aber schon sofort nach Erwerb eines Gutscheins weitergeleitet, um zu einer finanziellen Entlastung in dieser Phase beizutragen.

Theater streamen ihre Programme live ins Netz

Mit dem Verbot von größeren Veranstaltungen und Versammlungen gingen auch die Schließungen der norddeutschen Theater, Showbühnen, Konzert- und Musicalhäuser einher. Nicht nur die Betreiber haben Angst vor den Auswirkungen, wenn kein Programm mehr stattfinden kann, vor allem den freischaffenden Künstlern, Schauspielern und Sängern könnten die abgesagten Veranstaltungen zum Verhängnis werden. Um sie zu unterstützen, wurde eine sehr erfolgreiche Online-Petition gestartet.

Online Petition zur Hilfe für freischaffende Künstler während der Corona-Krise Foto: SAT.1 REGIONAL

Die Künstlerinnen und Künstler des Hamburger Schmidt Theaters stehen derweil weiter auf der Bühne – allerdings nicht vor großem Publikum. Das Ensemble rund um Corny Littmann hat sich dazu entschlossen, die abendlichen Shows live ins Netz zu streamen. Seit Dienstagabend leitet Travestie-Künstlerin Elke Winter durch das kostenlose Online-Programm. Zuschauer können online – wenn sie unterstützen möchten – Gutscheine vom Schmidt Theater für mindestens 4,99 Euro erwerben, die dann später, sobald die Bühnen wieder eröffnen dürfen, eingelöst werden können.
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Zahlreiche deutsche Musiker, unter ihnen ganz große Stars wie Johannes Oerding, Max Giesinger und Co. haben sich zusammengetan und geben am kommenden Sonntag ein großes Live-Konzert via Social-Media-Plattform Instagram. Das Festival findet unter dem Motto „Wir bleiben zu Hause“ statt und soll zum einen auf die Misere der kleineren Kunstschaffenden aufmerksam machen, die ihre Tourneen und Konzerte absagen mussten. Zum anderen wollen die Künstler auf den wichtigen Aspekt hinweisen, dass die schnelle Ausbreitung des Coronavirus nur dann gestoppt werden kann, wenn wir alle an einem Strang ziehen und unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren. #socialdistancing

Kirchen und Gemeinden gehen neue Wege

Und auch die religiösen Gemeinden, egal welchen Glaubens, gehen neue Wege. Und zwar ins Netz. Für viele Menschen ist der Gottesdienst in diesen Zeiten besonders wichtig. Er gibt ihnen Halt, auch durch die Verbundenheit mit anderen Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft. Doch größere Veranstaltungen sind untersagt. So haben sich nun viele Kirchen, Synagogen und Moschen in ein ihnen zumeist eher unbekanntes Terrain gewagt. Auch die digitale Seelsorge beispielsweise via Videochat ist ein Angebot vieler Gemeinden.

Die Kirche von zu Hause wird für viele Gläubige zur Alternative. Nicht nur während der Corona-Krise.
Vielleicht finden Unternehmen und Institutionen ein wenig Inspiration oder Anregungen in diesen mutigen Beispielen des Sich-neu-Erfindens, von denen es noch unzählige weitere im Norden gibt. Und vielleicht dienen sie sogar als Vorbild für andere.

 

Andrea Marie Eisele

#stayhomechallenge: Wenn die Selbstbeschäftigung zur Zerreißprobe wird

#NachbarschaftsChallenge: Wie Menschen in der Coronavirus-Krise auf andere Weise zusammenrücken

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