Kann ich online wirklich meinen Traumpartner finden?

Am 24. Juli ist Tag der virtuellen Liebe. Denn in der heutigen Zeit ist Online-Dating etwas vollkommen Normales geworden. Oder? Kann man im Netz überhaupt die große Liebe finden und wie stellt man’s am besten an? Wir haben zwei Experten gefragt, die es wissen müssen: Olaf Schwantes, Paartherapeut und Beziehungscoach aus Hannover, selbst geschieden und momentan Single sowie Nina Deißler, Deutschlands Flirtexpertin und Liebescoach Nr. 1 aus Hamburg, selbst seit 2008 verheiratet. Ihren Mann hat sie übrigens online kennengelernt. 

Frage 1: Gibt es die virtuelle Liebe überhaupt?

Das sagt Nina Deißler: Von Liebe möchte ich da nicht sprechen. Liebe ist ein Zustand zwischen zwei Menschen, der entsteht und wächst, wenn diese Zwei wirklich ein Leben miteinander führen. Verliebtheit, die Faszination für jemanden, obwohl man ihn oder sie noch gar nicht kennt, das gibt es schon, aber das sind wie verschiedene paar Schuhe. Ich habe es aber selbst erlebt: Meinen heutigen Ehemann habe ich auch im Internet kennengelernt. Beim zweiten Date hat er mir einen Heiratsantrag gemacht.

Das sagt Olaf Schwantes: Erst einmal muss man sich die Frage stellen: Was versteht man unter der virtuellen Liebe? Wenn es um das Kennenlernen geht, definitiv. Wenn es um das virtuelle Leben und Lieben geht, dann nicht wirklich. Das ist auch die Erfahrung meiner Arbeit: Nur bei einer Begegnung im realen Leben können Berührungen stattfinden. Eine Mischform kann ich mir aber vorstellen, damit alle Sinneskanäle angesprochen werden können.

Frage 2: Warum greifen gefühlt immer mehr Menschen zu Online-Partnerbösen, anstatt im realen Leben jemanden kennenzulernen?

Liebescoach und Autorin Nina Deißler aus Hamburg. Foto: Marius Bauer

Das sagt Nina Deißler: Online-Partnerbörsen sprechen zwei Dinge in uns an: unser Sicherheitsbedürfnis und unsere Faulheit. Die Online-Börse gaukelt einem vor, dass man nur Menschen trifft, die auch einen Partner suchen. Das Risiko für einen „Korb“ ist geringer. Das bedient unseren Wunsch nach Sicherheit, nach Kontrolle. Das nimmt vielen Menschen die Ängste. Die Verlockung ist da, eine Million mögliche Partner in der Jogginghose auf dem Sofa finden zu können. Es ist sehr bequem. Bei „Tinder“ zum Beispiel gibt es nur positive Meldungen. Man bekommt nicht mit, wenn man abgelehnt wird, sondern nur, wenn es ein „Match“ gibt. Und gerade für Männer ist es sehr viel schwieriger, einen Korb wegzustecken.

Das sagt Olaf Schwantes: Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen der Zeitfaktor: Wo begegne ich Menschen heutzutage überhaupt noch? Dating-Plattformen sind dabei eine gute erste Anlaufstelle. Ein Stück weit ist die Auswahl dort schon vorselektiert und man setzt sich überhaupt erst einmal damit auseinander, was man eigentlich will. Was für einen Partner möchte ich und was für eine Art Beziehung? Das Leben und die Menschheit insgesamt haben sich ja verändert – es ist eine Entwicklung, viele Menschen verbringen heute ihre Zeit online. Ich sehe es als Ergänzung, wie man einen Menschen, den man lieben möchte, auch anders kennenlernen kann. Und man kann ja trotzdem noch Menschen in der U-Bahn oder im Kino kennenlernen.

Frage 3: Welche Vorteile bietet denn Online-Dating?

Das sagt Nina Deißler: Der Vorteil ist definitiv, dass man Menschen trifft, die man im realen Leben möglicherweise nie getroffen hätte. Gerade auch für Alleinerziehende ist Online-Dating ein Segen, denn sie würden sich eigentlich lieber viel häufiger treffen, als sie es zeitlich organisieren können. Außerdem kann man im Internet gut „üben“. Aufgrund der großen Auswahl dort bekommt man die Möglichkeit, sich auszuprobieren.

Olaf Schwantes, Beziehungs-Coach für starke Beziehungen aus Hannover.

Das sagt Olaf Schwantes: Ich beobachte es häufig – auch bei vielen Paaren in meiner Praxis – dass sich Menschen gar nicht mehr damit auseinandersetzen, was sie überhaupt wollen. Es findet ein viel bewussterer Umgang statt. Und wenn die Profile ernst gemeint sind, hat man online eine viel größere Chance, etwas über den Menschen zu erfahren als im realen Leben bei einem ersten Treffen. Größter Vorteil: Alle auf einer Dating-Plattform haben das gleiche Interesse und man kann sich erst einmal behutsam umschauen. Die Angst vor Ablehnung ist außerdem nicht zu unterschätzen. Den ersten Schritt zu machen und unter Umständen einen Korb zu riskieren – das alles ist online leichter und leichter zu verkraften als im realen Leben.

Frage 4: Welche Nachteile hat das virtuelle Flirten?

Das sagt Nina Deißler: Es gibt einen massiven Nachteil. Wir Menschen funktionieren so, dass wir den Wert von etwas daran messen, wie aufwendig unsere Bemühungen dafür sein mussten. Wenn es leicht war, ist die Wertschätzung für den Kontakt am Ende sehr gering. Und natürlich: Alle Menschen im Internet lügen. Alle.

Das sagt Olaf Schwantes: Sich immer die Frage stellen zu müssen: Ist es ein Fake Account, ist das Profil geschönt oder ist das, was die Person da von sich preisgibt, echt? Es ist ein Zeitaufwand und es kann überfordern, weil die Auswahl online viel größer ist. Und wenn es um das Thema „Matching“ geht, verlasse ich mich auf einen Algorithmus, statt auf die eigene Chemie. Zuletzt hat man auf einer Plattform zwar das gleiche Interesse, aber nicht zwangsläufig die gleiche Absicht. Das kann einem im realen Leben natürlich auch passieren, ist beim Online-Dating aber vielleicht häufiger der Fall.

Frage 5: Wie finde ich denn nun die große Liebe?

Das sagt Nina Deißler: Grundsätzlich ist Online-Dating ein Weg. Gerade die, die im echten leben kontaktfreudig und eloquent sind, haben dabei Erfolg. Es geht aber immer darum, dass wir unsere sozialen Kontakte ausbauen. Wenn wir Menschen kennen, die Menschen kennen, die Menschen kennen, usw. ist die Chance viel größer, als online die große Liebe zu finden. Online-Dating wirkt so effizient, aber in der Liebe geht es nicht um Effizienz, sondern um das Teilen von Erfahrungen und darum, sich selbst besser kennenzulernen. Partnerschaft ist das beste Tool zur Persönlichkeitsentwicklung, das es gibt. Man sollte einfach ein Leben führen, bei dem ein anderer gerne dabei sein wollen würde.

Das sagt Olaf Schwantes: Online-Dating ist eher etwas für beziehungserfahrenere Personen und nichts für die erste Beziehung. Man muss sich selbst einfach im Klaren sein, was man will, sich dem Partner öffnen und Kompromisse eingehen können. Wenn man aber weiß, welche Punkte einem selbst wichtig sind, kann man sich zusammen weiterentwickeln. Man sollte sich nicht verkrampfen, Lust haben, den Partner zu entdecken und sich Zeit geben, herauszufinden, ob es wirklich passt. Man kann die große Liebe online finden, aber ohne den realen Kontakt fehlt einfach etwas.

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