Greifvogel „Egbert“ sichert den Hamburger Flughafen aus der Luft

Mit seinem gebogenen, spitzen Schnabel, seinen Krallen und seinen stechenden Augen ist Egbert der Schrecken der Krähen auf dem Hamburger Flughafen. Der ein Jahr alte Amerikanische Wüstenbussard sitzt bei seinen Einsätzen zunächst auf dem Arm von Herbert Boger. Der Falkner hält das schwarz-braun gefiederte Männchen mit dünnen Lederbändchen an den Füßen fest. Lässt er den Greifvogel los, attackiert Egbert Krähen, Möwen, Tauben und andere Vögel, die den Flugverkehr gefährden.

Falkner Herbert Boger mit seinem amerikanischen Wüstenbussard «Egbert» am Hamburger Flughafen. Foto: Bodo Marks/Archivbild

Viele Tiere gewöhnen sich an den Fluglärm und leben im Flughafen-Gebiet

Der Flughafen ist die größte Grünfläche Hamburgs, sagt Flughafenförster Markus Musser. Viele Tiere gewöhnten sich an den Fluglärm und lebten dann weitgehend ungestört abseits der Start- und Landebahnen. Am Boden halten zwei Fuchsfamilien die sich vermehrende Fauna in Schach. Doch in der Luft bewegen sich Hunderte Krähen oder Möwen ungehindert und stellen eine Gefahr für Flugzeuge dar. Gerät ein Vogel in ein Triebwerk, wird es teuer. Allein die Verzögerung des Fluges und die Begutachtung des Schadens kosteten schnell 10.000 bis 15.000 Euro, sagt Musser. Muss das Triebwerk getauscht werden, kann ein Millionenbetrag fällig werden. 35 Vogelschläge, also Kollisionen zwischen Flieger und Vogel, zählt der Hamburger Airport pro Jahr. In den sozialen Netzwerken teilt der Flughafen auch manchmal die tierischen Flugobjekte:

Um die Vögel zu vertreiben, setzen Hamburg und andere Flughäfen Pyrotechnik ein. Doch die Knaller schrecken die Vögel nur kurz auf. Egbert arbeitet sehr viel nachhaltiger. Der Wüstenbussard jagt den Krähen einen solchen Schrecken ein, dass sie für zwei bis drei Tage das Weite suchen, sagt Boger. Der Greifvogel ist so effektiv, weil er etwas darf, was Menschen im Normalfall nicht dürfen: Vögel töten. Das soll der Wüstenbussard zwar auch nicht, aber ab und zu greift er sich eine Krähe, wie Boger sagt. Nur so merken die intelligenten Vögel, dass es dem Wüstenbussard ernst ist.

Die Idee, Greifvögel „einzustellen“ findet Nachahmer an vielen Flughäfen

Am Hamburger Flughafen ist Boger mit seinen Greifvögeln seit sieben Jahren im Einsatz. Die Idee, den Falkner anzuheuern, sei aus der Not heraus geboren, sagt Flughafenförster Musser. Es sei verboten worden, die Vögel mit Waffen zu jagen. Nur in Ausnahmefällen dürften noch Gewehre eingesetzt werden. «Wir suchten händeringend nach einer neuen Methode.» Ein befreundeter Tierarzt habe den Tipp mit dem Falkner gegeben.

Die Verwirklichung der Idee war nicht einfach. Die Vogeljagd per Vogel brauchte viele Genehmigungen, von der Deutschen Flugsicherung und anderen Behörden. Egbert hat natürlich auch eine Arbeitserlaubnis, nämlich ein „permit“ nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen Cites, erklärt Musser. Egbert und seine gefiederten Kollegen sind so erfolgreich, dass inzwischen auch die Flughäfen von Bremen, Köln/Bonn und Düsseldorf mit Falknern kooperieren. Auch Airports im Ausland wie Barcelona, Prag oder Warschau ließen ihren Luftverkehr von Greifvögeln schützen, sagt Musser.

Hohe Einsatzbereitschaft bei Tier und Mensch

Boger muss bei seinem Job eine hohe Einsatzbereitschaft zeigen. Zweimal die Woche lässt er seine Wüstenbussarde und Falken auf dem Airport fliegen, bei jedem Wetter. Doch das reicht nicht immer. Wenn die Wiesen gemäht werden, sind manchmal große Schwärme von Krähen da. Bei Gefahr im Verzug muss der Falkner ganz schnell vor Ort sein. Boger setzt dann zwei oder drei seiner Vögel ins Auto und fährt zum Flughafen. Die Greifvögel dürfen vor der Jagd nichts gefressen haben, denn ein sattes Tier jagt nicht. Ein Wüstenbussard, der gerade eine Krähe erwischt hat, ist übrigens für vier Tage satt. Aber das soll eigentlich nicht passieren. Er soll nur anjagen und auf diese Weise die Vogelschwärme verscheuchen. „Vergrämung, das ist das Entscheidende“, erklärt Boger. Der Falkner hat fiederig-blutige Fetzen von Tauben- und Hühnerfleisch in seiner Umhängetasche. Damit lockt er den Greifvogel auf seinen Arm zurück und belohnt ihn.

Egbert fliegt an diesem sonnigen, aber windigen Tag keine Attacke. Dass er es könnte, steht außer Frage. Elegant gleitet der Vogel mit einer Flügelspannweite von knapp einem Meter durch die Luft und lässt sich in der Nähe im Gras nieder. „Das ist ein reiner Kurzstreckenflieger“, erläutert Boger. Ein Wüstenbussard warte normalerweise in Sträuchern und Bäumen auf seine Beute. Dann komme er überraschend aus der Deckung und greife noch in der Luft an. Zur Sicherheit trägt Egbert einen Peilsender im Schwanzgefieder, falls er doch mal auf Abwege geraten sollte. Der Falkner ist sich sicher, dass die Krähen auch den wenig spektakulären Einsatz von Egbert bereits bemerkt haben. Richtig aufscheuchen will er die Vögel an diesem Tag nicht, denn eine der beiden Start- und Landebahnen darf im Moment gern als Rückzugsgebiet dienen. Sie wird erneuert, die Flugzeuge können sie im Moment nicht nutzen.

 

dpa/lno

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