Eine Chance für die Liebe? Dating-Alternativen in der Coronavirus-Isolation

Das erste Date im Park? Gemeinsam ein Eis essen? Eine zufällige Berührung der Hände beim Nebeneinanderhergehen? Schüchtern lächelt sie ihn an, zwinkert ihm zu. Diese besondere Spannung liegt in der Luft.

Anderes Paar, anderer Ort. Date im Kino: Sie geht in die Offensive. Nichts mit zufälliger Berührung, als beide in die Popcorntüte greifen, nein. Das Licht geht aus, die Kinowerbung beginnt – mal mehr, mal weniger lustig. Noch bevor der Film anfängt, liegt ihre Hand auf seinem Oberschenkel, wandert hoch…

Gemeinsam Lachen beim ersten Date Foto: Pricilla du Preez

Das ist aus gegebenem Anlass gerade nicht möglich: keine „richtigen“ Dates, nicht das vertraute Kennenlernen, sich „beschnuppern“, ausprobieren, kein romantisches Dinner, kein unverbindlicher Sex. Das alles fällt weg und muss auf andere Art erlebt werden. Die soziale Isolation stellt Singles und Menschen auf der Suche nach Dates vor neue Herausforderungen.

Nie war es so wichtig, gemeinsam allein zu sein, wie heute. Die Ironie des Ganzen ist, dass Singles auch noch nie so viel Zeit hatten, sich auf Tinder und Co. umzuschauen.

Digitale Nähe in Zeiten von #socialdistancing? Wie soll das funktionieren?

Das Daten entschleunigen

Vielleicht ist die Zeit sozialer Distanz aber auch perfekt, um sich auf Altbewährtes zu besinnen. Im heutigen Date-Alltag geht alles sehr schnell. Es wird geswipet, nach rechts und links, ja, nein. Likes und Dislikes werden neben dem Seriengucken vor dem Fernseher, bei der Arbeit oder auf der Toilette (ein ziemlich unappetitlicher Gedanke) vergeben. Alles geht schnell, einfach und läuft nebenher. Was sich vor einigen Jahren schon beim klassischen Fernsehen abzeichnete, zeigt sich heute beim Dating: Lovoo & Co. sind Nebenbeimedien, denen wir keine wirkliche Aufmerksamkeit mehr schenken.

Getindert wird nebenbei. Auf dem Laptop die Serie, in der Hand vielleicht schon das nächste Date. Foto: Beispielbild

Wenn es matcht, folgt eine kurze Konversation, um abzuchecken, worauf es der andere abgesehen hat und dann das erste Date, oftmals geht es dabei um den schnellen Sex. Doch STOPP! Das ist aufgrund der vorherrschenden Kontaktverbote gerade nicht möglich. Schalten wir also einen Gang zurück und gehen das Ganze etwas langsamer an. Die soziale Distanz, die uns wegen oder dank des Coronavirus auferlegt wurde, bürgt die Chance in sich, das all zu schnelle Daten wieder etwas zu entschleunigen.

Wir hatten also noch nie so viel Zeit, um auf Dating-Portalen, ob mobil oder am PC, unterwegs zu sein. Wir können uns also ganz getrost mehr Zeit beim Durchstöbern der einzelnen Profile lassen. Und wenn es dann passt, können wir uns längeren Konversationen widmen, ausführlicher und häufiger schreiben, denn Eile besteht nicht, ein Treffen ist erst einmal nicht in Sicht. Gespräche werden tiefsinniger, sind getragen von dem Wunsch nach emotionalem Austausch in einer Situation, in der gerade jeder von uns gleichermaßen steckt. „Wer hier aufmerksam und gefühlvoll vorgeht, hat vermutlich bessere Chancen, denn je“, weiß Dating Coach Nina Deißler aus Hamburg.

Es bleibt also mehr Zeit für das Tuning. Und wer sich jetzt fragt, was das heißt, dem sei erklärt: Tuning nennt sich in der Datingsprache die Phase des Flirtens, bevor man sich datet. Klar, oder?

Dating Coach und Expertin in Liebessachen: Nina Deißler mit ihrem neuen Buch Foto: Nina Deißler

Eine Chance für die Liebe?

So lernen wir uns aus der Distanz besser kennen. Vielleicht telefonieren wir mal. Dann kommt das erste Video-Date. Zusammen einen Kaffee trinken oder lieber kochen? Und irgendwann, wenn das alles hier vorbei ist, treffen wir uns, stehen uns gegenüber, wissen schon, worüber der andere lacht und lernen uns noch einmal auf eine ganz andere Weise kennen.

Was vorher die Suche nach dem schnellen Sex-Date war, wird jetzt vielleicht wieder mehr die Suche nach einem echten Partner. Eine Chance für die Liebe?

Die Expertin für die Partnersuche, Nina Deißler, erkennt in der aktuellen Dating-Situation noch weitere Chancen für Singles: „Zum einen merken aktuell viele Singles, dass Alleinsein wohl doch keine so schöne Option ist und es macht sie aufgeschlossener. Viele Menschen berichten mir, dass sie sich in dieser Zeit mehr mit sich selbst und ihren Mustern auseinandergesetzt haben – das macht uns allgemein ‚liebesfähiger‘ und wir sind auch gefordert, uns ein bisschen mehr Mühe zu geben, aufgeschlossener zu sein, freundlicher zu sein.“

Das Comeback vom guten, alten Telefonsex?

Wem es aber doch in erster Linie um Sex gegen die Einsamkeit geht, dem stehen viele Alternativen zur Verfügung. Als erstes natürlich „Sexting“. Das Wort setzt sich zusammen aus Sex und Texting. Was bereits alles erklärt. Beim „Sexting“ können Mann und Frau ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Vielleicht wollen wir gar nicht wissen, wer wirklich hinter dem eloquenten, smarten Typen steckt, der uns mit heißen Nachrichten von der Netflix-Serie ablenkt, weil er in Wirklichkeit gar nicht unser Typ wäre. Neben der Vorstellungskraft benötigen wir beim „Sexting“ noch ein wenig Feingefühl für unser Gegenüber. Was kann ich schreiben? Was geht zu weit? Das richtige Gefühl dafür bekommen wir aber vor allem, indem wir uns ausprobieren.

Im Netz gibt es viele Tipps, wie „Sexting“ richtig funktioniert. Am Besten aber: selber ausprobieren. Foto: Beispielbild/ Unsplash

Wem „Sexting“ zu abstrakt ist, der kann auch einen Schritt weitergehen. Wer kennt ihn noch? Den – mehr oder weniger – guten, alten Telefonsex! In den 90ern gab es dutzende kostenfreie und kostenpflichtige Telefonnummern, die man anrufen konnte, um ein paar heiße Minuten oder vielleicht auch das ein oder andere heiße Stündchen am Telefon zu verbringen. Erleben wir in Zeiten der Pandemie jetzt ein Comeback erotischer Telefondates? Experten sagen, ja. Auch hier ist Vorstellungskraft gefragt. Das kann abenteuerlich sein und eine Menge Spaß bringen. Wie sieht die Frau hinter der unfassbar erotischen Stimme aus?

Und auch das lässt sich noch steigern. Wie wäre es mit Videochat-Sex? Statt zum Telefonhörer zum Tablet zu greifen, ist die einfachste Sache der Welt. So sehen wir dann auch etwas von unserem Gegenüber. Allerdings ist dies die Variante für die Selbstbewussten unter uns und nur für diejenigen geeignet, die eine stabile Internetverbindung haben. Denn, wer will schon, dass die Verbindung im aufregendsten Moment auf einmal hakt oder gar abbricht? Das könnte wenig befriedigend sein. Auf jeden Fall aber ist es eine wirklich safe Variante des One-Night-Stands.

Erlebt Telefonsex ein Comeback? Oder sind wir schon beim Videosex angekommen? Foto: Charles Deluvio

Vor dem ersten wirklichen Treffen kommt das virtuelle Date

Kommen wir zurück zu denen, die auf der Suche nach mehr sind, denn virtuelle Dates sind auch ganz ohne Sex möglich. Dating Coach Nina Deißler rät zu Kreativität in Zeiten der Isolation: „Auch ein virtuelles Date kann Spaß machen, wenn man etwas Kreativität ins Spiel bringt: Wie wäre es mit einem Abendessen bei Kerzenschein? Einfach die Kamera und den Bildschirm dort positionieren, wo eigentlich das Date sitzen würde. Auch gemeinsam kochen per Videochat kann richtig Spaß machen. Lesen Sie gemeinsam ein Buch oder spielen Sie sich gegenseitig Ihre Lieblingsmusik vor – das verbindet und macht Lust darauf, es bald real zu teilen.“

Das erste Kaffee-Date kann jetzt ganz entspannt im Bett stattfinden. Foto: Bruno Cervera

Die Liste ließe sich noch ins Unendliche weiterführen: Ein Kaffee-Date im Bett, ein digitales Treffen auf ein Glas Wein oder der „gemeinsame“ Besuch eines der vielen #stayhome-Konzerte? Vielleicht packt das Date auch selbst die Gitarre aus und stimmt ein Ständchen an – zu Hause hat man das Instrument parat, beim Date in der Bar ist es eher selten dabei. Mit ein wenig Kreativität können Singles sich hier wunderbar ausleben und den anderen auf diese sehr intime Weise kennenlernen, denn wann holt man sich das erste Date schon gleich in die eigenen vier Wände?

Einen ganz wichtigen Tipp hat die Expertin in Liebessachen noch für das Online-Kennenlernen: „Was immer Sie tun: Jammern Sie nicht und teilen Sie auch keine Kritik oder Verschwörungstheorien in ihren Online-Dating-Chats. Das macht keinen besonders guten Eindruck und es hilft ja auch nicht, die Zeit zu verkürzen.“

Selten beim Date dabei: Die Gitarre. Foto: Gill Dollar

Wie reagieren die Dating-Portale?

„Mehr denn je gilt jetzt das Motto ‚better safe than sorry‘. Deswegen solltet ihr von One-Night-Stands erstmal die Finger lassen“, empfiehlt die Dating-Plattform Jaumo. Das Team hinter dem Portal samt App hat Hinweise für seine Nutzer zusammengeschrieben, wie diese sich jetzt am Besten verhalten und wie Online-Dating aktuell aussehen kann.

Ähnlich sieht es auch bei Lovoo oder Deutschlands beliebtester Dating-App Tinder aus.

Dating-Apps und Plattformen erhalten mehr Zulauf durch Corona

Abgeschnitten von unseren Familien und Freunden, fühlen sich viele von uns in der sozialen Isolation einsam. Deshalb suchen wir nach Kontakten und Austausch. Und das zeigt sich auch in den Anmeldezahlen der verschiedenen Dating-Plattformen. Diese verzeichnen einen starken Anstieg ihrer Nutzerzahlen. So auch das Dating-Portal LemonSwan aus Hamburg. „Wir verzeichnen deutlich mehr Neuanmeldungen und die Aktivität auf der Plattform nimmt massiv zu.“ Bei den Frauen seien die Zahlen sogar um 30 Prozent angestiegen, erklärt CEO Sabine Schöler.

Auch Tinder verzeichnet einen Anstieg der Nutzerzahlen. Außerdem registriert die Dating-Plattform deutlich mehr neue Gespräche als normalerweise. Die täglichen Unterhaltungen sind deutschlandweit um 33 Prozent im Vergleich zur Vorwoche gestiegen. Die Unterhaltungen dauern im Durchschnitt sogar länger an als vor der Krise. Die Gesprächsdauer habe sich in Deutschland um 17 Prozent erhöht.

 

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Nur an der Oberfläche schwimmen, nervt auf die Dauer. Jetzt ist die Zeit, in richtig gute Gespräche einzutauchen. 🐠 Ohne Luft anhalten! #stayhome #staysocial

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Junge Liebe wird auf die Probe gestellt

Und für junge Paare? Für die sind diese Tage auch eine ganz besondere Herausforderung. Wer erinnert sich nicht gern an die anfängliche Zeit zurück, als alles neu war und es bei jedem Treffen im Bauch gekribbelt hat?

Außer einem Spaziergang oder es sich zu zweit, zu Hause gemütlich zu machen, ist gerade nicht viel drin. Klar, Sex gehört dazu, gerade zu Beginn am liebsten in jeder freien Minute, aber manchmal möchte man vielleicht doch auch etwas anderes machen. Und irgendwann wird das gemeinsame Kochen vielleicht langweilig, man will den anderen besser kennenlernen, etwas mit ihm erleben.

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Für den Anfang, aber – in dieser schwierigen Epoche, muss es ohne gehen. Expertin Nina Deißler empfiehlt: „Ein Picknick, auch wenn es auf dem Wohnzimmerfußboden stattfindet, einen Online-Tanzkurs, sich gegenseitig vorlesen oder auch mal neue Sexpraktiken ausprobieren. Sex fördert das Bindungshormon Oxytocin und das sorgt tatsächlich auch dafür, dass man sich weniger streitet und allgemein einfach besser drauf ist. Frei nach der Devise ‚vögeln statt hamstern‘.“ Und sicher ist: Es wird eine Zeit nach Corona geben, in der man vieles von dem, was jetzt auf der Strecke bleibt, nachholen kann.

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