Pandemie und Grippewelle: Sollte sich im „Corona-Jahr“ jeder gegen Influenza impfen lassen?

Foto: Pexels/Gustavo Fring

„Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“ Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn rät laut einem Bericht der Welt am Sonntag offenbar allen Eltern, sich und ihre Kinder in diesem Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, habe er der Zeitung gesagt. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hält jedoch dagegen und sagt, der Fokus in der Grippe­saison 2020/21 solle weiter „klar auf Risikogruppen für schwere Krankheitsverläufe liegen“.

STIKO: Impfschutz der Risikogruppen steigern

Um das Gesundheitssystem in der kommenden Grippesaison wirklich zu entlasten, sei laut STIKO der größte Effekt erzielbar, wenn die Impfquoten vor allem in den Risikogruppen „erheblich gesteigert“ würden – beispielsweise bei Senioren, chronisch Kranken, Ärzten, Pflegepersonal, aber auch bei Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und Bewohner*innen in Alters- oder Pflegeheimen. „Die geringen Impfquoten in der Saison 2018/19 in den Risikogruppen (ca. 35 % bei Personen im Alter von ≥60 Jahren und nur ca. 20–50 % bei Personen mit chronischen Grundleiden) verdeutlichen die hier dringend erforderliche Verbesserung“, heißt es in der Stellungnahme des unabhängigen Expertengremiums am Robert-Koch-Institut (RKI). Und obwohl in diesem Jahr deutlich mehr Impfstoffdosen als in den vergangenen Jahren verfügbar seien, „würden diese nicht für die Impfung der gesamten Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ausreichen“. Die STIKO spricht sogar davon, dass es „zu einer Unterversorgung der Risikogruppen“ kommen könnte, wenn sich nun jede*r in Deutschland dieses Jahr gegen die Influenza impfen lassen würde.

Hamburger Arzt rät zur Grippeimpfung für Kinder

Priv.-Doz. Dr. Jun Oh, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE rät Eltern dazu, Eltern, dieses Jahr ihre Kinder gegen Grippe impfen zu lassen. Foto: UKE

Dass es gerade im „Corona-Jahr“ wichtig ist, eine starke Grippewelle zu verhindern – da sind sich wohl alle Expert*innen einig. Während die STIKO dabei also eher auf die Verbesserung der Impfquoten in den Risikogruppen setzt, raten offenbar viele deutsche Kinderärzte allen Eltern dringend, ihre Kinder in diesem Herbst gegen Influenza impfen zu lassen. Diesen Rat teilt auch Dr. Jun Oh, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Hamburger UKE. „Dies gilt besonders für Kinder mit einem erhöhten Risiko, also mit einer Vorerkrankung wie zum Beispiel einer chronischen Lungenerkrankung, einer Herzkreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen, Diabetes oder anderen Stoffwechselkrankheiten“, sagte der Oberarzt gegenüber SAT.1 REGIONAL. Demnach sollten gerade auch Kinder unter einer immunsuppressiven Therapie oder Kinder mit einer Immunschwäche geimpft werden. Kinder hätten laut Dr. Jun Oh zudem in den ersten beiden Lebensjahren ein höheres Risiko, bei einer Influenza-Infektion stationär im Krankenhaus behandelt werden zu müssen und: „Kindern und Jugendlichen kommt bei der Entstehung und Ausbreitung einer Influenza-Epidemie eine besondere Bedeutung zu“, so der UKE-Mediziner.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Impfung?

Das RKI empfiehlt, sich im Oktober oder November impfen zu lassen, denn im Anschluss dauert es 10 bis 14 Tage, bis der Schutz vollständig aufgebaut ist. Die Grippewelle begann in den vergangenen Jahren meist im Januar oder Februar. Wichtig zu wissen: „Aufgrund der Veränderung des Virus ist die Schutzdauer meistens nur auf einen Winter begrenzt“, betont Dr. Jun Oh vom UKE. Eine Impfung ist also jedes Jahr aufs Neue nötig. Seit dem vergangenen Jahr übernehmen die Krankenkassen die Kosten für den Impfstoff. Wer Fieber hat (über 38,5°C) oder an einer akuten Infektion leidet, sollte nicht geimpft werden, bis er oder sie wieder gesund ist. Die Impfung sollte dann so bald wie möglich nach­ge­holt werden.

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Gloria Saggau 

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