Bis zu zwei Jahre Gefängnis: „Upskirting“ ist jetzt strafbar

Mit dem Handy einer Frau unter den Rock fotografieren oder filmen und die intimen Bilder möglicherweise auch noch ins Netz stellen? Das nennt sich „Upskirting“ und ist für die Betroffenen ein regelrechter Alptraum. Zwei Betroffene haben es mit ihrer Petition geschafft, dass „Upskirting“ jetzt härter bestraft wird

Wenn eine Frau mit einem Rock in einer vollen Bahn steht, muss sie fürchten, dass jemand womöglich eine Kamera darunter hält, ein Foto schießt und es verbreitet. Wer sogenanntes „Upskirting“ betreibt, macht sich aber in Zukunft strafbar: Der Bundestag beschloss am frühen Freitagmorgen ein Gesetz, das eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe vorsieht. Gelten soll es voraussichtlich ab dem Herbst. Das Gesetz geht auf eine Initiative aus Baden-Württemberg zurück.

Auf „Upskirting“ gibt es bald eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahre oder eine Geldstrafe. Foto: Heitor Verdi von Pexels

„Einer Frau unter den Rock oder in den Ausschnitt zu fotografieren, ist eine schamlose Verletzung ihrer Intimsphäre“, sagt Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Solche Grenzüberschreitungen seien nicht hinnehmbar.

Zwei gebürtige Niedersächsinnen brachten die Initiative auf den Weg

Die gebürtige aus Salzgitter stammende Hanna Seidel, die mittlerweile in Ludwigsburg bei Stuttgart lebt, freut sich über das neue Gesetz. „Das ist ein ganz großes Symbol für Justiz, Politik und Gesellschaft. Die Symbolkraft sollte nicht unterschätzt werden.“ Es sei wichtig zu zeigen, dass nicht erst bei Berührungen in die sexuelle Selbstbestimmung eingegriffen werde. Die 29-Jährige hatte zusammen mit ihrer Freundin Ida Marie, die sie in Hildesheim kennengelernt hatte, mit der Petition „Verbietet Upskirting in Deutschland!“ die Debatte über das Thema in Gang gebracht. Mehr als 100.000 Unterzeichner schlossen sich an.

Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und das Saarland nahmen sich des Themas an und starteten eine Gesetzesinitiative im Bundesrat. Seidel sagt, das Gesetz löse nicht gänzlich das Problem: „In der Gesellschaft muss noch viel passieren. Aber es ist ein richtiger und sehr wichtiger Schritt.“

Das findet Pickert auch. Das Fotografieren von Frauen im öffentlichen Raum gegen ihren Willen sei kein Kavaliersdelikt: „Es ist übergriffig, es ist eine Form von sexualisierter Gewalt und so sollte man damit auch umgehen.“ Zwar sei grundsätzlich immer die Frage, ob Strafen Menschen davon abhielten, etwas zu tun. Das Gesetz aber sei richtig: Sexualisierte Gewalt müsse als Thema ernst genommen werden und genau das müsse sich auch im Strafmaß widerspiegeln.

Die Fotos werden auch oft im Internet veröffentlicht – für die Betroffenen ein Alptraum

„Diese Aufnahmen sind demütigende Eingriffe in die Intimsphäre und werden nun strafrechtlich verfolgt“, sagte Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU). Die betroffenen Frauen würden auf diese Weise als bloßes Objekt der Begierde herabgewürdigt. „Noch schlimmer ist es, wenn in der Folge solche Aufnahmen regelmäßig über das Internet einem unbegrenzten Kreis von Personen zugänglich gemacht werden.“ Die Strafbarkeitslücke sei nun geschlossen.

Vor allem in großen Menschenmengen finde „Upskirting“ statt, sagt Nils Pickert von der feministischen Organisation Pinkstinks – in Bus und Bahn, auf Festivals, in Clubs und Bars. „Es gibt Leute, die verteilen winzige Kameras auf öffentlichen Toiletten, um damit Frauen abzufilmen.“ Die Fotos seien oft für den persönlichen Gebrauch – würden aber auch häufig mit Bekannten oder im Internet geteilt.

Auch das sogenannte „Downblousing“ sei weit verbreitet, sagt Pickert – das heimliche Fotografieren in den Ausschnitt. „Zum Beispiel wenn ich Ihnen auf einer gegenläufigen Rolltreppe entgegenkomme, so tue, als würde ich auf meinem Handy etwas lesen, in Wahrheit aber ihre Brust fotografiere oder filme.“

„Upskirting“–Aufnahmen sind demütigende Eingriffe in die Intimsphäre. Foto: cottonbro von Pexels

Das neue Gesetz erntet auch Kritik

Die Essener Rechtsanwältin Jenny Lederer sieht das Gesetz hingegen kritisch. „Es gibt keine validen Zahlen, wie häufig dieses Problem vorkommt. Deshalb hat das Gesetz aus meiner Sicht nur Symbolcharakter.“ Natürlich sei es unangemessen und ungehörig, heimlich zu fotografieren und die Gesellschaft müsse sensibilisiert werden, ein einzelnes Phänomen aber zielgerichtet als Straftatbestand auszugestalten, sei problematisch. „Strafrecht muss wirklich das letzte Mittel sein, um auf etwas Unerwünschtes zu reagieren. Das ist wirklich ein scharfes Schwert, um mit dem Problem umzugehen“,  sagt die Fachanwältin.

Lederers Meinung nach hätte es ausgereicht, Upskirting weiter als Ordnungswidrigkeit zu führen – die mit einer Geldbuße geahndet werden kann.

Auch das Fotografieren von toten Unfallopfern oder Schwerverletzten wird härter bestraft

Nicht nur, wer heimlich intime Fotos von Frauen macht, wird künftig härter bestraft. Wer schwer verletzte Unfallopfer oder gar Tote aus reiner Sensationsgier fotografiert, verletze jeden menschlichen Anstand, sagt Ministerin Lambrecht. „Oft werden dabei auch noch Rettungskräfte behindert, die alles tun, um Leben zu retten.“ Bislang ist das Fotografieren von Toten nicht strafbar. „Diese Lücke schließen wir jetzt. Den Angehörigen müssen wir das zusätzliche Leid ersparen, dass Bilder ihrer verstorbenen Eltern oder Kinder auch noch verbreitet werden.“

Mit dpa

Keine Fotos unter Röcken – Upskirting soll endlich strafbar werden

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