Alltagsrassismus gegen Schwarze: Was bleibt vom #blackouttuesday?

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis (USA) gibt es Anteilnahme und inzwischen immer mehr Protestbewegungen auf der ganzen Welt – auch bei uns in Norddeutschland. Am Dienstag fand in den sozialen Netzwerken, vor allem auf Instagram, der Aktionstag #blackouttuesday statt. Ob das reicht, darüber haben wir mit Aminata Touré, Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags, gesprochen.

Aminata Touré, Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages. Foto: Shaheen Wacker

Aminata Touré (Grüne) ist Sprecherin für Flucht und Migration, Antirassismus, Frauen und Gleichstellung, Kinder und Jugend, Queerpolitik und Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages. Sie ist die jüngste und erste afrodeutsche Vizepräsidentin in ganz Deutschland. Am 15. November 1992 wurde die Tochter malischer Flüchtlinge in Neumünster geboren. Dort ist sie auch aufgewachsen. In einer Stadt, die überregional auch für ihre Neonazi-Szene bekannt ist.

SAT.1 REGIONAL: Wie war das für Sie, als schwarzes Mädchen in Neumünster aufzuwachsen?

Aminata Touré: Das ist – wie für viele Menschen, die von Rassismus betroffen sind – natürlich eine Konfrontation mit dieser Situation. Aber wie das als Kind eben ist: Viele Dinge nimmt man als gegeben wahr. Dass Nazis in der Stadt auflaufen, hat man für normal gehalten. Auf der anderen Seite habe ich die Stadt damit verknüpft, dass es auch immer einen Widerstand gab. Es gab keine Demo, bei der nur Nazis waren, sondern auch immer Menschen, die dagegengehalten haben. Das fand ich immer wichtig.

SAT.1 REGIONAL: Heute leben Sie nicht mehr in Neumünster. Doch was empfinden Sie, wenn Sie in Ihre Heimatstadt zurückkehren? Hat sich etwas verändert?

Aminata Touré: Neumünster ist mein Wahlkreis und für mich wird es immer meine Heimatstadt bleiben. Es ist ein Ort, an dem es sich wirklich lohnt, diese Auseinandersetzung zu führen, weil es eine sehr vielfältige Stadt ist – auch durch die Erstaufnahmeeinrichtung, die wir dort haben für Menschen, die auf der Flucht waren. Es ist natürlich auch eine sehr migrantische Stadt, aber es ist auch eine Stadt, die stark von Armut betroffen ist und ich glaube, Neumünster – so schlecht der Ruf dieser Stadt sein mag – zeigt einfach, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Man kann natürlich immer schlecht über diese Stadt sprechen und sagen, sie sei nicht schön oder da gäbe es zu viele Nazis, aber für mich ist es mein Zuhause. Ein schöner und lebenswerter Ort.

SAT.1 REGIONAL: Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis (USA) gibt es Anteilnahme und inzwischen immer mehr Protestbewegungen auf der ganzen Welt. Warum hat Ihrer Meinung nach gerade dieser Fall so viel Aufsehen erregt? Alltagsrassismus gegen Schwarze ist ja leider kein neues Problem…

Aminata Touré: Ich glaube, das sind mehrere Faktoren. Es geht nicht nur um den Fall an sich, sondern um den strukturellen Rassismus, den es in den USA gibt – den es aber auch in vielen anderen Ländern gibt. Die USA sind inmitten einer Gesundheitskrise. Afroamerikaner*innen sind davon am meisten betroffen, weil sie strukturell auch hier benachteiligt sind und tatsächlich am meisten sterben, weil sie keine gute Gesundheitsversorgung haben. Es zeigt einfach die Tiefen des Rassismus.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Black Lives Matter #blackouttuesday

Ein Beitrag geteilt von Aminata Touré (@aminajmina) am

SAT.1 REGIONAL: Am Dienstag gab es den #blackouttuesday. Wie bewerten Sie eine solche Social-Media-Aktion? Machen es sich einige damit nicht etwas zu leicht, einfach „nur“ eine schwarze Kachel zu posten und danach zum Tagesgeschäft überzugehen?

Aminata Touré: Ich habe bei der Aktion auch mitgemacht und fand es, ehrlich gesagt, auch super, dass sich viele Menschen daran beteiligt haben. Weil es nichts anderes ist, als Solidarität zu zeigen. Und das ist für Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ein großartiges Zeichen. Man darf natürlich nicht dabei stehen bleiben. Es ist ja nicht so, dass man Rassismus bekämpft hat, nur weil man jetzt eine schwarze Kachel gepostet hat. Es ist ein erster Schritt, um auf das Thema aufmerksam zu machen und das hat diese Aktion definitiv geschafft. Was aber darüber hinaus stattfinden muss, ist natürlich eine Auseinandersetzung mit Rassismus, auch bei jedem Einzelnen. Sich selbst auf eine anti-rassistische Reise zu begeben, ist jetzt notwendig.

SAT.1 REGIONAL: Google hat bei den Suchanfragen in den vergangenen sieben Tagen einen Anstieg um mehr als 5.000 Prozent verzeichnet, was geplante Protestaktionen in Deutschland angeht (zum Beispiel die Anfrage „black lives matter hamburg demo“). Freut Sie das?

Aminata Touré: Ja, definitiv. Wenn man ein Mensch ist, der von Rassismus betroffen ist und auch noch in der Politik arbeitet, dann weiß man, dass es nicht oft Momente gibt, um über diese Themen auch wirklich breit zu diskutieren. Und wenn solche Momente aber tatsächlich dazu genutzt werden, um schwarze Stimmen zu hören, dann ist das natürlich gut. So traurig es ist, dass es notwendig ist, dass jemand dafür sein Leben verlieren musste.

SAT.1 REGIONAL: Was fordern Sie jetzt ganz konkret von den Menschen in (Nord)Deutschland, um ein nachhaltiges Zeichen gegen Rassismus zu setzen?

Aminata Touré: Von der Zivilgesellschaft wünsche ich mir vor allem ein starkes Zuhören – übrigens auch von der Politik. Bei dem Thema Rassismus geht es oft darum, dass Menschen immer erst einmal infrage stellen, ob es Rassismus überhaupt gibt. Auch in Schleswig-Holstein. Natürlich gibt es in Schleswig-Holstein auch Rassismus und den erleben Menschen, die von Rassismus betroffen sind, hier. Und deswegen ist es wichtig, dass wir denjenigen, die betroffen sind, zuhören und dass wir vor allem auch einschreiten, wenn wir rassistische Vorfälle sehen.

Wenn ich auf der Straße, im Bus, im Zug, im Alltag bei vermeintlich lustigen Sprüchen mitbekomme, dass da gerade Menschen rassistisch beleidigt werden oder sonstige rassistische Sprüche fallen, dass ich dann sage: „Ganz ehrlich, das geht nicht. Das finde ich falsch!“ Und ich glaube, das passiert zu wenig. Mir wird ganz oft von rassistischen Situationen berichtet mit dem Kommentar: „Unmöglich!“ Ich frage dann immer als erstes: „Und was hast du getan, um dem Einhalt zu gebieten?“ Das kann keine Aufgabe sein, die nur Minderheiten lösen können. Dass wir alleine dafür verantwortlich sind, dass Rassismus nicht mehr stattfindet. Da muss jeder laut sein und aufstehen und sich positionieren.

Und wenn man unsicher ist in diesem Themenfeld, was ich verstehen kann, dann gibt es die Möglichkeit, sich tatsächlich einfach mal einzulesen. Es gibt zum Beispiel das wunderbare Buch „Exit Racism“ von der Anti-Rassismus-Expertin Tupoka Ogette oder aber auch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ von Alice Hasters. Das sind tolle Werke, mit denen man sich tatsächlich einfach mal mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen kann und auch Handlungsempfehlungen bekommt. Die Menschen haben sich diese Arbeit gemacht, also Buch kaufen und lesen, wenn man sich intensiver damit auseinandersetzen möchte.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

„In den USA werden Schwarze Menschen erschossen, so schlimm habt ihr es hier in Deutschland doch gar nicht.“ Ihr wisst nicht, wie oft ich diese ignorante Aussage schon ins Gesicht gesagt bekommen habe. Oder vielleicht doch, weil ihr die selbe Erfahrung macht, weil ihr Brüder und Schwestern seid. Es tut jedes Mal weh diese Bilder und Videos zu sehen. Jedes Mal gehen sie viral und wir müssen uns ansehen, wie Schwarze Menschen wie Tiere hingerichtet werden. Diese Bilder und Videos werden geteilt, ohne sich Gedanken dazu zu machen, was sie bei uns auslösen. Die Brutalität der Videos oder Bilder müssen nicht geteilt werden, um zu verstehen, wie Schwarze Menschen behandelt werden. Wir wissen das und ihr wisst das auch. Jedes Mal, wenn ein Bruder oder eine Schwester sterben muss, weil er oder sie in einer Welt lebt, in der Schwarzsein ein größeres Problem ist, als ein Rassist zu sein, schmerzt es. Deshalb heute an meine Schwestern und Brüder, es ist okay, nichts zu teilen, nichts zu schreiben, sich diese Videos nicht anzusehen. Es ist in Ordnung einfach nur zu trauern oder es nicht zu ertragen. Heute wie an jedem anderen Tag, an dem ein Rassist einen Bruder oder eine Schwester ermordet. Wenn ihr jetzt wiederholt fragt, warum wir von #Blacklivesmatter und nicht alllivesmatter sprechen, dann tut das gerne, aber woanders, denn ich diskutiere das nicht mehr, solange Rassisten meine Brüder und Schwestern ermorden. Beim Schwarzsein geht es um mehr als um die Hautfarbe. Es geht um die Erfahrungen, die wir teilen. Weltweit. Deshalb denke ich heute an meine Schwestern und Brüder weltweit, die alleine oder gemeinsam für eine Welt kämpfen, in der wir als Menschen akzeptiert und behandelt werden. #georgefloyd #blacklivesmatter

Ein Beitrag geteilt von Aminata Touré (@aminajmina) am

SAT.1 REGIONAL: Was hat die Politik (auch in Schleswig-Holstein) denn bislang unternommen, um Rassismus zu bekämpfen? Was ist noch geplant oder was muss Ihrer Meinung nach noch dringend geschehen?

Aminata Touré: Von den norddeutschen Politiker*innen erwarte und fordere ich, dass wir uns mit aller Energie und Kraft mit dem Aktionsplan gegen Rassismus auseinandersetzen. 2017 war das mein Kernprojekt bei den Koalitionsverhandlungen und die Ministerien sind jetzt gerade dabei, strukturelle Maßnahmen zu benennen, wie man Rassismus in jeglichen Bereichen – in staatlichen Institutionen, in der Zivilgesellschaft, in Schulen, usw. – begegnen kann. Da habe ich eine hohe Erwartungshaltung an die Landesregierung. Wir als Parlament werden uns, nach dem Vorschlag der Landesregierung, selbst ranmachen und unsere Vorschläge einbringen und da kann ich nur sagen: Ich habe einen eigenen Aktionsplan, den ich da mit einfließen lassen werde.

SAT.1 REGIONAL: Sind unsere Polizeikräfte in Schleswig-Holstein denn genügend geschult und umfassend anti-rassistisch ausgebildet oder muss sich auch hier noch etwas tun?

Aminata Touré: Ich habe im Januar zusammen mit Ministerpräsident Daniel Günther die Patenschaft für unsere Polizeischule in Eutin übernommen. Da geht es um das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Ich habe mit Polizeischüler*innen viel darüber diskutiert, was eigentlich passieren muss. Das hat mich sehr gefreut. Und die sind jetzt in der Verantwortung, zusammen mit der Leitung, sich die Frage zu stellen, was sie wirklich aktiv tun können, um dem Einhalt zu gebieten. Dass man zum Beispiel Fortbildungen, Schulungen oder auch einfach mal Workshops stattfinden lassen kann, als fester Bestandteil der Ausbildung. Das Problem ist immer: Wenn man die Wörter Polizei und Rassismus in einem Satz fallen lässt, sind alle immer sofort in einer Abwehrhaltung. Wie könne man der Polizei das bloß unterstellen usw.

Das, was man voraussetzen muss, ist: Rassismus ist etwas, was uns alle betrifft. Wir haben ihn alle als Gesellschaft inhaliert. Das, was wir tun müssen, ist es, zu entlernen. Deswegen ist es auch kein Vorwurf, dass man auch von der Polizei erwartet, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und man erwartet es von der Polizei nun einmal vor allem, weil es sich um eine staatliche Institution handelt, die dafür da ist, Bürger*innen zu schützen und für Recht und Ordnung zu sorgen. Alle unsere staatlichen Institutionen sind in der Pflicht, sich zu immunisieren und das geht nur mit einer ernsthaften Auseinandersetzung. Das wünsche ich mir für unsere Polizei, dass wir Aus- und Fortbildungen dort wirklich fest verankern. Da hat man sich in Eutin sehr offen gezeigt. Polizeischüler*innen haben aber angemerkt, dass es auch im Laufe ihrer Karrieren immer wieder Schulungen geben müsse. Man erwartet und verlangt von uns als Zivilgesellschaft, in der Polizei, in der Justiz, in der Politik, in der Verwaltung usw. eine regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema.

 

Gloria Saggau

Weiterführende Informationen:

#blackouttuesday: Netzgemeinde reagiert weltweit auf Tod von George Floyd

Copy LinkCopy LinkShare on MessengerShare on Messenger
Zur Startseite